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Für Liebe ist man nie zu alt: Ein Paar hat beim Spaziergang die Hände aufeinander gelegt.

Interview

Sexualität hört nicht auf

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Sexualität ist in vielen Pflegeheimen ein Tabu. Heute kommt Hildegard Keul zu Wort. Die Dozentin für Soziale Arbeit an der Hochschule Rhein-Main, hat zu diesem Thema geforscht und spricht darüber, wie Menschen in Altenheimen ihre Sexualität leben wollen. Das Gespräch führte Friedrich Reinhardt.

Frau Keul, ist in Altenheimen Platz für Sexualität?

HILDEGARD KEUL: Menschen hören dort nicht auf, sexuelle Wesen zu sein. Wenn sie die Möglichkeit dazu haben, treten sie in romantischen Kontakt. Sie flirten, halten Händchen, das geht bis zum Koitus. Für das Wohlbefinden ist das gut. Deshalb sollte die Einrichtung dafür Räume schaffen. Aber unabhängig davon: Intimität als Thema gibt es auch zwischen Pflegekräften und Bewohnern. Wie diese bei der Körperhygiene berührt werden wollen und wie nicht, vor solche Fragen stehen Pflegekräfte jeden Tag. Zudem gibt es sexuelle Übergriffe zwischen Bewohnern oder auf die Pflegekräfte.

Sie haben untersucht, welche Einstellungen Pflegekräfte und Bewohner in Altenheimen zum Thema Sexualität haben. Was heißt bei Ihnen Sexualität?

KEUL: Darunter verstehen wir alles, was sich abspielt, wenn zwischen zwei Menschen eine bestimmte Anziehung herrscht. Dazu gehört Flirten, Küssen, Lieben, Schwärmen, und auch Geschlechtsverkehr.

Es geht also nicht nur um Sex?

KEUL: Nein. Damit würde man die seelischen und psychischen Facetten der Sexualität aus dem Blick verlieren.

Manche Einrichtungsleiter argumentieren, ihre Bewohner hätten andere Probleme. Schließlich kommen sie oft körperlich eingeschränkt oder mit starker Demenz ins Heim.

KEUL: Dahinter steht die Vorstellungen, das Alter als ein „Nicht-Können“ zu versteht. Oft ist das eine beschützende Haltung. Nach dem Motto: Sie leiden so viel, da sie körperlich und psychisch abbauen. Da wollen wir sie mit dem Thema nicht auch noch belasten.“

Lassen sich denn Menschen davor beschützen?

KEUL: Nein. Hält man das Thema von ihnen fern, müssen es die Bewohner selbst ansprechen. Das fällt ihnen aber schwer in einem System, dass Asexualtität von ihnen wünscht und in dem aus ihrer Sicht nur junge Menschen arbeiten. Wie soll man da nach einem Erotik-Heft oder einem Dildo fragen?

Ein anderes Argument ist: In Pflegeeinrichtungen lebten vor allem Frauen und die hätten oft Sexualität oder Ehe als Gewalt erlebt. Folglich seien sie froh, mit dem Thema abschließen zu können.

KEUL: Tatsächlich haben fast alle befragten Frauen Gewalterfahrungen in Bezug auf Sexualität gemacht. Aber auch viele Männer. Dennoch kann man Sexualität in einer wohltuenden Form leben wollen.

Wie möchten Bewohner in Altenheimen denn Sexualität leben?

KEUL: Erstmal wollen sie Zeit und Räume, die nicht von Pflege überschattet sind. Wo sie einander begegnen können, um festzustellen, ob sie Interesse aneinander haben. Auch braucht es Raum für Intimität – etwa Zimmer, die sie zuschließen können. Auch der Tagesablauf muss auf eine aktive Sexualität ausgerichtet werden. Mir haben Bewohner erzählt, dass sie nur morgens, wenn sie ausgeruht sind, noch eine Erektion bekommen oder feucht werden. In dieser Zeit, in der sie Sexualität leben könnten, steht aber Pflege auf dem Plan.

Es ist also eine organisatorische Frage?

KEUL: Nicht nur. Alte Menschen wünschen sich auch Unterstützung. Dass Pflegekräfte von sich aus Fragen der Sexualität ansprechen. Bewohner trauen sich oft nicht darüber zu reden, dass sie Interesse an jemanden haben oder sich Berührungen wünschen. Auch wollen manche, dass die Einrichtung Kontakt zu Sexarbeitern aufbauen. Da haben mir Frauen von ihrem Bedauern erzählt, dass es Angebote für heterosexuelle Männer gibt, aber nicht für Frauen.

Woran liegt das?

KEUL: Weil Sexarbeit ein weibliches Metier ist; so sind in Deutschland die Vorstellungen von Sexarbeit. Wenn alte Frauen sexuell frustriert sind, meinen manche, sie wollten in den Arm genommen werden. Männer dagegen wollten Sex haben. Die männlichen Altenheim-Bewohner, die wir gefragt haben, haben das stets verneint. Sie wollten keinen Sex, haben aber Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Berührung. Und, alte Menschen wollen lernen, was Sexualität heute bedeutet.

Was meinen Sie damit?

KEUL: Alte Menschen verstehen, dass es einen Unterschied zwischen der Sexualität gibt, die sie gelernt haben und der, die junge Menschen heute leben. Ihre ist tabuisierter, vorgeblich nur zur Fortpflanzung da. Dagegen verstehen junge Menschen Sexualität eher als ein natürliches Bedürfnis. Dazu haben die Bewohner von Altenheimen Fragen, auf die sie sich Antworten wünschen.

Was muss passieren?

KEUL: Pflegekräfte und Bewohner müssen offener miteinander reden. Welche Bedürfnisse gibt es? Wie ließen sie sich befriedigen? Um das ansprechen zu können, sollten Pflegekräfte stärker als Experten für Menschen im Alter gelten, immerhin sind sie dafür ausgebildet.

Den Zusammenhang müssen Sie erklären.

KEUL: Kommt heute ein 80-jähriger Mann in ein Pflegeheim, ist sein Sohn zwischen 50 und 60 Jahre alt. Er kommt also aus einer Generation die noch mit einer repressiven Vorstellung von Sexualität aufgewachsen ist. Wenn es den Angehörigen deshalb unangenehm ist, über die Sexualität ihrer Eltern zu reden, dann wird die Heimleitung geneigt sein, das Thema klein zu halten. Pflegekräfte sind dann verunsichert, ob sie Rückendeckung von der Leitung haben, und sprechen die Bedürfnisse der Bewohner eher nicht an. Würden Pflegekräfte als Experten für das Alter gesehen, hätten sie die Autorität das Thema von sich aus gegenüber den Angehörigen anzusprechen.

Wie viele Pflegeheime im Rhein-Main-Gebiet sind ihrer Erfahrung nach sensibel für dieses Thema?

KEUL: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Im Rhein-Main-Gebiet sind die Heime sicher besser aufgestellt als in ländlichen Regionen. Schwierig bleibt das Thema aber auch hier. Man muss in den Konzepten der Heime nur mal schauen, ob das Wort „Sexualität“ darin überhaupt vorkommt. Das ist nicht so oft.

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