Flüchtlinge in Rhein-Main

"Teachers on the Road" geben kostenlose Deutschkurse

Ein ehrenamtliches Bildungsprojekt in Hessen und Rheinland-Pfalz hilft Asylbewerbern beim Deutschlernen. Die Kurse, die meist von Studenten gegeben werden, sind für die Flüchtlinge kostenlos.

Lemlem Abraha (28) aus Eritrea würde gerne medizinisch-technische Assistentin werden. Alweys Liban (18) aus Somalia hat gleich zwei Berufswünsche: Schornsteinfeger oder Glasbauer. Raza Muhammad (29) aus Pakistan studiert nach eigenen Worten bereits evangelische Theologie. Alle drei sind Asylbewerber und unterschiedlich lang in Hessen. Um schnell Deutsch zu lernen, besuchen sie in Frankfurt den kostenlosen Unterricht der ehrenamtlichen Initiative «Teachers on the Road» im Vorstandsgebäude der IG-Metall. Vor allem Studenten unterrichten an mehreren Standorten in Hessen und Rheinland-Pfalz Flüchtlinge. Das Interesse ist enorm - auf beiden Seiten.

Die «Teachers» sind ein politisches Bildungsprojekt. «Ziel des Deutschunterrichts für erwachsene Flüchtlinge ist es, die Leute aus der Isolation zu holen», sagt Lehrer Timur Beygo. Die Menschen sollen Netzwerke knüpfen und werden bei Wohnungssuche oder Behördengängen unterstützt. Die Kommunikation, und nicht die Grammatik, ist daher Schwerpunkt der Deutschstunden.

Für den größten Kurs stellt die IG Metall in Frankfurt schon seit rund eineinhalb Jahren abends ihre schicken Büroräume zur Verfügung. Aus anfangs 8 Teilnehmern pro Abend seien um die 100 geworden, berichtet die Sprecherin des IG-Metall-Vorstands, Ingrid Gier. «Wir stehen vor einer großen Herausforderung, dass die Flüchtlinge bei uns aufgenommen und so schnell und so gut wie möglich integriert werden können», sagt Gewerkschaftschef Detlef Wetzel. «Dafür müssen wir alle im Großen wie im Kleinen was tun.»

Das Projekt kommt an. «Ich finde es toll hier. Alle wollen helfen», sagt Liban, der vor rund eineinhalb Jahren Deutschland erreichte. Der 18-Jährige kommt immer noch ab und an zu den Deutschkursen, obwohl er schon den Hauptschulabschluss in der Tasche hat und jetzt seinen Realschulabschluss machen will.

Die Schüler in Frankfurt sind im Durchschnitt etwa 30 Jahre alt, die meisten kommen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Ghana und Somalia. Unter ihnen ist auch ein Dutzend Frauen, der vergleichsweise hohe Frauenanteil ist den Teachers wichtig. Abraha ist eine von ihnen. Sie schaffte es nach einem Jahr Flucht vor rund zwei Monaten vom Sudan bis nach Frankfurt. Nun will sie möglichst schnell Deutsch lernen. «Ein harter Kern kommt regelmäßig, sonst ist die Fluktuation hoch» sagt Beygo.

Raza Muhammad, der schon seit zwei Jahren in Deutschland ist und ein Zimmer in einer Asylunterkunft in Bad Vilbel hat, nimmt nach eigenen Worten fast jeden Abend am Unterricht teil. Denn: Deutschkurse seien sehr teuer, auch an der Volkshochschule. Da sein Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist, hat er noch keinen Anspruch auf einen Kurs. «Hier ist es sehr hilfreich und sehr schön.» Andere Teilnehmer haben zwar schon Asyl, warten aber noch auf ihren Kurs.

«Teachers»-Gründer Uli Tomaschowski und Studentin Lisa Clarke beginnen den Unterricht mit einem einfachen Dialog in großer Runde: Wie heißen Sie? Woher kommen Sie? Wie alt sind Sie? Was ist heute für ein Tag? Anschließend werden die Teilnehmer in kleine Gruppen eingeteilt und lernen - je nach Kenntnisstand - weiter.

«Das Projekt wurde vor rund zwei Jahren gegründet», sagt Tomaschowski, der sein Germanistikstudium abgebrochen hat und schon seit vielen Jahren Flüchtlinge unterrichtet. Vorausgegangen sei eine Tour durch mehr als 50 Flüchtlingsunterkünfte in Rheinland-Pfalz und Hessen. Dabei hätten die Menschen am häufigsten den Wunsch geäußert, möglichst schnell Deutsch zu lernen.

Seither unterrichteten rund 250 «Teachers», die meisten an einem der zehn Standorte in Frankfurt. Das Projekt finanziere sich ausschließlich über Spenden, sagt Beygo. Teachers-Gruppen gibt es auch in Oberursel und Darmstadt, Mainz und Ludwigshafen. In Germersheim habe sich ein eigenes Flüchtlingsprojekt entwickelt. Anfragen gebe es aus vielen Städten, darunter Gießen, Marburg, Wetzlar und Bad Homburg, aber auch aus Kaiserslautern und Köln. «An kleinen Orten ist es schwieriger», sagt Tomaschowski.

«Das Projekt wächst unheimlich schnell und nimmt einen voll in Beschlag», sagt der 38 Jahre alte Beygo, der sein Studium unterbrochen hat, aber noch abschließen will. Nicht nur die Nachfrage steigt ständig, es wollen auch immer mehr Menschen helfen. Auf ihrer Homepage bitten die Teachers Interessenten schon um Geduld. Die Beantwortung einer Anfrage könne bis zu acht Wochen dauern. Denn: «Momentan erhalten wir allein in Frankfurt täglich weit mehr als 50 Anfragen von Menschen, die bei uns mitmachen möchten.»

(dpa)

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