Sau-glücklich: Wollschweine verbringen ihr Leben im Freien. Ihre Unterwolle und eine dicke Fettschicht schützen sie vor Kälte. Sie können Temperaturen bis -30 Grad aushalten.

Nutztierrasse

Die Slow-Food-Schweine: Andrej Babitz ist bisher Hessens einziger Wollschwein-Züchter

Von Weitem sehen sie aus wie zu dick geratene Schafe. Passenderweise leben sie auch noch in der Schäferstadt: Wollschweine haben in Hungen eine Heimat gefunden. Im Stadtteil Villingen setzt sich der Bad Nauheimer Andrej Babitz für den Fortbestand dieser gefährdeten Nutztierrasse ein.

Tief hängen die Wolken über dem Villinger Köpfel. Seit zwei Tagen regnet es unaufhörlich. Keinen Hund würde man bei diesem Wetter vor die Tür jagen. Doch die Wollschweine der Familie Babitz fühlen sich wohl auf ihrer Weide etwas außerhalb des Dorfes. Nicht nur ihre festen gekräuselten Borsten und die feine Unterwolle schützen sie vor dem feuchtkalten Winterwetter, sondern auch die dicke Fettschicht, die sich darunter verbirgt. Gemütlich sehen sie aus und von Weitem ein bisschen wie zu dick geratene Schafe.

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"Schöne Tiere", findet Andrej Babitz. Dass er Hessens erster und bislang einziger eingetragener Wollschwein-Züchter werden würde, hätte sich der Malermeister aus Bad Nauheim vor ein paar Jahren aber noch nicht träumen lassen. Doch dann zog er mit seiner Partnerin Michaela Behnke und den Kindern nach Villingen in die Hofreite seiner verstorbenen Großeltern. Ein Stall war da, und so kam die Familie auf die Idee mit der Schweinehaltung. "Es sollte ein Hobby sein", erzählt Babitz. Die Entscheidung fürs Wollschwein, das auch Mangalitza genannt wird, sei dann ganz bewusst gefallen, denn es ist vom Aussterben bedroht. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen hat das Wollschwein zur "Gefährdeten Nutztierrasse 2019" gewählt.

In Villingen aber wird kräftig gegen den Trend gearbeitet. Eber Eberhard und die drei Muttersauen Ursula, Brunhilde und Margot haben mittlerweile dafür gesorgt, dass die Herde stetig gewachsen ist. Mit einigen Zukäufen leben dort inzwischen über 40 Tiere, und bald werden es mehr sein: Margot ist hoch trächtig.

Fachwissen angeeignet

Man sieht: Das Hobby hat sich längst zum Nebenerwerbsbetrieb ausgewachsen. Andrej Babitz betreibt ihn gemeinsam mit seiner Mutter Gisela Babitz-Koch. "Sie ist die Chefin, ich bin der Betriebsleiter", sagt er und lacht. Mittlerweile hat er sich so viel Fachwissen angeeignet, dass er ab dem Wochenende mit der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen zur Internationalen Grünen Woche nach Berlin fahren und dort Vorträge halten wird.

In Hungen dagegen hat Martina Beele-Peters, die Vorsitzende des Stadtmarketings, ein Auge auf den besonderen Zuchtbetrieb geworfen. "Wollschweine in der Schäferstadt! Was man da alles machen könnte! Dieses Alleinstellungsmerkmal ist einfach ein Traum", findet sie. Aber noch kann das Stadtmarketing ebenso wenig loslegen wie der Züchter mit der Vermarktung des Fleisches. Der Grund: Bürokratie.

Wie Mutter und Sohn erläutern, hat das Veterinäramt aus Gründen des Seuchenschutzes für die Wollschwein-Weide einen Doppel-Zaun gefordert, und der muss nach §17 Abs. 3 Bundesnaturschutzgesetz genehmigt werden. "Der Antrag wurde im Frühjahr 2018 bei der Unteren Naturschutzbehörde eingereicht", berichtet Gisela Babitz-Koch.

Magistrat lehnt Zaun ab

Fast alle Beteiligten hätten zugestimmt, darunter das Veterinärwesen, die OVAG, die Jägerschaft, der Ortsbeirat und das Landwirtschaftsamt. Nur der Magistrat der Stadt Hungen habe sein Einvernehmen bislang verweigert. "Die Gründe kennen wir nicht", bedauert Babitz-Koch.

Auch Beele-Peters, die sich bis nach Wiesbaden zum Ministerium für Umweltschutz und Landwirtschaft durchtelefoniert hat, wurde keine Erklärung genannt. Aktuell liegt die Angelegenheit bei der Bauaufsicht; in Villingen hofft man sehnsüchtig auf eine positive Entscheidung.

"Wenn alles glatt gelaufen wäre, hätten wir jetzt in die Vermarktung einsteigen können", sagt Babitz. Die Homepage steht, Schlachtung und Verarbeitung des Fleisches werde die Metzgerei Weil in Münzenberg übernehmen. Mit zwei Tieren pro Monat will Babitz anfangen, später will er die Zahl auf drei bis vier steigern. So sieht es der Businessplan vor, den der 43-Jährige für fünf Jahre aufgestellt hat. Mangelnde Nachfrage befürchtet er nicht. "Nur sechs Metzgereien bieten Fleisch vom Wollschwein an. Meistens ist es ausverkauft."

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Babitz betont, dass die Mast nicht sein primäres Ziel ist. Er will einen Beitrag zum Fortbestand dieser alten Rasse leisten. "Um das Wollschwein zu erhalten, muss man es essen." Aber vorher sollen die Tiere ein gutes Leben haben. 18 Monate lang dürfen sie auf der Weide Gewicht zulegen, ehe sie der Schlachter holt. Im Vergleich zu anderen Schweinen, die nach rund sechs Monaten unters Messer kommen, sind Mangalitzas echtes Slow Food.

Informationen zur seltenen Tierrasse gibt es unter:

www.wollschwein-villingen.de

von ULLA SOMMERLAD

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