3,6 Millionen Putzfrauen in privaten Haushalten

Reportage: Die gute Perle schweigt

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Rubenilda Maria de Jesus Bröckl ist allein im Haus. Die Bewohner können noch nicht lange fort sein. Der Restkaffee in der Tasse ist noch warm. Auf dem Esstisch steht ein angegessener Joghurt.

Rubenilda Maria de Jesus Bröckl ist allein im Haus. Die Bewohner können noch nicht lange fort sein. Der Restkaffee in der Tasse ist noch warm. Auf dem Esstisch steht ein angegessener Joghurt. Da hat der Junior wohl heute morgen keinen Appetit gehabt. Daneben ein angebissenes Brötchen, Pizzakartons auf der Arbeitsplatte, ein wenig Geschirr, zwei, drei Besteckstücke, Krümel. Ein Blick in die Pizzakiste: Das kann weg. Beni – so nennen die Auftraggeber Maria de Jesus Bröckl – schlüpft in die Schlappen und startet zum Sondierungsgang über die drei Etagen des Hauses im Vordertaunus. „Ich verschaffe mir immer erst einen Überblick“, sagt sie. Dann entscheidet sie, was neben den Standardarbeiten noch zu tun ist.

Beni hat schon an allen möglichen Orten als Putzfrau gearbeitet. Haushaltshilfe ist das vornehmere Wort dafür. Beni ist das egal. Sie macht sauber, räumt auf und organisiert Lebensräume, in Möbelhäusern, Krankenhäusern, Schnellrestaurants, psychiatrischen Einrichtungen und Altenheimen. Das hat sie schon in Brasilien getan. „Aber dort finden sie mit 30 keine Arbeit mehr“, sagt die 49-Jährige. Vor zwölf Jahren kam sie nach Deutschland.

Am liebsten arbeite sie für Privatleute, betont sie, öffnet die Waschmaschine und sortiert die frisch gewaschene Wäsche auseinander. „Das dürfen Sie nicht in den Trockner tun, das wird immer kleiner“, sagt sie und hängt die Jeans auf. Nein, bei den industriellen Auftraggebern habe sie sich nicht wohlgefühlt. „Dort hat man keinen Respekt vor uns“, sagt sie. Privatleute schätzten die Hilfe viel mehr. Außerdem biete der große Nationenmix in Reinigungstrupps ein hohes Konfliktpotenzial. Sie sei gemobbt worden. Und die Polen, die machten die Preise kaputt. Jetzt arbeitet Beni im Auftrag von „Personal Cleaner“ in Privathäusern.

Beni schnappt mit der rechten Hand den Staubsauger und mit der linken Schrubber und Putzeimer und erklimmt die Treppe ins Erdgeschoss – keinen Weg mit leeren Händen gehen. Beides abgestellt, dann noch ein Stockwerk höher, ein Blick ins Bad, ins Kinder- und ins Gästezimmer und in den Kleiderschrank: „Sie haben nicht viel Platz. Deshalb habe ich aufgeräumt“, erklärt sie und rückt die Kleiderbügel zurecht. Ist noch alles an seinem Platz? Ein paar ordnende Handgriffe. Die Bügelwäsche liegt schon im Korb. Die ist später dran. Erst geht es wieder runter, aber nicht, ohne die Mülltüten von oben mitzunehmen. „In der Küche fange ich immer an.“ Jetzt gibt Beni Gas: Arbeitsplatte freiräumen, Müllbeutel verknoten und raus schaffen. Der gelbe Sack kommt in die Garage, die Glasglocke des Obsttellers wird per Hand gespült. Das Geschirr kommt in die Spülmaschine. Dann mit dem Schwamm einmal den kompletten Deckel des Gerätes abgewischt, von innen und außen, und wieder zu. Die Schublade unter dem Herd hat es nötig. Also alles raus. Die Backbleche weichen ein, während Beni auf den Knien vor dem Ofen liegt, mit der Staubsaugerdüse bis in letzten Winkel saugt. Sie schrubbt. Nur der Fleck am Ofenfenster geht nicht weg. „Das ist innen drin, zwischen den Scheiben, schon länger“, sagt sie fest. Und es wurmt sie.

Minuten später hat sie die Krümel im hohen Bogen von der Arbeitsplatte gefeudelt, den Tisch abgewaschen und die Stühle, Staub gewischt, die Kissen des Sofas ausgeschüttelt und den Kaufladen des Nachwuchses geordnet. Dann kann auch schon gesaugt werden. Beni läuft zu Hochform auf. Unterm rechten Arm die Staubsaugerdüse, in den Händen die Tischdecke. Ausschütteln. Hätte sie eine dritte Hand, würde sie gleichzeitig noch nass durchwischen. Und mit einer vierten Hand auch gleich noch die Wäsche zusammenlegen. Ja, Beni ist eine Bilderbuch-Perle. Anekdoten aus ihrem Arbeitsalltag? Beni schlägt die Augenlider nieder. Es gäbe schon das eine oder andere Kuriose zu erzählen. Aber die gute Perle schweigt. „Die Menschen vertrauen mir und ich bin stolz, dass sie mir vertrauen.“ Natürlich bekomme sie einen tiefen Einblick in das Leben ihrer Auftraggeber. Manchmal mehr, als ihr lieb ist. Beni klopft auf ihren Oberschenkel. „Einmal, da hat sich eine Frau auf meinen Beinen ausgeweint. Aber ich komme damit klar, und es bleibt bei mir. Bei uns in Brasilien ist es so: Egal was passiert, wir sind fröhlich. Das sage ich auch manchmal den Leuten.“ Oft wird Beni zur Ratgeberin: Sei es bei der Wahl des Badezimmerreinigers, bei der Ordnung der Küchenschränke oder bei der Frage der Erziehung: „Ich hatte Respekt vor meiner Mutter, was sie sagte, das war Gesetz.“ Sie waren 16 Kinder.

Beni ist im ersten Stock angekommen. Waschbecken und Dusche auswischen, Fliesen wienern, Boden putzen. Die Hauskatze rekelt sich schläfrig auf dem gemachten Bett. Bevor Beni geht, wird sie sich noch zu Wort melden. „Ich muss ihr noch etwas zu fressen geben“, sagt Beni und sortiert die Bügelwäsche vor. Wenn Beni nach vier Stunden die Tür hinter sich zuzieht, ist das Haus blitzblank, die Wäsche im Schrank und die Katze satt. Bis nächste Woche, dann kommt Beni wieder.

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