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Ein Teilnehmer der Koran-Verteilaktion ?Lies!? versucht auf der Zeil in Frankfurt die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Susanne Schröter vom Forschungszentrum Globaler Islam gibt Antworten

Salafismus als Protestkultur

Die Rhein-Main-Region gilt als einer der Schwerpunkte der Salafistenszene in Hessen. Das zeigt sich auch bei den vielen Razzien am Dienstagmorgen. Was bringt Jugendliche zu der radikalen Strömung?

Wissenschaftler des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität befassen sich schon seit längerem mit der Salafistenszene. Was finden Jugendliche an dieser strengen Auslegung des Islam attraktiv, und wie lässt sich Radikalisierung verhindern? Fragen mit Antworten von Susanne Schröter, der Leiterin des Forschungszentrums.

Was ist für Jugendliche so attraktiv am Salafismus?

Der Salafismus sei „eine Antwort auf Verunsicherung“, sagt Schröter. „Jugendliche wissen manchmal nicht genau, wohin sie möchten und fühlen sich überfordert von vielem, und da bietet der Salafismus scheinbar eine Lösung an, indem er ganz feste Regeln angibt, die alle auch noch göttlich begründet werden.“ Mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen der Wirklichkeit werde versucht, Jugendliche auf einen bestimmten Weg zu bringen: „Nur wenn du bestimmte Regeln befolgst und bei uns bist, hast Du den Weg ins Paradies sicher, alles andere bringt dich in die Hölle.“ Hinzu komme das Gefühl sozialer Geborgenheit. „Junge Salafisten, die in dieses Milieu hineinkommen, haben gleich ganz furchtbar viele Freunde, die alle sehr nett zu ihnen sind“, betont Schröter. Für viele sei das „wie eine Ersatzfamilie und es ist auch ein Heiratsmarkt.“

Auch eine Art Jugendbewegung, soweit es die Anhänger betrifft?

Mittlerweile hat sich die Salafistenszene sogar zu einer regelrechten Jugendkultur mit eigener Musik, eigenen Symbolen und eigenem Slang entwickelt, sagt Schröter. In sozialen Medien gebe man sich sehr cool und jugendgerecht. „Es ist eine Protestkultur in einer Zeit, in der andere Protestkulturen überhaupt keine Reaktion mehr hervorrufen“, sagt Schröter. „Wenn man sich einer salafistischen Gruppe anschließt und geht beispielsweise als Frau mit dem Gesichtsschleier in die Fußgängerzone oder als Mann in einem typischen Salafisten-Outfit, dann ist das ein Hingucker, ein Schockmoment – und das wollen Jugendliche ja vielfach.

Wie werden neue Mitglieder angeworben?

„Eines der wichtigsten Rekrutierungsinstrumente für Salafisten und Dschihadisten ist die sogenannte Lies!-Aktion“, sagt Schröter. Wenn junge salafistische Männer in den Fußgängerzonen auch hessischer Städte Korane verteilten, sei dies nur der erste Außenkontakt. „Es geht in Wirklichkeit darum, junge Leute anzusprechen, ihnen zu sagen: Kommt zu uns, lernt uns mal kennen“, erläutert Schröter. „Der nächste Schritt ist in der Regel, dass man sich in privaten Räumlichkeiten trifft, und da findet dann die ’Gehirnwäsche’ statt.“

Was kann junge Frauen, wenn sie mit westlichen Werten aufgewachsen sind, an einer radikalen Auslegung des Islam reizen?

„Zum einen gibt es geschickte Anwerbung, die zum Teil mit diesen Kleinmädchen-Ideen vom angeblichen Märchenprinzen arbeitet“, sagt Schröter. Dieser Traummann müsse dann ein „Mudschahedin“ sein, am besten in Syrien. „Das ist sehr ausgefeilt mit Bildern und Love Storys, das zieht bei sehr jungen Mädchen“, beschreibt Schröter die Propagandamethoden. Für ältere Mädchen und junge Frauen gelte: „Ihnen wird gesagt: Nur in diesen salafistischen Gruppen wird eine Frau wirklich geachtet und respektiert, aber die Mehrheitsgesellschaft reduziert sie zum Sexobjekt. Dem möchten sie entgehen, und fälschlicherweise glauben sie diesen Versprechen.“

Muslime fühlen sich nach den islamistischen Terroranschlägen der vergangenen Jahre mitunter unter Generalverdacht – treibt Diskriminierung junge Männer erst recht in radikale Gruppen?

Schröter warnt vor Vereinfachungen: „Wir haben in Ländern, in denen der Islam die Mehrheitsreligion ist, sehr viel mehr Mobilisierungserfolge für den Salafismus und den Dschihadismus als im Westen. Selbst wenn man Diskriminierung erlebt hat, kann man sich auch anders zur Wehr setzen, als in eine radikale Organisation einzutreten.“ Allerdings punkteten Salafisten und Dschihadisten mit ihren Hinweisen auf fehlende Gerechtigkeit und Doppelmoral, wenn etwa von muslimischen Opfern von Kriegshandlungen weitaus weniger die Rede sei als von westlichen.

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