+
Deutsch lernen ist wichtig. Bei den erwachsenen Flüchtlingen ist dieser Sektor bislang noch fast allein ehrenamtlichen Lehrern und Lehrerinnen überlassen. Lisa Clarke ist eine solche der Organisation ?Teachers on the Road?. Unser Bild entstand im vergangenen September in Frankfurt.

Integration

Sprachunterricht für Flüchtlinge leidet unter schwachem Angebot

  • schließen

Gäbe es die vielen ehrenamtlichen „Deutschlehrer“ nicht, bekämen viele Zuwanderer überhaupt kein Angebot für diesen wichtigen Integrationsbaustein. Jetzt will das Land wenigstens die Arbeitsmaterialien bezahlen.

Für Flüchtlingskinder ist (fast) alles geregelt: Aufgeteilt in unterschiedliche Altersklassen, die verschiedenen Muttersprachen und den stark schwankenden individuellen Bildungsstand finden Jungen und Mädchen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und den vielen anderen Krisengebieten dieser Welt in Hessen inzwischen sehr gute Voraussetzungen, um sich mit der deutschen Sprache bekanntzumachen. Rund 1000 neue Lehrerstellen wurden sogar für sie geschaffen.

So weit, so gut. Mehr als vernachlässigt hat man bei den Integrationsbemühungen aber bisher die Sprachkurse für die Erwachsenen unter den rund 80 000 Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr hierher gekommen sind. So haben diese erst Anspruch auf reguläre Sprachkurse, wenn ihr Asylantrag angenommen wurde, was aus den bekannten Gründen einer überlasteten Verwaltung oft erst nach Monaten, manchmal Jahren, der Fall sein wird. Bis dahin wird dieses Feld von einer nicht zu schätzenden Zahl ehrenamtlicher Helfer bestellt, deren Idealismus allerdings auf eine harte Probe gestellt wird.

Isolde Asbeck, eine evangelische Theologin, die sich der Initiative „Teachers on the road“ angeschlossen hat, ist eine aus diesem Heer von Ehrenamtlichen und sie fällt ein vernichtendes Urteil: „Dieses kann nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sein. Und der Stein, auf den er fällt wird täglich heißer.“ Fast in jeder Kursstunde müsse von neuem angefangen werden, weil jedes Mal neue Gesichter auftauchten, mit äußerst unterschiedlichem Sprachniveau, berichtet die Bad Homburgerin aus ihrer Praxis. „Wir haben Menschen, die kaum unsere lateinischen Buchstaben kennen und die deutsche Worte mühsam von rechts nach links buchstabieren, weil sie es aus dem Arabischen so gewohnt sind. Andere können gut Englisch oder Französisch und langweilen sich, wenn jemand anderes erst buchstabiert“, so die Theologin in einer ausführlichen Schilderung ihrer Erfahrungen, mit der sie sich an diese Zeitung wandte. Arbeitsmaterialien gebe es in Hessen darüber hinaus gar keine, was man brauche, müsse man sich im Internet zusammensuchen, die Kosten für das Kopieren der Unterlagen blieben an den Lehrern hängen. Zumindest Letzteres soll sich nach Darstellung des hessischen Sozialministeriums jedoch bald ändern. Erst Ende März verkündete Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) die kurzfristige Bereitstellung von 1,5 Millionen Euro für ein Programm namens „MitSpracheDeutsch4U“, wodurch Fördermittel bis zu 10 500 Euro je Kurs bei den Kreisen, Städten und Regierungspräsidien beantragt werden können. Das reicht zumindest mal für 142 Kurse mit einem Umfang von 300 Unterrichtsstunden.

Ministeriumssprecherin Esther Walter räumt weiteren Handlungsbedarf ein.

Ein Konzept als Leitfaden für Sprachkurse in den hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen befinde sich jedoch in der „finalen Abstimmung“, wodurch neben der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (Sprache) auch Methodenkompetenz (Wo finde ich was?) und gesellschaftliche Gepflogenheiten in der neuen Umgebung erlernt werden sollen. Ehrenamtliche Lehrer, die dieses Wissen dann nach der Verteilung der Flüchtlinge auf die hessischen Städte und Gemeinden vertiefen sollen, könnten damit rechnen, dass auch einheitliche Arbeitsmaterialien (Bücher, Übungshefte, Papier und Stifte) „in absehbarer Zeit“ an jedem Standort vorhanden sein werden, ebenso wie geeignete Räumlichkeiten.

Als „völlig verkürzt“ bezeichnete auch Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) erst kürzlich in einem Interview die Flüchtlingsdebatte. „Alle schauen nur darauf, wie viele noch kommen. Aber die Integration ist ja noch viel schwieriger.“

Vielleicht meinte er damit auch das, was die ehrenamtliche Lehrerin Isolde Asbeck so beschreibt: „Ich habe meine Flüchtlinge mal gefragt, wer Goethe war. Schweigen. Ich habe gefragt, ob sie den Petersdom in Rom kennen. Nein. Ich habe sie gefragt, ob sie den Begriff Ostern gehört haben. Schweigen und Kopfschütteln. Als ich am Gründonnerstag angefangen habe, den christlichen Hintergrund des Osterfestes zu erklären, sind vier Teilnehmer von sechs gegangen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare