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Soll die Ganztagesschule kommen? Der stellvertretende Chefredakteur dieser Zeitung, Lutz Bernhardt (Dritter von links), diskutiert mit (von links) Bernd Steioff (Schulleiter der Schule im Emsbachtal in Brechen), Reiner Pilz (Landeselternbeirat), Madlen Wagner (Schulsozialarbeiterin der Schule im Emsbachtal), Emely Dilchert (Landesschulsprecherin) und Rolf Richter (Bundesverband Ganztagsschule).

Gesprächsrunde

Schüler und Lehrer machen sich für Ganztagsschule stark

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„Schule besser machen“ – die Serie der Frankfurter Neuen Presse hat viel Aufmerksamkeit gefunden. Zentrales Thema der Abschlussveranstaltung war die Ganztagsschule. In Niederbrechen hatten Fachleute und Interessierte Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

Sechs Stunden Unterricht à 45 Minuten, ab der siebten Stunde lässt die Aufmerksamkeit nach, Mathe am Nachmittag – eine Qual: So erinnern sich manche an ihre Schulzeit und bringen das auch mit Ganztagsschule in Verbindung. Emely Dilchert hat diese Erfahrung gemacht, aber auch eine ganz andere. Die 18-Jährige ist Sprecherin der Landesschülervertretung und gab damit den Schülern beim Zeitungs-forum „Schule besser machen“ in Niederbrechen eine Stimme. Ihre Einschätzung: Eine Ganztagsschule, wenn sie richtig gemacht ist, fördert auf ganz andere Weise.

In Niederbrechen arbeitet das Team der „Schule im Emsbachtal“ seit zwölf Jahren daran, eine echte Ganztagsschule zu werden. Sprich: Lehrer, Eltern und Schüler sind mit im Boot. Schulleiter Bernd Steioff beschreibt das so: Der Unterricht sei völlig anders strukturiert, damit entspannter geworden. Schüler und Lehrer, die sich darauf einließen, profitierten gleichermaßen. Und: „Wir kontrollieren dann nicht mehr die Hausaufgaben, die die Eltern gemacht haben, oder die Kinder mit mehr oder weniger Unterstützung von zu Hause.“ In den Lern- und Übungszeiten werde gemeinsam trainiert, das soziale Miteinander gefördert. Und: Die Ergebnisse seien weit besser.

Ist das so? Fragen wie diese stellte der stellvertretende Chefredakteur dieser Zeitung, Lutz Bernhardt, und bekam prompt die Antwort: „Ein Puzzlestück zu mehr Bildungsgerechtigkeit“, nannte Rainer Pilz, ehemaliger Vorsitzender des Hessischen Landeselternbeirats diesen Schritt, den seiner Einschätzung nach noch mehr Schulen gehen sollten. Rolf Richter, Vorstand im Bundesverband Ganztagsschule, war früher selbst Schulleiter und beschrieb: „Kinder brauchen keine Betreuung, sondern eine lernförderliche Umgebung.“ Will heißen: Es gehe nicht nur darum, Eltern entgegenzukommen, die teils beide berufstätig sein müssten, oder Alleinerziehenden. Ziel sei, effektive Angebote zu schaffen. Davon hätten die Kinder und Jugendlichen in seiner Schule profitiert.

„Wir sind doch die Experten“, sagte Emely Dilchert. „Wir gehen jeden Tag zur Schule.“ Die 18-Jährige hat unterschiedliche Formen der Lernzeit erlebt. Ihr Votum fällt klar für die Ganztagsschule aus, denn: „Wenn ich mir anschaue, was manche vom Elternhaus an Unterstützung haben und andere nicht, dann ist das nicht fair.“ Gleichzeitig erhielten diejenigen, die von Haus aus nicht so stark gefördert würden, in der Ganztagsschule einen ganz anderen Auftrieb. Und: Wenn in der vertiefenden Zeit ein Team von Schülern an Aufgaben arbeite, sich die einzelnen gegenseitig etwas erklären könnten, profitierten alle viel mehr als vom Frontalunterricht, bei dem ein Lehrer seinen Stoff durchziehen müsse und nach 45 Minuten Schluss sei. „Wer geht denn dann freiwillig hin und macht anschließend, nach der Schule, noch eine Lerngruppe?“, fragte Emely. Außerdem: Schule sei in der jetzigen Situation oft kein Ort, an dem man sich gerne so lange aufhalte. Deshalb müssten die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehörten auch mehr Lehrkräfte. „Bei einer Klasse von 30 Schülern und einem Lehrer vorne kann ich mir das Ganze so nicht vorstellen.“

Schulleiter Bernd Steioff beschrieb das für Niederbrechen so: Der Wechsel von Lernen und Entspannung im Tagesablauf müsse stimmen. Natürlich gehörten ein gutes Mittagessen und Zeit für Bewegung dazu. Ankommen, Input, Frühstück, Übphase, Input, Mittagspause, bewegte Pause, Chillen: „Der Unterricht ist nicht weniger, nur anders verteilt.“

Hinzu kommt die Schulsozialarbeit. Madlen Wagner, Sozialpädagogin und Ganztagskoordinatorin der Schule im Emsbachtal, kümmert sich um die Belange der Schüler und greift bei Problemen wie Dizzen oder Mobbing ein. Denn auch das hat auf die betreffenden Schüler eine ganz andere Wirkung, sobald die Zeit, die sie in der Schule verbringen, länger wird. „Mobbing gibt es an jeder Schule“, sagt Wagner und stellt klar: Hier müssen Weichen frühzeitig und konsequent gestellt werden, damit das Miteinander gut funktioniert.

Was sagen die Lehrer dazu? Aus dem Publikum äußerte sich Franziska Schäfer: „Ich arbeite jetzt nicht mehr, sondern entspannter.“ Die Zeiten seien anders verteilt, was der Aufnahmefähigkeit der Schüler entgegenkomme. „Ich habe jetzt meine erste Ganztags-Erste-Klasse und den Eindruck, dass sie jetzt schon viel stärker ist als die Klassen zuvor.“ In Niederbrechen gibt es eine

Warteliste

für Ganztagsunterricht. Die Schule will den nächsten Schritt gehen und hofft auf die Unterstützung des Kreistags, der am 22. Juni darüber entscheidet. „Wir haben Profilstufe 3 beantragt“, sagte Schulleiter Steioff. Das bedeutet unter anderem, es werden mehr Lehrkräfte nötig sein. Rolf Richter (Bundesverband Ganztagsschule) nannte weitere Zahlen: „Es gibt in Deutschland nur ein Angebot von 18 Prozent an Ganztagsschulunterricht.“ Die Nachfrage sei jetzt schon doppelt so groß.

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