Ein Arzt impft in einer Hausarztpraxis eine Frau gegen Corona
+
Ein Arzt impft in einer Hausarztpraxis eine Frau gegen Corona.

Sonderaktionen für mehr Impfungen: Viele Termine verfallen

Erst gab es einen Ansturm auf die Corona-Impfungen - jetzt wird so mancher Termine geschwänzt. Dabei zeigt die Ausbreitung der Delta-Variante, dass für eine Entwarnung kein Anlass besteht.

Hanau/Kassel/Marburg - Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei - trotzdem hapert es mit der Disziplin bei den Impf-Terminen. Auch weil die Schutzimpfungen jetzt an mehreren Stellen zu bekommen sind, holen sich manche Menschen ihren Piks kurzerhand anderswo ab - und halten es dann nicht für nötig, bereits gebuchte Termine abzusagen. Das stellt die Anbieter vor Herausforderungen, bietet aber auch Chancen für Nachrücker. Bei Ärzten zeigt man sich besorgt: Manche Bürger wiegten sich offenbar angesichts derzeit niedriger Inzidenzen in trügerischer Sicherheit, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Einige glaubten zudem, eine Erstimpfung werde schon ausreichen, um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen - was nicht der Fall ist.

Knapp sechs Millionen Impfungen wurden bis einschließlich Donnerstag hessenweit vorgenommen - die Quote bei den Erstimpfungen lag bei 57 Prozent, bei den Zweitimpfungen bei 40,2 Prozent. Seit Anfang April sind neben den Impfzentren auch Haus- und Fachärzte sowie seit Juni die Betriebsärzte in die Impfkampagne eingebunden. Laut hessischem Innenministerium gingen die Registrierungen für Termine in den Impfzentren zuletzt sukzessive zurück: Während sich nach der Aufhebung der Priorisierung am 7. Juni innerhalb kurzer Zeit mehr als 100.000 Menschen registrierten, seien es derzeit noch rund 2000 am Tag. In der vergangenen Woche hätten insgesamt rund 16.500 Bürger ihre Termine gebucht. Wieviele Menschen nicht wie vereinbart im Impfzentrum erscheinen, lasse sich nicht belastbar angeben. Gründe seien individuelle Check-in- und Check-out-Regularien oder etwa die Nachbesetzung kurzfristig freigewordener Termine, etwa über Nachrücker-Listen oder telefonische Nachbesetzungen. Die „No-show-Rate“ variiere somit je nach Impfzentrum sowie von Impfstoff zu Impfstoff, erklärte das Ministerium. „Grundsätzlich lässt sich jedoch ableiten, dass hessenweit bis zu 20 Prozent der Termine ohne vorherige Absage nicht wahrgenommen werden.“ Nach wie vor würden alle Impfdosen, die der Bund dem Land Hessen für die 28 hessischen Impfzentren bereitstellt, auch zeitnah verabreicht, so dass kein Impfstoff wegen kurzfristig nicht wahrgenommener Termine verfalle.

Im Main-Kinzig-Kreis beispielsweise werden etwa 10 bis 15 Prozent der vereinbarten Termine in den Impfzentren in Hanau und Gelnhausen nicht wahrgenommen, wie ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur sagte. Dabei sei weder eine Häufung bei einzelnen Impfstoffen noch bei Erst- oder Zweitimpfungen auszumachen. Eher könnte es daran liegen, dass die Menschen einen früheren Termin bei ihrem Hausarzt bekämen und den im Impfzentrum dann sausen ließen. Bisher sei es aber nicht so, dass es mehr Impfdosen als Interessenten gebe, sagte der Sprecher.

Um die Impfungen voranzutreiben, veranstaltet der Main-Kinzig-Kreis seit einiger Zeit Sonderaktionen unter dem Titel „Dein Pflaster“ mit einem Impfbus. Damit sei man tageweise in verschiedenen Quartieren vor Ort, sagte der Sprecher. So könnten auch immer wieder ältere Menschen erreicht werden, die bisher noch an keiner Impfung teilgenommen haben, obwohl sie längst dazu berechtigt gewesen wären. Falls Impfdosen in einem der Impfzentren übrig blieben, kämen Nachrücker über die „Impfbrücke Main-Kinzig“ zum Zuge, so der Sprecher.

Auch in Kassel nehmen es manche Bürger mit Impfterminen nicht so genau. „Die Termine, die nicht wahrgenommen werden, bewegen sich im Impfzentrum der Stadt Kassel zwischen 10 und 30 Prozent“, sagte ein Stadtsprecher. Insbesondere Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca seien betroffen, doch auch bei anderen Impfstoffen blieben Menschen weg oder sagten kurzfristig ab. „Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig und reichen von der Tatsache, dass bereits über eine niedergelassene Praxis oder einen betriebsärztlichen Dienst die Impfung erfolgt ist, über kurzfristige Verhinderungen bis zu einer fehlenden Akzeptanz des angebotenen Impfstoffs aufgrund von Medienberichten“, so der Sprecher.

Ausgefallene Termine stellt die nordhessische Stadt kurzfristig wieder im Termintool des Landes Hessen ein. Überzählige Dosen würden noch nicht geimpften Personen der Prioritätengruppe 3 verabreicht. „So musste noch keine Impfdosis im Impfzentrum Kassel aufgrund fehlender Haltbarkeit verworfen werden.“ Auch Kassel plant Aktionen mit mobilen Teams in den Stadtteilen, um für Impfungen zu werben.

Der Kreis Marburg-Biedenkopf bemerkt keine Impfmüdigkeit, wohl aber eine Nachlässigkeit bei den Terminen. Im Schnitt erhalten derzeit täglich 1200 bis 1300 Menschen im Impfzentrum die Spritze gegen das Virus, wie ein Sprecher des Landkreises berichtete. Damit sei der vom Land vorgegebene Volllast-Betrieb erreicht - man würde aber auch das Doppelte schaffen. Eine Sonderimpfaktion mit dem Präparat von Johnson & Johnson sei zuletzt stark nachgefragt worden. Schon morgens habe sich für die rund 900 Dosen eine lange Schlange von Impfwilligen gebildet. „Das spricht jetzt nicht zwingend für Impfmüdigkeit“, sagte der Sprecher. Klar sei aber: „Wir müssen beim Impfen am Ball bleiben und entsprechend dafür werben.“

Was auch das Marburger Zentrum feststellt: Immer wieder erscheinen Menschen nicht zu ihren Impfterminen, es gibt Ausfälle von 10 bis 13 Prozent. Das werde jedoch ausgeglichen, indem man die zur Verfügung stehenden Termine leicht überbuche, erläuterte der Sprecher. „Das funktioniert sehr gut, wir haben keine Probleme damit.“ Nachrücker müssten auch nicht abgewiesen werden.

Im Impfzentrum des Kreises Gießen in Heuchelheim werden nach Angaben einer Sprecherin derzeit sogar etwa 38 bis 40 Prozent der Termine abgesagt. Vom Landkreis Offenbach hieß es, dass es generell kein Interesse an einer Impfung mit dem Astrazeneca-Wirkstoff gebe. „Zudem gibt es starke Schwankungen von Tag zu Tag.“ Nicht verbrauchter Impfstoff werde wieder ins Terminportal eingestellt, so dass andere Kandidaten davon profitieren könnten. Nach einer Impfnacht im Mai gebe es auch im Landkreis Offenbach Impfungen in Wohnquartieren. „Weitere Sonderaktionen folgen sukzessive“, so die Sprecherin. dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare