Gewaltpräventionsarbeit

Rode klärt auf

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Sebastian Rode spielt nicht nur Fußball, er ist auch gegen Gewalt, auf dem Platz und sonst wo. Diese Botschaft hat er in seine alte Heimat mitgebracht.

Klar, wenn man schon mal einen echten Profi in der Aula sitzen hat, geht es vor allem um eines: Fußball. Werden Sie zurück zu Eintracht Frankfurt kommen? Wie ist Cristiano Ronaldo wirklich? Was verdienen Sie durchschnittlich? Sebastian Rode, Jungstar von Rekordmeister Bayern München, Sneakers, Jeans, Kapuzenpulli, sitzt mit Mikrofon in der Hand vor 300 Schülern der Bertha-von-Suttner-Schule in Nidderau und beantwortet alle Fragen so diplomatisch wir nur möglich.

Einige Schüler tragen heute eigens wegen ihm das Bayern-Trikot oder das Nationalelf-Jersey. Das ernste Thema rückt dabei zeitweilig in den Hintergrund. Es geht um „Kriminalprävention“, hier vor allem: Wie verhindert man, dass Jugendliche zu Straftätern werden – auf dem Schulhof, in der Freizeit, im Internet?

Mitgekommen ist die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU), in ihrem Schlepptau eine Oberstaatsanwältin. Nidderaus Bürgermeister Gerhard Schultheiß moderiert durch den Vormittag und überrascht mit viel Fußballwissen. Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert hält das „Eingangsreferat“, das ein kurzer Abriss des Jugendstrafrechts in Deutschland ist.

Mit 14 ist man strafmündig, auf dem schweren Weg des Erwachsenwerdens begeht statistisch gesehen jeder Mensch eine Straftat – allgemeines Gemurmel unter den Schülern. Wie schnell das geht, sehe sie in ihrem Beruf jeden Tag aufs Neue. Schon wenn das Moped etwas schneller fahren soll und die Muffe abgesägt werde, mache man sich strafbar. „Gell, Jonas!“, ruft einer von hinten, die Aula johlt.

Schon seit 20 Jahren betreibt das Hessische Justizministerium Präventionsarbeit, und das in vielen Bereichen der Kriminalität. Zurzeit ist es natürlich der islamistische Terrorismus, der die Behörde am meisten beschäftigt.

Es ist absehbar, dass in den nächsten Jahren eine noch nicht dagewesene Anzahl radikalisierter Straftäter in den Vollzugsanstalten inhaftiert sein werden. „Wenn wir nicht wollen, dass wir in wenigen Jahren über tickende Zeitbomben durch entlassene, immer noch radikalisierte Straftäter diskutieren, dann müssen wir die Zeit nutzen, um uns intensiv um diesen Personenkreis bereits jetzt und in der Haft zu kümmern“, lautet ein Satz der Ministerin.

In Nidderau geht es aber an diesem Vormittag um Erziehungsmaßnahmen. Was passiert, wenn man doch straffällig wird? Dann werde eine Anti-Aggressionsübung verordnet, etwa ein Buch lesen und nach vier Wochen eine Inhaltsangabe abliefern. Oder Jugendarrest für ein Wochenende, an dem man sein Handy an der Eingangspforte abgeben muss. „Ob ich das überlebe“, fragen sich dann viele, wie Oberstaatsanwältin Vockert weiß und resümiert: „Straftaten lohnen sich nicht.“

Dazu gehörten auch Beleidigungen in den sogenannten sozialen Medien. „Bitch, und was ihr alles so schreibt“, so Vockert. Das gehe schneller zur Polizei, als man denkt. Neuerdings ließen sich auch junge Männer immer öfter mit Waffen fotografieren. Ob echt oder unecht, sei egal. Der Verdacht reiche. Den Eltern wäre es sicher nicht egal, wenn dann morgens um sechs die Polizei vor der Tür stehe und klingele. Dann gibt es noch einen Ratschlag für die Schülerinnen: „Mädels, bitte nicht entkleiden und die Bilder ins Netz stellen.“ Ein Riesen-Problem sei das, sagt Vockert. Die Bilder blieben für immer im Internet. „Macht es nicht.“

Die Schnittstelle zwischen Gewalt und Sport wird auch noch gefunden. Viele seiner Nationalmannschaftskollegen hätten die Anschläge in Paris im Stadion natürlich mitbekommen, sagt Rode. Das sei absolut keine schöne Sache gewesen.

Dennoch: Angesichts der vielen Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kämen, solle man nicht das eine mit dem anderen vermengen oder alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren, sondern jedem Menschen erst einmal offen gegenübertreten, egal, wo er herkomme. „Der Fußball ist ein gutes Mittel, um aufeinander zuzugehen“, so der 25-Jährige. Dafür gibt es viel Applaus aus dem Saal. Justizministerin Kühne-Hörmann quittiert es später mit viel Lob: Außerordentlich wichtig sei der Auftritt von einem Idol und Fair-Play-Botschafter wie Sebastian Rode. Die jungen Leute glaubten einem wie ihm eher, wenn er etwa sage, wie wichtig es sei, den Schulabschluss zu machen.

Applaus gibt es auch für die ehrlichen Worte, die der gebürtige Hesse aus Seeheim-Jugenheim zu persönlichen Anfeindungen im Netz findet, die ihn vor allem erreichten, als sein Wechsel zu Bayern München bekanntwurde. „Die Wenigsten, die so etwas schreiben, würde es einem direkt ins Gesicht sagen.“

Am Ende wollen fast alle im Saal ein Autogramm von ihm. Und was ist jetzt mit einer Rückkehr zur Eintracht? Das könne er sich gut vorstellen, sagt Rode. Irgendwann einmal.

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