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Dirk (Mitte) und Petra Wunderlich (2.von links) stehen mit ihren vier Kindern, Hund und den Rechtsbeiständen Mike Donnelly (3.v.l.) und Robert Clarke vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

Religiöse Gründe

Schulgegner scheitern mit Beschwerde vor Menschenrechtsgericht

Wo lernen Kinder am besten? Zuhause – davon ist zumindest eine christliche Familie aus Hessen überzeugt und legte sich mit den Behörden an. Diese brachten die Kinder schließlich kurzzeitig im Heim unter. Eine Menschenrechtsverletzung?

Vehemente Schulgegner aus Hessen haben vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eine Niederlage erlitten. Das Straßburger Gericht sieht die Rechte der christlichen Familie durch die kurzzeitige Unterbringung ihrer Kinder im Heim nicht verletzt. Das Paar aus der Nähe von Darmstadt hatte sich aus religiösen Gründen geweigert, seine vier Kinder in die Schule zu schicken, und unterrichtete sie zu Hause. Die Behörden holten die Kinder daraufhin 2013 aus der Familie und brachten sie für drei Wochen im Heim unter, um die Schulpflicht durchzusetzen. Die Eltern sehen dadurch ihr Menschenrecht auf Familienleben verletzt.

Die Tür ihres Hauses sei damals mit einem Rammbock geöffnet, die Wohnung „gestürmt“, die Eltern zur Seite gestoßen und die Kinder „weggezerrt“ worden, sagte der Vater in Straßburg. Der Staat habe kein Recht, Kinder aus ihren Familien zu „entführen“. „Wir haben uns entschieden, unsere Kinder zu Hause zu unterrichten, weil wir glauben, dass das die beste Umgebung für sie ist, um zu lernen und zu gedeihen.“ Die konservativ-christliche Organisation ADF unterstützte die Familie in dem Verfahren.

Die Straßburger Richter hielten zwar fest, dass mit dem teilweisen Sorgerechtsentzug in das Recht auf Familienleben eingegriffen worden sei. Die Gründe dafür seien aber „relevant und ausreichend“ gewesen. Die deutschen Behörden hätten Grund zur Annahme gehabt, dass die Kinder in Gefahr schwebten, isoliert waren und keinen Kontakt zu Menschen außerhalb der Familie hatten.

Die Eltern hätten weniger strenge Maßnahmen durch fehlende Kooperation mit den Behörden verhindert. So hätten sie den Behörden nicht erlaubt, den Lernstand der Kinder zu überprüfen. Außerdem hätten selbst vorher angeordnete Ordnungsgelder sie nicht von ihrer Weigerung abgebracht, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Urteil kann innerhalb von drei Monaten angefochten werden.

Unterricht zu Hause ist in Deutschland nicht erlaubt, sofern die schulpflichtigen Kinder nicht länger krank sind. Eltern, die ihren Kindern den Schulbesuch verweigern, drohen Haftstrafen. Das Bundesverfassungsgericht begründete dies 2014 mit dem Interesse der Allgemeinheit, religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften entgegenzuwirken. In anderen europäischen Ländern sind die Regeln für das sogenannte Homeschooling weniger streng. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte jedoch 2006: Es gibt kein Recht auf Heimunterricht.

Die Kultusministerkonferenz geht nach Angaben von Sprecher Torsten Heil davon aus, dass in Deutschland etwa 500 bis 1000 Kinder zu Hause unterrichtet werden. Schätzungen seien jedoch schwierig, weil es sich um einen Graubereich handele. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages schrieb 2009 in einem Bericht, dass die Zahl vermutlich sinke, weil viele Familien ins Ausland abwanderten.

Der Anwalt der Familie aus Hessen, Robert Clarke, hält Homeschooling für ein Recht der Eltern. Sie müssten ihren Überzeugungen entsprechend frei entscheiden dürfen, wie ihre Kinder erzogen werden sollten, sagte er vor der Urteilsverkündung. „Eine Familie wurde vom deutschen Staat auseinandergerissen.“ Tests hätten gezeigt, dass die Leistungen der Kinder in manchen Bereichen überdurchschnittlich gewesen seien, in anderen unterdurchschnittlich – wie bei anderen Schülern auch. Nachdem die Kinder zurück bei ihren Eltern waren, seien sie noch etwa ein Jahr zur Schule gegangen. Dann seien sie wieder zu Hause unterrichtet worden, sagte Clarke. Heute sind sie nach Angaben der Familie zwischen 13 und 19 Jahre alt.

(dpa)

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