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Einst galt er in vielen Regionen als ausgestorben, doch nun breitet sich der Biber in der Region immer weiter aus.

Herbst

Rhein-Main: Biber auf dem Vormarsch

Lange galt er als ausgestorben. Aber seit zwei Jahrzehnten breitet sich der Biber im Rhein-Main-Gebiet wieder aus. In diesem Jahr ist er im Westerwald aufgetaucht.

Stockenten und Zwergtaucher ziehen still ihre Bahn, unter den Zweigen einer Weide steckt eine scheue Bekassine den Schnabel ins Wasser. Ihren Teich verdanken sie einem Biber. Vor einem Jahr gab es oberhalb des Westerwald-Dorfs Freilingen nur eine Wiese am Saynbach. Als Anwohner den Staudamm entdeckten, dachten sie zuerst an Kinder. Aber Nagespuren an gefällten Weiden lassen keinen Zweifel daran, wer sich hier als Landschaftsarchitekt betätigt hat.

„Das ist eine kleine Sensation, dass wir den Biber jetzt auch im Westerwald haben“, sagt der Vorsitzende der Naturschutzinitiative, Harry Neumann. Die nächstgelegenen Biberstandorte gebe es in der Eifel und in Hessen. Lange Zeit vom Aussterben bedroht, breitet sich der Biber wieder aus – was in dicht besiedelten Regionen nicht ohne Konflikte bleibt.

So hat sich auch der Biberteich bei Freilingen in kurzer Zeit so sehr ausgedehnt, dass ein direkt vorbeiführender Wanderweg, der Westerwaldsteig, überschwemmt wurde. Die obere Naturschutzbehörde, die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord, genehmigte im Mai eine Wasserabsenkung. Steigt der Wasserstand, leiten zwei Rohre das Wasser aus dem flachen Teich in den Saynbach.

Diese Regulierung sollte auf einem weiterhin möglichst hohen Wasserpegel erfolgen, um den Standort für den Biber zu erhalten, erklärt eine Sprecherin der SGD Nord. „Zusätzlich wurden Gehölze vor einer Brücke zurückgeschnitten, damit der Biber-Damm vor dem Bauwerk keine Hochwassergefahr entwickeln kann.“ An der Planung habe neben der SGD Nord auch das Biberzentrum Rheinland-Pfalz sowie die Gemeinde mitgewirkt.

Neumann kritisiert jedoch, dass die Absenkung während der Brutzeit von Wasservögeln vorgenommen worden sei. Er sorgt sich besonders um das wie der Biber streng geschützte Tüpfelsumpfhuhn, das am Biberteich aufgrund seiner charakteristischen Rufe nachgewiesen worden sei. „Mit der Ankunft des Bibers ist die Artenvielfalt erheblich gestiegen“, erklärt Neumann und nennt neben den Wasservögeln auch Amphibien und Libellen. „Die Biber sind auf dem Vormarsch“, sagt Stefanie Venske, die das Biberzentrum der Gesellschaft für Naturschutz Rheinland-Pfalz leitet. „Wir haben jedes Jahr eine Zunahme von Revieren.“

Um das Jahr 1840 galt der Biber in Rheinland-Pfalz als ausgestorben. Etwa 1994 tauchte er am Eifel-Flüsschen Prüm wieder auf. Um das Jahr 2000 gab es erst zwei oder drei Standorte in der Eifel. Aktuell wird der Bestand auf 160 bis 200 Tiere geschätzt. Ihr Verbreitungsschwerpunkt in Rheinland-Pfalz liegt in der Westeifel, im Raum Saarburg bis Birkenfeld. Um den Schutz des Bibers kümmert sich seit 2005 das Biberzentrum an der Wappenschmiede im pfälzischen Fischbach, das in diesem Jahr mit 15 000 Euro vom Land gefördert wird. Landesweit wurde ein Netz an Biberbetreuern aufgebaut und für die Arbeit vor Ort geschult.

Zu Gesicht bekommt man den Biber nur selten. Deswegen weiß auch in Freilingen niemand genau, wie viele Tiere sich dort eingerichtet haben. Angesichts der umfangreichen Aktivitäten könne man von mehreren Tieren ausgehen, sagt Biber-Expertin Venske. „Es kann auch sein, dass sie im Mai schon Nachwuchs hatten.“ Von welcher Richtung sie gekommen seien, lasse sich nicht sagen. „Sie wandern auch über Land und nicht zwingend an den Wasserläufen entlang.“

Jetzt werden die Biber besonders rege. „Im Herbst sind sie in der Regel aktiver, weil sie dann die Burgen winterfest machen“, erklärt Venske. „Mehr als jedes andere Tier gestalten sie ihren Lebensraum selbst.“ Bei den Unwettern Anfang Juni wurden in der Eifel mehrere Biberdämme weggerissen. Für die Reparaturen nutzen Biber am liebsten das weiche Holz von Weiden, Pappeln und Apfelbäumen. Wird sich der Biber weiter ausbreiten? Ja, antwortet Josephine Keller vom Umweltministerium. „Der Biber hat noch längst nicht alle Fluss- und Bachsysteme rückerobert.“

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