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Marlene Haas ist Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin der ?Lust auf besser leben gGmbH?.

Interview

Sozialunternehmerin Marlene Haas über Nachhaltigkeit und Bürger-Engagement

Mit der Sozialunternehmerin Marlene Haas sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über Nachhaltigkeit in einer Großstadt, aktive Bürger und neue Wohnquartiere.

Frau Haas, was gibt es in der Metropole Frankfurt noch zu verbessern?

MARLENE HAAS: Vieles läuft prima, sonst würde es uns nicht so gut gehen. Doch wie in jeder Stadt gibt es so Einiges zu verändern, vor allem, wenn ich meine Perspektive als Sozialunternehmerin einnehme, aber auch als Bürgerin. Zum einen vermisse ich hier eine echte Politik mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Warum?

HAAS: Die meisten wissen gar nicht, wie sie sich einbringen können, oder haben Angst, etwas verkehrt zu machen. Das fängt im Kleinen an: Wir wollen aktive Menschen, die ihr Umfeld gestalten. Doch schon bei Kleinigkeiten braucht es massig Genehmigungen, die einfach abschrecken.

Nennen Sie doch einmal Beispiele.

HAAS: Ein Bürger will zum Beispiel ein spontanes gemeinsames Nachbarschaftsessen auf einem öffentlichen Platz machen. So einfach geht das aber nicht, wenn es ein Event ist. Diese Verordnungen haben zum großen Teil ihren Sinn und Zweck, gehen aber über ihr Ziel hinaus, so dass viele das Gefühl bekommen, dass sie ’ihren’ Stadtraum eigentlich gar nicht nutzen dürfen.

Wo hakt es noch?

HAAS: Oder aber auf anderer Ebene: Wir machen aktuell eine Mehrwegbecherinitiative, die politische Lobbyarbeit braucht. Da kommen selbst wir als kleine Organisation an unsere Grenzen, andere würden sich erst gar nicht trauen, sich mit ihrem Anliegen wirklich einzumischen, oder werden nicht ernst genommen, dadurch verschiebt sich meiner Meinung nach das Verhältnis zwischen Bürger, Politik und Verwaltung hin zum Bürger als Bittsteller.

Gibt es auch Positives zu vermelden?

HAAS: Es gibt aber auch tolle Politiker und kommunale Angestellte, die bürgernah und wirklich innovativ agieren. Aber neben der politischen Ebene könnte Frankfurt natürlich auch eine Portion Mut vertragen, dass sich unser Finanzzentrum durchaus mit nachhaltigem Wirtschaften und einer echten Green City verträgt. Daran arbeiten wir.

Wenn Sie Frankfurt einmal eine Liebeserklärung machen dürften. Wie würde diese aussehen?

HAAS: Ich liebe unsere Vielfalt und auch den etwas harten Kern, der in den einzelnen Stadtteilen und mit den unterschiedlichen Menschen so weich und nahbar wird. Und ich finde es auch gut und wichtig, dass Kontroversen immer wieder diskutiert werden, ob Flughafen oder neues Quartier – bei solchen Themen spürt man Aktivismus, der befruchtend ist. Das hat dann Dorfcharakter in einer kleinen Großstadt. Und das liebe ich vor allem auch. Mit dem Rad bin ich hier schneller unterwegs als mit dem Auto, auch wenn letzteres noch immer unser Stadtbild dominiert und wir wirklich keine progressive Stadt sind, aber eben eine dörfliche, in der alles erstmal skeptisch inspiziert werden muss. Das hat auch Vorteile, nur eben nicht in allen Bereichen.

Sie setzen sich für eine nachhaltige Entwicklung ein. Aber die Stadt platzt aus allen Nähten und ist auf der Suche nach neuen Wohnquartieren. Wie passt das zu Nachhaltigkeit?

HAAS: Super. Nachhaltigkeit bedeutet ja eben nicht nur grün, nur sozial, nur wirtschaftlich stark. Vielmehr geht es seit der Agenda 2030 um eine neue Kultur, um ein Austarieren verschiedener Notwendigkeiten, die dafür sorgen, dass auch kommende Generationen, hier und woanders auch, gut leben können. Da kann es sein, dass an der einen Stelle ein neues Quartier auf Basis eines demokratischen Prozesses entsteht, das natürlich Begrünung für Klimaschutz, nachhaltige Mobilität und Inklusion lebt, für das Fläche wegfällt.

Was ist in solchen Fällen mit dem Bauernland?

HAAS: Und an anderer Stelle muss ganz klar Grünfläche geschützt werden. Doch keine Entscheidung kann pauschal getroffen werden, es geht um den Entwicklungsprozess statt schwarz-weiß. Das auszuhalten und mitzuwirken ist wichtig. Es geht um eine Zielpriorisierung, die hoffentlich bei der von uns gewählten Politik gut aufgehoben ist – und wenn nicht, kommen Initiativen und NGOs oder Sozialunternehmen.

Wenn sich die Stadt nun für den Bau neuer Quartiere entscheidet. Wie sollten die aussehen?

HAAS: Ich bin keine Stadtplanerin. Aber als Bürgerin und Geschäftsführerin eines Sozialunternehmens, das sich der Nachhaltigkeit verschreibt, würde ich sagen: inklusiv, am Menschen und seinen Bedürfnissen orientiert. Das heißt, das Leben steht im Mittelpunkt mit einer guten Nahversorgung, Arbeitsmöglichkeiten, Kitas und nicht zum Beispiel das Auto oder eine möglichst hohe Rendite für Eigentümer. Ich denke, dass Quartiere unterschiedlich gestaltet werden, je nach Bedarf. Wichtig dabei ist, die schon vorhandenen Möglichkeiten einer nachhaltigen Infrastruktur von Beginn an einzubeziehen.

Sie verstehen sich selbst auch als Netzwerkerin. Beschreiben Sie ihren Beruf?

HAAS: Vieles im Alltag und innerhalb unserer Projekte hängt tatsächlich mit unserem guten und vor allem heterogenen Netzwerk zusammen. Ich rede eben mit allen und denke, dass alle Begegnungen einen Wert haben. Ansonsten gehe ich ins Büro, koche Kaffee, konzipiere und organisiere Projekte, schreibe Angebote und Rechnungen und lache sehr gerne mit meinen Kolleginnen. Mein Beruf ist aber Veranstaltungskauffrau. Ganz unspektakulär und bodenständig. Die Berufung dann etwas anderes ...

Wie helfen denn Netzwerke im unternehmerischen Umfeld?

HAAS: Sie helfen, indem ein Austausch über Wissen und Fähigkeiten erleichtert wird, aber auch Gemeinsames entsteht. Ich finde immer mehr den Begriff der Kollaboration erwähnenswert. Das spart so viele Ressourcen und bringt einfach Spaß am Tun.

Gibt es Beispiele?

HAAS; Ein Beispiel: Ohne unser Netzwerk kleiner Betriebe und Vereine, die sich als Nachhaltigkeitsbotschafter engagieren, hätte das Bienenhotel niemals so schnell und unbürokratisch installiert werden können. Oder etwas pragmatischer: Ohne unser Netzwerk würden viele lange suchen, bevor sie den passenden Dienstleister finden.

Sie sind auch in der IHK aktiv. Kommt Nachhaltigkeit bei Ihren Kollegen an?

HAAS: Ich war bis Ende Februar als Vize-Präsidentin aktiv. Seitdem als Mitglied im Arbeitskreis Nachhaltigkeit. Das Thema wurde zunächst von manchen belächelt, andere fanden es von Beginn an wichtig. Insgesamt geht es eigentlich nicht primär um die Themen, sondern um deren Umsetzungsweise. Und ich habe „umgesetzt“, indem ich das Thema geöffnet und gemeinsam entwickelt habe. Klar, entlang einer für mich richtigen Linie.

Wie setzen Sie in der IHK Ihre Ideen um? Gibt es erfolgreiche Beispiele?

HAAS: Erfolgreich ist, dass ich nicht mehr im Amt dabei bin, und es dennoch weitergeht. Das ist der größte Erfolg und macht mich stolz. Wir haben eine gemeinsame Position erarbeitet, wo die Wirtschaft in puncto Nachhaltigkeit hin will, und die muss und kann nur funktionieren und in sich nachhaltig sein, wenn sie über das Engagement einer Person hinausgeht. Und das ist der Fall.

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