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Eine Szene aus dem Film "Wolke 9", der Liebe und Sexualität im Alter thematisiert.

"Betreute Sexualität"

Sexualität im Altenheim: Ein Tabu mit traurigen Folgen 

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Sexualität ist in vielen Pflegeheimen ein Tabu. Warum eigentlich? Unser Autor hat sich auf eine Spurensuche gemacht. In unserer Serie "Betreute Sexualität" geht er der Frage nach, ob wir unseren Alten und Behinderten in diesem Punkt gerecht werden. Folge 1: Wie erleben Menschen im Altersheim Sexualität?

Dass es Sexualität auch in Altenheimen gibt, sollte eigentlich unbestreitbar sein. Bewohner halten Händchen oder wollen sich ein Zimmer teilen. Manche möchten von Pflegern des anderen Geschlechts nicht gewaschen werden und andere empfinden eben dabei Lust. Demenzkranke erkennen im Pfleger ihre Jugendliebe und andere Bewohner werden anzüglich und übergriffig. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was Forscher, Heim- und Pflegedienstleitungen berichten.

Gelingt es den Pflegeheimen nicht, im engen Betreuungsnetz Raum für Zärtlichkeit, Zweisamkeit und Selbstbefriedigung zu schaffen, müssen die Bewohner ihren Lebensabend ohne Intimität verbringen – ob sie wollen oder nicht. Das kann sie traurig machen, aggressiv oder depressiv. So oder so: Für Pfleger, die oft enge Beziehungen zu den Bewohnern aufbauen, ist das Thema Sexualität eine besondere Herausforderung.

Sexualität im Alter ist ein Tabu

Cornelia Fuhrmann sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf. Sie leitet ein Pflegeheim in Frankfurt Eschersheim. Unter ihren grauen Haaren und hinter der modernen Brille ruhen ernste, wache Augen. Von ihren 62 Lebensjahren arbeitete sie 46 in der Altenpflege und sitzt nun in ihrem kleinen Büro. „Die Strukturen und die Pflegepraxis müssen sich ändern“, sagt sie. Mehr Privatsphäre bräuchten die Bewohner und grundsätzlich müsse anerkannt werden, dass Sexualität ein menschliches Grundbedürfnis sei. Unabhängig vom Alter. In Gesprächen, sagt sie, ringe sie häufig mit Vorurteilen von Angehörigen, die nicht über sexuelle Bedürfnisse ihrer Eltern nachdenken wollen, mit denen von Pflegekräften und mit ihren eigenen Vorurteilen.

Ringen oder Schattenboxen

Fuhrmanns Haltung mag man als selbstverständlich für eine Heimleiterin annehmen. Eine Selbstverständlichkeit ist sie aber nicht. Viele sehen in Fuhrmanns Ringen eher ein Schattenboxen. „Sexualität, das ist bei uns kein Thema“, heißt es von der Leitung eines Altenpflegeheims im Frankfurter Nordend. Mehr habe man dazu nicht zu sagen. Ende des Gesprächs.

Altenheim-Leiterin Cornelia Fuhrmann

Auch in einem Pflegeheim in Frankfurt Seckbach hält Heimleiter Markus Förner das Thema nicht für gewichtig. Er hat dafür aber Argumente. Da alte Menschen erst ins Altenheim kommen, wenn es Zuhause nicht mehr geht, sagt er, seien Bewohner meist von Demenz betroffen oder litten unter schweren körperlichen Erkrankungen. „Sie haben schlichte andere Sorgen als ihre Sexualität“. 

Außerdem bewohnten in großer Mehrzahl Frauen die Pflegeheime, sagt Förner. In den hessischen Einrichtungen sind laut Statistischen Landesamt rund 70 Prozent Frauen. „Für viele unserer Bewohnerinnen ist Sexualität nicht so positiv besetzt, wie für viele jüngere Menschen“, sagt Förner. „Sie verbinden mit Ehe und Sexualität eher negative, teils gewalttätige Erfahrungen.“ Komme Sex in seiner Einrichtung einmal zu Sprache, winkten daher viele ab und sagten Sätze wie: „Was bin ich froh, dass ich mich damit nicht mehr rumärgern muss.“

Pflegeheim-Leiter Markus Förner

Hat Fuhrmann also eine romantisch-verklärte Vorstellung von Sexualität, wenn sie alten Menschen sexuelle Bedürfnisse unterstellt und deshalb Veränderungen in der Pflegepraxis fordert? Natürlich müssten Pfleger auf Gewalterfahrungen in der Biografie der Bewohner Rücksicht nehmen, sagt Fuhrmann. „Wenn eine Frau nicht von einem Mann berührt werden will, dann ist das Tabu für alle Pfleger.“ Um solche Wünsche zu erkennen, müsse man aber die Sexualität der Bewohner mitdenken. Dabei gehe es nicht nur darum, was Bewohner nicht wollen, sondern auch darum, was sie sich ersehnen. 

Fuhrmann wiegt ihren Kopf hin und her, während dieser nach den richtigen Worten sucht. Sexualität beschreibt sie dann wie ein locker zusammengeschnürtes Bündel aus verschiedenen Bedürfnissen. Die Demenz löst die Fäden; die Sehnsucht nach Berührung, Anerkennung und sexuelle Lust fallen vereinzelt heraus und verlieren ihren Zusammenhang zueinander. Im Pflegealltag, so sieht es Fuhrmann, können die Bedürfnisse dadurch unabhängig voneinander versorgt werden. Anerkennung spendeten Pfleger mit freundlichen Worten und einem offenen Ohr. Körperliche Nähe bekämen die Bewohner bei der täglichen Pflege. „Hebt man jemanden aus dem Bett, geht das nur mit einer innigen Umarmung“, sagt Fuhrmann. Und werden Bewohner unter der Dusche gewaschen und abgetrocknet, spürten sie ebenso die körperliche Nähe eines anderen Menschen.

Mit der sexuellen Lust ist es allerdings nicht so leicht. „Deshalb ist die Pflegeuniform so wichtig“, sagt Fuhrmann. Sei etwa ein Pfleger knapp bekleidet, wenn er eine Bewohnerin im Intimbereich wäscht, könne die Berührung eher missverstanden werden. Fuhrmann spricht von einer „Formschwelle“, die überschritten wird. Die Pflegeuniform und ebenso, dass die Bewohner in solchen Situationen gesiezt werden, sollen das verhindern, stets klar machen: „Ich wasche Sie, weil das meine Arbeit ist.“

Räume für aktiv gelebte Sexualität

Damit wird allerdings nur verhindert, dass sich Verlangen in sexuellen Übergriffen Bahn bricht. Fuhrmann springt von ihrem Stuhl auf. Sie durchkramt ihre Unterlagen und zieht ein dickes Handbuch heraus. Das kommt von Korian, dem Träger ihres Altenheims. Darin finden sich 48 Standards: Pfleger dürfen demnach erst das Zimmer der Bewohner betreten, wenn diese sie hereingebeten haben. Zu zerbrechlich ist das Vertrauen, dass das eigene Zimmer ein privater Raum für Intimität ist. Auch „Bitte nicht stören“-Schilder, wie man sie aus Hotels kennt, sollen die Bewohner an ihre Türklinke hängen können. All das soll ihnen mehr Privatsphäre im Betreuungsnetz verschaffen. Ganz neu sind solche Maßnahmen nicht. Christine Krause etwa, die ein Altenheim in Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen leitet, sagt, dass in ihrem Haus so bereits gearbeitet werde. Hier könnten die Bewohner etwa auch ihr Zimmer zuschließen, sagt Krause.

Für Fuhrmann können solche Reformen der Pflegepraxis nur der Anfang sein. Sexualität müsse in der Ausbildung zum Altenpfleger eine größere Rolle spielen, sagt sie. Bei vielen Auszubildenden vermisse sie die nötige Sensibilität für dieses Thema. 

Hessen ist beim Thema Sexualität im Alter gut aufgestellt

Verglichen mit anderen Bundesländern ist Hessen dabei gar nicht schlecht aufgestellt. Die Rahmenlehrpläne etwa in Niedersachsen oder Bayern nennen lediglich den Stichpunkt „Sexualität im Alter“. Genauer benennen sie nicht, was da eigentlich gelehrt werden soll. Das hessische Curriculum schreibt dagegen vor, Normen und Einstellungen bei Bewohnern und Pflegenden zu diesem Thema zu lehren. Ebenso die Bedeutung von Intimität, wie man mit Gewalterfahrungen der Bewohner umgeht, oder mit den Bedingungen, die alte Menschen daran hindern, Intimität und Sexualität zu leben. So weit so gut.

Mehr Sexarbeiter für Frauen?

Doch Fuhrmann reicht das nicht: „Die Diskussion um Sexualität in Pflegeheimen führen wir schon seit 20 Jahren. Aber an den Vorurteil, dass alte Menschen keine sexuellen Bedürfnisse haben, ändert sich wenig.“ Das hat Auswirkungen auf konkrete Pflegeentscheidungen. Ein Beispiel: Wird die sexuelle Frustration bei männlichen Heimbewohnern zu groß, werden sie aggressiv und die Übergriffe auf das Pflegepersonal häufen sich. Dann greifen, wenn auch selten, Einrichtungen auf die Dienste von Prostituierten oder Sexualassistentinnen zurück. 

Das bestätigten alle Einrichtungen, mit denen diese Zeitung gesprochen hat. „Frauen, die im Heim wohnen, bekommen dagegen so gut wie nie auch nur das Angebot. Auch weil sie eher depressiv als aggressiv werden.“ Braucht es mehr Sexarbeit für Frauen in Pflegeheimen? Fuhrmann überlegt, zuckt dann mit den Schultern. „Vielleicht. Aber woher weiß ich, ob eine demente Frau aus sexueller Frustration depressiv geworden ist?“ Dann schweigt sie, verzieht das Gesicht und hadert mit sich. Die Frage bleibt ohne Antwort. 

Wie finde ich eine Pflegeeinrichtung, die auf Sexualität Rücksicht nimmt?

Die Suche nach einem Altenheim, das die Bedingungen für eine gelebte Sexualität seiner Bewohner im Blick hat, beginnt bei den Leitbildern der Einrichtungen. „Wenn dort das Wort Sexualität überhaupt vorkommt“, sagt Hildegard Keul, ist das schon ein gutes Zeichen.“ Keul ist Dozentin für Soziale Arbeit an der Hochschule Rhein-Main und forscht zu diesem Thema. Wichtig sei es aber, sagt Keul, die zukünftigen Heimbewohner mit in die Wahl der Pflegeeinrichtung einzubinden, zu fragen: „Was möchtest du eigentlich? Wie willst du wohnen und leben?“ Dafür sollten sich Menschen frühzeitig Gedanken über diese Fragen machen. „Sonst entscheiden die Angehörigen“, sagt Keul. Dann ginge es häufig um praktische Fragen wie Kosten oder gute Erreichbarkeit. Im Vorgespräch mit der Heimleitung sollte zudem das Thema direkt angesprochen werden. Etwa in dem man fragt: „Wie ermöglichen Sie in ihrem Haus den Bewohnern eine gelebte Sexualität?“

Zum Thema Sexualität in Altenheimen forscht Hildegard Keul von der Hochschule Rhein-Main. Damit im Pflegealltag die sexuellen Bedürfnisse der Bewohner stärker berücksichtigt werden, fordert sie, Pflegekräfte als Experten für das Alter zu verstehen. Warum, wieso, weshalb lesen Sie in der nächsten Folge unserer Serie „Betreute Sexualität“: "So wollen Senioren in Altenheimen ihre Sexualität leben".

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