Regionaltangente West

Straßenbahnen, die in zwei Welten zu Hause sind

Die Mitarbeiter der RTW-Planungsgesellschaft wollten mit einer Probefahrt die in der Bürokratie offenbar noch vorhandenen Vorbehalte gegenüber den Zwei-System-Straßenbahnen abbauen.

Als die Fahrt starten sollte, wurde die Straßenbahn aus zunächst nicht nachvollziehbaren Gründen im Bahnhof Frankfurt-Höchst zwei Stunden lang festgehalten, bis sie weiterfahren durfte. Offenbar musste erst der Konzernbeauftragte der Deutschen Bahn (DB) für Hessen, Klaus Vonhusen, mit etlichen Telefonaten darauf hinweisen, dass diese Sonderfahrt schon vor längerer Zeit genehmigt worden war.

Die Straßenbahnzüge mit den zwei Stromsystemen haben den Vorzug, dass sie sowohl in dem mit Gleichstrom betriebenen Straßenbahnnetz der Städte fahren können, als auch in dem Netz der Bundesbahn, das nach wie vor mit 15 000 Volt Wechselstrom betrieben wird.

Seit fast 40 Jahren fahren diese Straßenbahnen in Karlsruhe – damit, wie man es dort nennt, „nicht der Fahrgast umsteigen muss, sondern die Bahn das System wechselt“. In Karlsruhe wird nicht nur das gut ausgebaute Straßenbahnnetz in der Innenstadt auf diese Weise bedient. Auch die städtischen Außenbereiche konnten ohne aufwendige Investitionen mit den bereits vorhandenen Schienenstrecken der Bahn durch die Albtal-Verkehrsgesellschaft angeschlossen werden. Inzwischen haben auch Saarbrücken und Kassel diese Vorteile erkannt und fahren Strecken, die außerhalb liegen, mit diesen Straßenbahnen, die praktisch „in beiden Welten zu Hause“ sind. Weitere Kommunen wie Chemnitz und Reutlingen planen ebenfalls, diese Technik einzusetzen.

Für die RTW-Strecken wären diese Straßenbahnen ebenfalls eine praktische und kostengünstige Anschaffung, da auf der 44 Kilometer langen Strecke zwischen Bad Homburg und Neu-Isenburg die Bahn auf etwa zwei Dritteln über Gleise der Bahn fahren werden.

Um die Kosten-Nutzen-Relation günstiger zu gestalten, wird, wie ein Vertreter der Albtal-Verkehrsgesellschaft berichtete, über den Verband der Verkehrsgesellschaften (VDV) daran gearbeitet, für diese Fahrzeuge eine gemeinsame Plattform zu schaffen, damit über größere Stückzahlen die Kosten weiter gesenkt würden. Nach einer ersten Übersicht könnten bis Mitte der 2030er Jahre etwa 270 Straßenbahnen mit dem Zweistrom-System nachgefragt werden. In dieser Zahl sind die Wagen, die die RTW für ihre Strecke benötigt, noch nicht mitgezählt. Bisher lagen die Kosten pro Wagen, die an das Unternehmen Bombardier zu zahlen waren, im Jahr 2009 für 300 neue Fahrzeuge bei vier Millionen Euro. Als Karlsruhe seine Option von weiteren zwölf Straßenbahnen ausübte, mussten pro Straßenbahn fünf Millionen Euro bezahlt werden.

Über den weiteren Fortgang des Projektes „Regionaltangente West“, berichtet Geschäftsführer Horst Amann, dass im dritten Quartal dieses Jahres beim Regierungspräsidenten in Darmstadt die Planfeststellungsunterlagen für die erste Teilstrecke eingehen sollen. „Wir hoffen, dass wir noch zum Ende dieses Jahres dann auch den Planfeststellungsbeschluss haben werden“, sagte er.

Frankfurts Planungsdezernent Klaus Oesterling (SPD) erklärte dieser Zeitung nach der Probefahrt von Bad Homburg bis Höchst und nach Bad Soden, dass „sicherlich jeder erleben konnte, dass dieses Zwei-System-Fahrzeug problemlos eingesetzt werden kann“. Lediglich eine Anpassung an die unterschiedlichen

Bahnsteighöhen

müsste gegenüber dem Karlsruher Fahrzeug erfolgen. Oesterling sagte, dass bis zum Endausbau etwa 100 Straßenbahnfahrzeuge angeschafft werden müssten. „Für die Ausschreibung der Fahrzeuge haben wir ja noch genügend Zeit, während die Planfeststellungsverfahren laufen“. Er rechne damit, dass diese Verfahren erst in etwa drei Jahren beendet sein könnten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare