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Leerrohre für Glasfaserleitungen liegen an einer Landstraße.

Ausbau

Schnelles Internet nicht überall in Hessen verfügbar

Schnelles Internet ist ein wichtiger Standort-Faktor. Das Land Hessen sieht sich recht gut ausgestattet. Aber nicht überall funktionieren Online-Anwendungen rasch. Etwa im Vogelsberg. Einige Dörfer wirken bei der technischen Entwicklung zurückgeblieben. Ein Ortsbesuch.

In der Welt der Werbung für schnelles Internet geht es gern rasant zu: Mit Highspeed unterwegs auf der Daten-Autobahn. Doch selbst im Jahr 2018 ist schnelles Internet in Hessen nicht überall selbstverständlich. Es gibt noch immer Regionen, da ruckelt und stockt das Bild zum Beispiel bei der Übertragung eines Films. Und beim Herunterladen von großen Dateien dauert es auch mal länger.

Dietmar Krist (CDU), Bürgermeister in der kleinen Vogelsberg-Kommune Antrifttal, kennt diese alltäglichen Probleme zur Genüge - privat wie beruflich. Er sitzt an seinem Büro-Schreibtisch in der Gemeindeverwaltung und sagt: "Wenn ich größere Daten-Mengen laden muss, kann ich mir erstmal einen Kaffee holen, um die Wartezeit zu überbrücken." Das langsame Internet sei für die 1900 Einwohner zählende Gemeinde ein echter Standort-Nachteil. "Dabei gehört eine schnelle Verbindung zur Grundversorgung wie Strom und Wasser", findet der 44 Jahre alte Rathaus-Chef.

Weil bislang keine Leitungen nach Antrifttal gelegt wurden, lässt sich Krist über eine Funkverbindung versorgen. "Aber die ist besonders bei schlechtem Wetter schwankend und bricht auch gern mal zusammen. Dann geht nichts mehr", sagt er und macht auf seinem Computer einen Geschwindigkeitstest der Internetleitung. 15 Megabit pro Sekunde kommen da raus. Das ist für eine moderne Geschäftsleitung recht lahm, verglichen etwa mit der Rhein-Main-Region.

Auch die Landärztin Uta Schindler hat mit dem trägen Internet zu kämpfen. Wenn Sie Laborwerte abrufen oder Patienten-Akten mit Bild-Dokumentationen in ihrer digitalisierten Praxis aufruft, "dauert es Ewigkeiten", bedauert sie. "Da hatte ich selbst im Urlaub im Dschungel in Süd-Amerika schnelleres Internet auf dem Handy", vergleicht sie. "Deutschland ist in einigen Ecken ein Entwicklungsland beim Thema Internet. Der flächendeckende Ausbau in ländlichen Regionen ist längst überfällig."

Für den Bürgermeister, die Landärztin und weitere leidgeprüfte Bewohner von Antrifttal und weiteren Dörfern im Vogelsbergkreis ist aber bald Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Aktuell vollzieht sich in noch nicht erschlossenen Gebieten der sogenannte Breitbandausbau. Dann sollen Übertragungsraten von mindestens 30 Megabit pro Sekunde erreicht werden, bei etwa 85 Prozent der Anschlussnehmer zwischen 50 bis 100 Mbit/s, wie der Landkreis berichtet.

Laut Telekom wird das Netz im Vogelsberg kontinuierlich ausgebaut. Bisher seien 15 000 Haushalte angeschlossen. Im Zeitraum zwischen Ende 2018 und Anfang 2019 würden 13 000 Haushalte hinzukommen. Nach langem Hin und Her zwischen Telekom und dem Landkreis geht es nun endlich vorwärts. Der Landkreis hatte zwischenzeitlich geplant, den Ausbau selbst in die Hand zu nehmen.

Neben dem nicht sonderlich stark besiedelten Vogelsbergkreis weist auch der Schwalm-Eder-Kreis im Norden eine "deutlich unterdurchschnittliche Breitbandverfügbarkeit" auf, wie Wolfgang Harms aus dem hessischen Wirtschaftsministerium mitteilt.

Harms erklärt: Grundsätzlich hänge die Breitband-Erschließung mit der Siedlungsdichte zusammen. "Anders als etwa der Straßenbau ist sie keine öffentliche Aufgabe, sondern Geschäftsfeld der privaten Telekommunikationsunternehmen, die ihn im Idealfall allein bewerkstelligen sollten. In der Realität müssen sie ihre Investitionen natürlich an der Rentabilität orientieren. In Großstädten - kurze Wege, viele potenzielle Kunden - ist der Ausbau naturgemäß rentabler als auf dem Land."

Abgesehen von den Schwierigkeiten in wenigen Landkreisen sieht sich das Land Hessen beim schnellen Internet gut aufgestellt. Mitte dieses Jahres hatten den Angaben zufolge fünf von sechs Haushalte (85,5 Prozent) die Möglichkeit, einen Breitbandanschluss von mindestens 50 Mbit/s zu bekommen. Der Ausbau sei übrigens im zweiten Halbjahr 2017 besonders schnell vonstatten gegangen. Vier der zehn bestversorgten Landkreise Deutschlands liegen überdies in Hessen, wie Harms sagt. Das sind der Odenwald, Main-Kinzig, Hochtaunus und Groß-Gerau. Hessen liege auf Platz drei bei den Flächenländern mit schnellem Internet, bei der reinen Gewerbeversorgung sogar auf Platz zwei.

Das Wirtschaftsministerium erwartet, dass Ende des Jahres flächendeckend schnelles Internet von 50 Mbit/s zur Verfügung steht - oder zumindest absehbar ist. Da die Anforderungen steigen, sind die nächsten Ausbauziele bereits gesteckt: Bis 2025 soll die Festnetz-Infrastruktur Bandbreiten von einem Gigabit pro Sekunde ermöglichen - also das 20-Fache der gegenwärtigen 50 Mbit/s. 2030 sollen flächendeckend Glasfaserleitungen bis in jedes Haus und jedes Unternehmen liegen.

Davon können sie in Antrifttal aktuell nur träumen. Doch Meter für Meter kommt der Ausbau voran. Vor kurzem wurden Kabel von Seibelsdorf nach Ruhlkirchen verlegt. Dafür wurden in den Ortsteilen Trassen und Schächte gegraben. "Je nach Bodenbeschaffenheit brauchen wir für 100 Meter etwa anderthalb bis zwei Stunden", erklärte Erwin Glor von der Firma Leinberger-Bau aus Büdingen, während seine Kollegen sich zum Beispiel mit einer Felsfräse schrittweise weiterarbeiten.

Der Landrat des Vogelsbergkreises, Manfred Görig, ist unzufrieden mit dem Tempo, bevor es mit den Bauarbeiten für schnelle Unternehmens-Anbindungen überhaupt losgehen kann: "Die Ausschreibungsbedingungen des Staates sind viel zu komplex. Das Geld muss schneller unten ankommen." Hiermit meint der SPD-Politiker Bundesfördermittel für schnelle Glasfaserleitungen direkt zu den Unternehmen. Landrat Görig ist für 2019 optimistisch: "Wenn wir das haben, dann sind wir hessenweit vor anderen hessischen Landkreisen."

Unzufrieden ist auch die Telekom, weil sie sich beim Thema Breitband-Ausbau immer wieder in der Kritik sieht. "Wir haben einen Marktanteil von etwa 40 Prozent bundesweit. Aber viele Menschen - auch in Politik, Medien und Wirtschaft - glauben, wir müssten dennoch zu 100 Prozent den Netzausbau alleine stemmen. Stets im Fokus steht die Telekom und andere, zum Teil milliardenschwere Wettbewerber bleiben in schöner Regelmäßigkeit außen vor."

Unzufrieden ist auch der Hessische Landkreistag (HLT). Der Verband mahnt: "Die flächendeckende Glasfaserinfrastruktur auf Gigabit-Niveau und der weitere Ausbau des öffentlichen WLAN-Netzes sind dringend erforderlich. Insbesondere im ländlichen Raum sind jedoch noch Maßnahmen notwendig, um die digitalen Versorgungslücken zu schließen." HLT-Präsident Bernd Woide sagt: Zwar gebe es in den Landkreisen einige Modellprojekte und Initiativen, die zu einer besseren Netz-Versorgung führten. "Doch der von uns gewünschte flächendeckende Ausbau ist nur durch die Bereitstellung öffentlicher Fördermittel möglich." Bei dieser Herausforderung seien die Landkreise jedoch maßgeblich auf Bund und Land angewiesen.

Auch die hessischen Unternehmerverbände (VhU) forderten die Politik bereits vor der Landtagswahl im Oktober auf, für schnelleres Internet zu sorgen. Bei Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) finden sie damit Gehör. "Breitband ist die Basis-Infrastruktur für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Sie ist unerlässlich für Innovationen und wirtschaftliche Entwicklung", sagte er.

(dpa)

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