Gifteinsatz

Schädlingsbekämpfer: Zahl der Ratten in Hessen nimmt zu

Mit Gift gehen Schädlingsbekämpfer gegen Ratten vor. Doch ihre Arbeit wird durch neue Vorschriften zunehmend teurer - und die Ratten werden nicht weniger. Nicht jeder Kunde hat dafür Verständnis und spart unter Umständen an der Bekämpfung.

Es ist der Albtraum im Bad: Durch die Abflussrohre zwängt sich eine Ratte in die Toilette und ist in der Wohnung. Laut Schädlingsbekämpfer Björn Kleinlogel ist das realistisch, wenn regelmäßig Essen im WC entsorgt wird. "Dann kann es sein, dass die Ratte nachschauen will, wo es herkommt", sagt der Vorsitzende des Verbands der Schädlingsbekämpfer in Hessen.

Ratten sind laut dem Biologen Kleinlogel ein wachsendes Problem in Hessen - von dem niemand weiß, wie groß es wirklich ist. Zahlen auf Landesebene gebe es nicht, erklärt das Umweltministerium. Wenn Rattenbefall gemeldet wird, landet die Sache oft bei Ordnungsämtern oder Abwasserbetrieben. Die reagieren mit dem Einsatz von Schädlingsbekämpfern und Aufklärungsaktionen. "Don't feed the rat - Ratten lieben es lecker", heißt beispielsweise eine aktuelle Kampagne in Kassel. Sie soll Einwohner dazu bringen, Essen nicht im WC zu entsorgen. Über 1000 Tonnen feste Essensreste filtert man dort pro Jahr aus dem Abwasser.

Noch ein anderes Problem kommt den Nagern laut Kleinlogel zugute: "Die Bekämpfungsmittel werden weniger, die Vorschriften mehr", sagt er. So müssten Giftköder mittlerweile nicht nur im Kanal angebracht, sondern auch kontrolliert und entfernt werden. "Das Dilemma der Gemeinden ist: Wenn sie die Ratten nach den neuen Vorgaben bekämpfen, steigen die Kosten", sagt Kleinlogel. Manche Kommunen reagierten, indem sie den Umfang der Bekämpfung reduzierten.

Was Schädlingsbekämpfung kosten kann, rechnet Kleinlogel vor: 50 bis 60 Euro koste eine Arbeitsstunde ohne Material. Zwei Mitarbeiter öffnen Kanaldeckel und hängen die Köder hinein. 200 Deckel am Tag schafft ein gutes Team. "Doch selbst bei einer kleinen Gemeinde ist man schnell bei 500 Deckeln." Und die Köderstellen im Kanal müssen laut neuer Vorschrift alle zwei bis drei Wochen kontrolliert werden. Werden keine Köder mehr gefressen, weil alle Ratten tot sind, muss das verbliebene Gift eingesammelt werden. "Es ist erheblich, was da an Kosten entsteht", sagt der Schädlingsbekämpfer.

Das Umweltbundesamt (UBA) kennt das Problem: "Die Schädlingsbekämpfer müssen ihren Kunden vermitteln, dass es teurer geworden ist", sagt UBA-Fachgebietsleiter Erik Schmolz. Mancher Kunde reagiere darauf mit Misstrauen. Die Regelung sei aber sinnvoll. Denn die Gifte, die Rodentizide, sind für die Umwelt schädlich. Eingesetzt werden sie nur aus Mangel an Alternativen. Anfang 2013 wurden die ersten Mittel nach den neuen Vorschriften zugelassen. Mittlerweile sind alle Übergangsregelungen ausgelaufen.

In Hessen sind Behörden vorsichtig, wenn es um das Thema Ratten geht. Von einer Plage will man beispielsweise in Frankfurt nicht sprechen. Zwar gebe es auch in der Stadt am Main vermüllte Grundstücke, verlassene oder vernachlässigte Gebäude, wo sich die Schädlinge tummeln. Aber dass es in der Stadt Bezirke gebe, in denen Ratten die Oberhand gewonnen hätten, lasse sich nicht feststellen, sagt ein Sprecher des Ordnungsamtes.

"Wir haben in den letzten Jahren ein in etwa gleiches Aufkommen an Beschwerden bezüglich der unbequemen Nager. Ein Anstieg ist nicht feststellbar", fügt er hinzu. Indes greift das Ordnungsamt nach Angaben des Sprechers nur dann ein, wenn Ratten im sichtbaren Bereich der Stadt vermehrt auf den Plan treten. In einem solchen Fall werden Eigentümer verlassener Areale oder vernachlässigter Gebäude aufgefordert, die unbeliebten Nager zu bekämpfen. Erfolgt keine Reaktion, kümmern sich Mitarbeiter des Ordnungsamtes selbst um die Bekämpfung. Das gilt auch für die Kollegen der Stadtentwässerung, auch sie legen Köder aus und informieren die Bürger mit Faltblättern darüber, dass Essensreste nicht in die Toilette gehören. "Das ist leider immer wieder ein Thema", sagt der technische Betriebsleiter Werner Kristeller.

Auch in Darmstadt gibt es kein "über das übliche Maß hinausgehendes Rattenproblem", wie es im Rathaus heißt. Allerdings sei eine gewisse Zunahme der Tiere auch in der südhessischen Stadt zu beobachten. "Ursache für das vermehrte Auftauchen von Ratten ist meistens die Vermüllung im öffentlichen Raum", sagte ein Sprecher. Um eine Ausbreitung der Ratten zu verhindern, setze die Stadt auf die "Gefahrenabwehrverordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung". Wer etwa Essensreste oder Einweggeschirr achtlos auf den Boden werfe, dem drohe ein Verwarnungs- oder Bußgeld.

Um Ratten zu bekämpfen, beauftragt das Grünflächenamt darauf spezialisierte Firmen. Die Kosten für die Rattenbekämpfung in Grünanlagen betragen jährlich 1200 Euro. Neben dem Grünflächenamt gehe auch der Eigenbetrieb für kommunale

Aufgaben und Dienstleistungen (EAD) bei der Kanalreinigungen mit Ködern gegen die Tiere vor.

Im Gießener Stadtteil Kleinlinden sorgten Ende des vergangenen Jahres Berichte über Ratten auf Straßen und in Gärten für Aufsehen. Das komme gelegentlich schon mal vor, sagte eine Sprecherin der Stadtverwaltung. Das Gartenamt oder die Mittelhessischen Wasserbetriebe würden dann tätig. Ein echtes Rattenproblem gebe es aber nicht. Die Kosten für die Bekämpfung seien "keine relevante finanzielle Größe" im Haushalt der Stadt.

In Kassel bekämpft das Versorgungsunternehmen Kassel Wasser die Nager im Untergrund. "Damit unsere Mitarbeiter in den Kanälen nicht krank werden", erklärte ein Sprecher. 119 Arbeitsstunden würden im Jahr dafür aufgewendet. Insgesamt seien Ratten in Kassel aber "nicht mehr oder weniger als woanders" ein Problem.

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