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Recherchegruppe: Opfer hätten Notausgang erreichen können

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Über den Notausgang an einem der Tatorte wurde im Hanau-Untersuchungsausschuss schon mehrmals debattiert. Am Freitag ging es unter anderem um die Frage, ob die Opfer die unter Umständen rettende Tür hätten erreichen können.

Wiesbaden - Im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags zum rassistischen Anschlag von Hanau sind am Freitag die Recherchen der Gruppe Forensic Architecture (FA) zum Notausgang an einem der Tatorte Thema gewesen. Ein Vertreter des Kollektivs sagte im Parlament in Wiesbaden, dass die Besucher der Arena-Bar vor dem Täter mutmaßlich hätten fliehen können, wenn der Notausgang nicht verschlossen gewesen wäre.

Sie hätten nach Auftauchen des Täters genügend Zeit gehabt, den Notausgang zu erreichen, erläuterte der Journalist von FA. Das habe die Auswertung von Videomaterial der Kameras aus der Arena-Bar ergeben. Er erklärte, die Besucher hätten aber gewusst, dass der Notausgang verschlossen gewesen sei und seien daher in einen anderen Teil des Raumes gerannt - in eine Sackgasse.

Ein früherer Mitarbeiter der Arena-Bar berichtete im Ausschuss, der Notausgang sei auf Anweisung des Chefs stets verschlossen gewesen. Wenn er die Tür hätte passieren müssen, etwa um Müll rauszubringen, habe er sie stets auf- und wieder abschließen müssen, sagte der 41-Jährige. Auch ein 30 Jahre alter regelmäßiger Besucher sagte als Zeuge, die Tür sei meist verschlossen gewesen - und dies sei auch unter den Gästen bekannt gewesen.

Unter anderem von der FDP-Fraktion kam Kritik an dem FA-Gutachten. Unter anderem werde nicht beachtet, dass die Fliehenden sich womöglich an Engstellen gegenseitig auf der Flucht behindern.

Ein 43-jähriger Deutscher hatte am 19. Februar 2020 in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen, unter anderem in der Arena-Bar. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Der Untersuchungsausschuss soll klären, ob es rund um die Tat zu einem Behördenversagen kam. Überlebende sowie Opfer-Angehörige hatten Vorwürfe erhoben, weil der Notausgang verschlossen und damit ein Fluchtweg versperrt gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft war den Vorwürfen nachgegangen und hatte im August 2021 die Ermittlungen eingestellt. „Konkrete tatsächliche Anhaltspunkte dahingehend, dass durch Polizeibeamte oder Angehörige des Ordnungsamtes ein Verschließen des Notausgangs angeordnet oder geduldet worden wäre, haben sich nicht ergeben“, erklärte die Ermittlungsbehörde damals. Es sei auch unklar, ob zwei der Opfer durch einen unverschlossenen Notausgang hätten flüchten können.

Forensic Architecture (FA) wurde 2011 in London gegründet. Die Mitarbeiter sehen sich als „Recherchekollektiv“ und „Forschungsagentur“. Sie setzen moderne Methoden und Technologien ein, um Daten auszuwerten und Spuren zu analysieren, etwa 3D-Modellierung, Geomapping und digitale Rekonstruktion, aber auch investigative Recherchen. Dabei arbeiten sie ausschließlich für Zivilpersonen, vor allem für die Opfer staatlicher Gewalt.

Eine psychologische Sachverständige sagte, dass Menschen in einer Gefahrensituation nicht automatisch sofort in Panik verfallen. Grundsätzlich würde jemand nicht in die Richtung fliehen, aus der die Gefahr komme, erläuterte die 62-Jährige. Zudem folgten Menschen in einer solchen Situation anderen Personen, denen sie vertrauten, und sie nutzten eher bereits bekannte Fluchtwege. dpa

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