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Wenn Jugendliche Opfer von Hasskommentaren werden, spielt sich das oft im Verborgenen ab.

Hass im Internet

Experte warnt: Shitstorms im Netz können jeden treffen

Was haben Starköchin Sarah Wiener und der Gillette-Konzern gemeinsam? Sie waren in jüngster Zeit einem Shitstorm im Internet ausgesetzt. Aber nicht nur Promis oder Unternehmen können Ziel von Hass im Netz werden. Davor ist niemand sicher, sagt ein Experte. Im Gespräch mit Gerd Chmeliczek gibt er Tipps, wie man sich verhalten sollte – im Auge des Sturms.

Stefan Ketzschmar hat eine Debatte über Meinungsfreiheit in Deutschland angestoßen und prompt Applaus von Rechts bekommen. Sarah Wiener postete etwas über die industrielle Herstellung von Mandelmilch und hat digitalen Ärger. Der Rasiererhersteller Gillette propagiert in einem Werbespot ein anderes Männerbild und wird dafür angefeindet. Aber es trifft nicht nur Prominente, schon Kinder und Jugendliche können Opfer eines Shitstorms werden, weiß Benjamin Wockenfuß, Social-Media-Manager bei der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, – und beantwortet Fragen zum Thema.

Herr Wockenfuß, warum kann ein Shitstorm für den Betroffenen so belastend sein?

BENJAMIN WOCKENFUSS: Das Problem mit den Beschimpfungen im Netz ist, dass sie besonders öffentlich sind und eine hohe Reichweite haben. Plötzlich nehmen Tausende oder gar Millionen Menschen an einer Auseinandersetzung teil. Rund um die Uhr. Früher dagegen war der Streit zeitlich und örtlich begrenzt.

Im Netz wird es schnell sehr verletzend. Warum?

WOCKENFUSS: Bei Kommentaren in sozialen Medien werden oftmals impulsiv gesprochene Worte verschriftlicht. Ausgangspunkt ist eine Aussage, die mir nicht passt. Dann kommentiere ich. Emotional und geschützt von einer Pseudo-Anonymität. Dadurch werde ich grenzenloser. Das führt dazu, dass sich die Kommentare schnell mit Hassrede koppeln können. Es wird persönlich. Verletzend. Zudem geht bei einem geschriebenen Kommentar die emotionale Ebene völlig verloren. Keine Gestik, keine Mimik, kein Klang der Stimme. Das lässt Raum für Interpretationen. Auf beiden Seiten. Dann schaukelt sich das Ganze schnell hoch. Und je länger eine solche Diskussion dauert, desto eher lösen sich die Bemerkungen vom eigentlichen Thema. Dann wird nur noch beleidigt. Und das ist für die Opfer sehr unangenehm.

Es kann also jeden treffen?

WOCKENFUSS: Ja. Oftmals bekommen wir solche massiven Anfeindungen ja nur mit, weil die Opfer Prominente sind. Und von denen denken wir, dass sie ein entsprechend dickes Fell haben. Das stimmt zwar nicht immer, aber wir machen uns nicht so viele Sorgen. Dabei sind Shitstorms hoch belastend. Und: Bei Kindern und Jugendlichen spielt sich so etwas häufig im Verborgenen ab. Da kann es vorkommen, dass aus digitaler Gewalt analoge Angriffe werden, wenn niemand eingreift. Nach einer Forsa-Studie im Auftrag der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalens haben 96 Prozent der 14- bis 24-Jährigen bereits Hasskommentare im Netz zumindest wahrgenommen.

Welche Tipps gibt es für Menschen, über die der Sturm gerade hereinbricht?

WOCKENFUSS: Auf keinen Fall Kommentare löschen. Das verstärkt den Shitstorm nur. Mein Rat lautet: Aussitzen, sofern es aushaltbar ist. Im Normalfall – und das ist wiederum auch das Schöne an der Social-Media-Welt – zieht der Sturm schnell weiter. Es gibt nur wenige Fälle, in denen die digitalen Angriffe mehrere Tage dauerten. Also: Gelassen bleiben, aber die Debatte aufmerksam verfolgen. Wird eine rote Linie überschritten, werden Menschen beleidigt oder herabgewürdigt, sollte man in Betracht ziehen, auch rechtliche Schritte zu prüfen. Kinder und Jugendliche sollten sich an Lehrer oder an die Eltern wenden.

Wie kann ich vermeiden, von einem Shitstorm getroffen zu werden?

WOCKENFUSS: Das liegt nicht allein in unserer Hand. Schließlich muss meine Meinung nicht einmal besonders kontrovers sein, um heftige Reaktionen auszulösen. Es gibt genug Menschen, die sich im Netz tummeln, um solche Debatten vom Zaun zu brechen. Grundsätzlich gilt: erst denken, dann posten.

Gefühlt treten Shitstorms immer häufiger auf...

WOCKENFUSS: Hier muss man unterscheiden: Ist das Opfer wirklich Opfer? Oder provoziert man die Debatte gezielt, um Klicks und Reichweite zu generieren? Ich vermute mal, dass es die Werbestrategen von Gillette auf diesen Shitstorm angelegt hatten. Hauptsache, es wird über einen geredet. Egal, ob positiv oder negativ. Die AfD beispielsweise ist die Shitstorm-Partei. Extrem verkürzte und vereinfachte Aussagen mit einem völkisch-nationalen bis rassistischen Zwischenton. So erzielen sie eine unglaublich große Reichweite. Und auch die Medien sind nicht schuldlos. Wenn zum Beispiel Aussagen so verkürzt werden, dass nur eine möglichst knallige Überschrift übrigbleibt. Mehr wird nämlich oft nicht gelesen.

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