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Hessens Dialekte verändern sich zu Regionalsprachen

Schluss mit dem Gebabbel

Stirbt das hessische Gebabbel aus? Dialekte verschwinden nicht, sie verändern sich aber über Generationen, sagen Forscher. Hessische Mundart-Kabarettisten klagen, dass der Nachwuchs fehlt.

Von Joachim Baier (dpa)

Dialektworte gibt es praktisch überall. In Hessen sind bekannt „Simbel“ (Depp, Idiot), „Gelärsch“ (Kram, Gerümpel) und auch der „Zorngickel“ (cholerisch veranlagter Mensch). Eltern kennen sie oft noch, die Kinder schon weniger. Dialekte bleiben nach Ansicht von Sprachforschern nicht so, wie sie waren. Sie verändern sich über einen langen Zeitraum hinweg. „Das, was man traditionell als ,Dialekt’ verstanden hat, ist vielerorts schon ausgestorben. Oder es wird noch in diesem Jahrhundert in den meisten Gebieten Deutschlands aussterben“, meint Professor Stephan Elspaß von der Universität Salzburg, der sich mit deutschsprachigen Gebieten befasst. „Das Sprechen – oder sogar Schreiben – mit regionalen Merkmalen jedoch wird auf absehbare Zeit bleiben.“

Die Linguistin Katrin Kuhmichel von der Philipps-Universität Marburg arbeitet in dem Projekt „Syntax hessischer Dialekte“ mit, ein Forschungsvorhaben der Universitäten Frankfurt, Marburg und Wien. Auch sie sieht eine Veränderung. „Es gibt eine Entwicklung weg von kleinräumigen Dialekten zu großräumigen Regionalsprachen“, sagt die 30-Jährige. Trotz Veränderungen bleibe immer noch etwas von der früheren Mundart übrig. „Es wird kein Dialekt zu einem vollkommen anderen.“

Die Syntax-Forscher fragen Menschen, die älter als 65 Jahre sind, also eher mit Mundarten groß geworden sind als junge Leute heute. „Die Älteren sprechen noch einen Dialekt, den wir in den Generationen danach nicht mehr so finden“, sagt Kuhmichel. „Aber das Interesse unter den jungen Leuten nimmt wieder zu.“

Lars Vorberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Universität Marburg, teilt Hessen grob in folgende Dialekt-Regionen ein: Nordhessisch, Osthessisch, Zentralhessisch und Rheinfränkisch, was oft auch als Südhessisch bezeichnet wird. Auch er sieht Dialekte eher nicht in Gefahr. „Ich würde nicht davon sprechen, dass Mundarten aussterben, sondern dass sie sich verändern.“

Manche mögen Mundart nicht, weil sie denken, so würden Menschen mit weniger Bildung reden. Die Historikerin Anette Neff aus Dreieich sieht das anders. „Ich bin überzeugt davon, dass es nicht schädlich ist, Mundart zu sprechen.“ Es sei wirklich keine Sprache der Unterschicht. „Man kann auch in Mundart komplexe Themen diskutieren.“ Neff ist mit Dialekt großgeworden. „Für mich war Hochdeutsch die erste Fremdsprache, die ich gelernt habe.“

Ein bisschen Bauchweh haben manche Mundart-Künstler. Hendrik Nachtsheim vom Comedy-Duo „Badesalz“ vermisst Nachwuchs in diesem Fach. Nachtsheim und Gerd Knebel reden Frankfurterisch. „Das ist deutschlandweit kompatibel.“ Jüngere Jahrgänge fehlen Mundartmusiker Klaus Lohr aus Riedstadt – mit Franz Offenbecher ist er das Zweiergespann „Bees denäwe“ – im Publikum. Das Südhessische ist ihm ans Herz gewachsen. „Das wird in ganz Deutschland verstanden.“

Das gilt nicht für jede Mundart. „Nordhessische Quetschlaute“ kommen dem Mundart-Kabarettisten Karl Garff aus Immenhausen (Kreis Kassel) über die Lippen. „Hier gibt es einen unverwechselbaren Tonfall.“ So etwa das Wort „Kuchen“, das zu „Guahen“ wird. „Kuchen klingt ein bisschen staubig“, sagt Garff (78). „Es soll aber so klingen wie ein gut gerührter Napfkuchen mit vielen Eiern.“ Sein vielleicht bekanntestes Stück: die nordhessische Fassung des Silvester-Fernseh-Klassikers „Dinner for one“.

Für Dialekte setzt sich der Verein zur Erhaltung der mittelhessischen Mundart und Kultur in Solms ein. Ein Kennzeichen des Mittelhessischen sei das „rollende R“, sagt die Vorsitzende Marlit Hoffmann. „Das Frankfurter Platt ist einfach nur ein lässig gesprochenes Hochdeutsch.“

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