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Mit Tweed-Jackett in Haft: Rädelsführer der Reichsbürger-Gruppe in Handschellen abgeführt

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Von: Sabine Schramek

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Die Bundesanwaltschaft hat bei einer Razzia 25 Zugehörige der Reichsbürgerszene festnehmen lassen. Einer der Rädelsführer sitzt in Frankfurt.

Frankfurt – Um 6.01 Uhr betreten Spezialkräfte der Bundespolizei, des Bundeskriminalamtes und des Landeskriminalamtes den unscheinbaren Altbau im Nordend. Sie verschaffen sich Zugang in die Büros im 1. Stock, in dem Heinrich XIII. Prinz Reuss (71) mit einem weiteren „Adeligen“, einem Tour-Büro sowie einem weiteren Mann eine Firma hält, die „die Koordination geschäftlicher Interessen“ zur Aufgabe hat.

Massenweise Aktenordner sind zu sehen, auf deren gelben Rücken fett das Wort „BRD“ mit schwarzem Edding geschrieben wird. Ein Streifenwagen hat die Straße abgesperrt, aus zivilen Fahrzeugen steigen ein Dutzend Beamte, um die Räumlichkeiten des mutmaßlichen Rädelsführers der Reichsbürgerszene zu durchsuchen. Der Mann, der hier als Makler, Management-Dienstleister, Immobilien-Agent, Makler und Verwalter arbeitet und gegen den ein Haftbefehl vorliegt, ist nicht hier.

Im selben Gebäude sitzt ein Anwaltsbüro. Gegen einen der Anwälte wird zurzeit wegen des Anfangsverdachts der Beihilfe zur Geldwäsche durch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ein anderer Anwalt sitzt in diesem Verfahren bereits wegen Drogenhandels in Untersuchungshaft, gegen einen Richter ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt wegen des Verdachts der Verletzung von Dienstgeheimnissen und Rechtsbeugung.

Bei einer Razzia gegen sogenannte „Reichsbürger“ führen vermummte Polizisten, nach der Durchsuchung eines Hauses Heinrich XIII Prinz Reuß zu einem Polizeifahrzeug.
Bei einer Razzia gegen sogenannte „Reichsbürger“ führen vermummte Polizisten, nach der Durchsuchung eines Hauses Heinrich XIII Prinz Reuß zu einem Polizeifahrzeug. © Boris Roessler/dpa

Frankfurt: Polizei durchsucht Büroräume bei Reichsbürger-Razzia

Es ist still in der Straße im Nordend. Passanten gucken besorgt, warum voll vermummte Polizisten vor dem Gebäude stehen. „Stimmt das, was ich im Radio gehört habe?“, fragt ein Mann. „Reichsbürger. Hier? Dann muss ich hier wegziehen. Ich dachte, die Gegend sei in Ordnung“, sagt er schockiert. Schnell spricht sich herum, dass der Prinz nicht „der nette Mann von nebenan“ ist. „Der ist immer höflich. Oft kommt eine Frau mit Trisomie 21. Zu der ist er immer sehr nett“, murmelt ein Nachbar. „Ich habe unzählige Pakete für ihn angenommen. Wer weiß, was das war“, berichtet ein Mann schockiert.

Während die Büroräume durchsucht werden, stehen Polizistinnen und Polizisten auch im Westend vor einem Altbau. Zeitgleich mit den Räumen im Nordend werden auch hier Räume durchsucht. Vor dem edlen Haus, in dem der Prinz wohnt, parkt ein Audi mit dem Saale Orber Kennzeichen PR 13. Stunden später wird er abgeführt. In rostfarbener Cordhose, blauem Jeanshemd und senffarbenem Tweed- Jackett mit orangen Karos. Er leistet keinen Widerstand.

Reichsbürger-Razzia in Frankfurt: Anwohnerinnen und Anwohner zeigen sich schockiert

Seinen Reichsbürgerplänen geht der Prinz hauptsächlich in seinem Jagschloss an der Saale nach. Dort sollen Reichsbürger das Anwesen für Treffen nutzen und den Umsturz der Bundesregierung planen. In Frankfurt tritt der Immobilienunternehmer, dem 16 Immobilien in Frankfurt gehören sollen, selten öffentlich auf. Auch im Westend wundern sich Fußgängerinnen und Fußgänger über das hohe Polizeiaufgebot. Es wird getuschelt. Wie im Nordend hält es niemand für möglich, dass ein Reichsbürger direkt in ihrer Nachbarschaft lebt, der die Regierung stürzen will, den Bundestag stürmen und Politiker entführen will.

Vor einem weiteren Büro im Westend sind keine Beamten vor der Tür zu sehen. Hinter den geschlossenen Fenstern sollen sich die Beamten aufhalten. Im Nordend bleibt die Eingangstür von Polizistinnen und Polizisten bewacht. Briefträger, Paketboten und Anwohner werden angehalten und kontrolliert, bevor sie das Gebäude betreten dürfen. Ein Lastenradfahrer fährt schnell an der Immobilie vorbei und ruft „wo hier in der Straße sind die Reichsbürger?“.

Im Laufe des Tages kommen immer mehr Leute in die sonst ruhige Straße, zeigen mit den Fingern auf das Haus und unterhalten sich über die Razzien. Die Polizei hat das Fenster nicht mehr mit der Lamellen-Jalousie zugehängt, sondern mit schwarzer Folie, die regelmäßig wackelt, wenn die Beamten Ordner aus den Regalen nehmen. „Ich will mir gar nicht vorstellen, dass hier so schreckliche Verbrechen geplant werden“, sagt eine Frau. „Wer weiß, was sich hier sonst noch so tummelt.“ Dass der Mann, der „immer mit dem Fahrrad ins Büro kommt und freundlich grüßt“, der Kopf eines Terrornetzwerks sein soll, schockiert die Nachbarn. „Er ist leise und eigentlich unauffällig“, sagen sie, allerdings kennt ihn auch niemand näher. Auch junge Leute schütteln den Kopf. „Es ist gut, dass er verhaftet wurde. Hoffentlich kann er kein Unheil mehr planen und anrichten.“ Um 15 Uhr sind die Beamten immer noch im Büro und durchsuchen die Räume. (Sabine Schramek)

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