Mit Blumen bedeckt ist das Grab der getöteten Studentin Tugce Albayrak am 03.12.2014 auf dem Friedhof in Bad Soden-Salmünster (Hessen). Tausende hatten sich am Nachmittag von der gewaltsam ums Leben gekommenen jungen Frau verabschiedet. Foto: Boris Roessler/dpa
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Mit Blumen bedeckt ist das Grab der getöteten Studentin Tugce Albayrak am 03.12.2014 auf dem Friedhof in Bad Soden-Salmünster (Hessen). Tausende hatten sich am Nachmittag von der gewaltsam ums Leben gekommenen jungen Frau verabschiedet. Foto: Boris Roessler/dpa

Der Fall Tugce A.

Tugce A. ? Heldin oder Medienprodukt?

  • vonFlorian Gürtler
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Der Fall der getöteten Studentin Tugce A. hat die Gesellschaft aufgewühlt. Besonders in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter war die Anteilnahme groß – ebenso aber auch der Zorn über den Täter, Sanel M. Doch stimmt das Bild von der heldenhaften Studentin Tugce und dem brutalen Schläger Sanel? Ist die Wirklichkeit so einfach?

Der Fall der getöteten Studentin Tugce A. hat die Gesellschaft aufgewühlt. Besonders in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter war die Anteilnahme groß – ebenso aber auch der Zorn über den Täter, Sanel M. Doch stimmt das Bild von der heldenhaften Studentin Tugce und dem brutalen Schläger Sanel? Ist die Wirklichkeit so einfach?

Soviel ist gewiss: In der Nacht des 15. November 2014 kommt es auf dem Parkplatz der McDonald´s-Filiale beim Offenbacher Kaiserleikreisel zu einem Streit unter Jugendlichen. Eine Gruppe Mädchen und eine Gruppe Jungen beschimpfen sich gegenseitig. Unter den jungen Frauen ist die 22-jährige Studentin Tugce A., unter den jungen Männern der 18-jährige Serbe Sanel M. Schließlich wird aus den Beleidigungen Gewalt, Sanel M. schlägt Tugce. Die 22-Jährige stürzt zu Boden, sie trifft mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt auf – es ist ihr Tod.

Durch den Sturz erlitt Tugce A. eine Gehirnblutung und fiel ins Koma. Sie wurde für hirntot erklärt. Am 28. November 2014, ihrem 23. Geburtstag, wurden die lebenserhaltenden Maschinen im Offenbacher Klinikum abgestellt.

Auch die Vorgeschichte des tödlichen Streits auf dem Parkplatz ist bekannt. Tugce hatte sich für zwei jüngere Mädchen eingesetzt, die zuvor von der Jungengruppe drangsaliert worden waren. Durch diese Vorgeschichte wurde sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Heldin. Hunderte versammelten sich vor der Offenbacher Klinik zu einer Mahnwache, die Nachricht von Tugces selbstlosem Einsatz – für den sie mit dem Leben bezahlte – verbreitete sich über die sozialen Netzwerke. Auch die Medien nahmen sich des Falls an und machten Tugce zur Heldin, zum herausragenden Beispiel für Zivilcourage.

Die Studentin habe „nicht gezögert, sondern Mut bewiesen. Ihr Fall bringt eine Diskussion um Zivilcourage in Gang, in der sich jeder fragt, wie er selbst in Tugces Situation gehandelt hätte.“, schrieb Peter Lückemeier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Zivilcourage gehört zu den wenigen schönen Eigenschaften, über die ausnahmslos alle die gleiche Meinung haben. Man findet sie gut und ist dafür. Und dann zeigt jemand diese Eigenschaft und bezahlt dafür mit seinem Leben.“, klagte Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau. Zu der Heldengeschichte gehörte auch der üble Leumund des Täters, Sanel M., ein Schulversager und der Polizei als Schläger bekannt. Der Serbe wurde so zum bösen Gegenspieler einer aufrechten Heldin.

Die Überhöhung Tuges ging so weit, dass die Offenbacher Stadtverordnetenversammlung sich dafür aussprach, eine Brücke in der Stadt nach der jungen Frau zu benennen. Bundespräsident Joachim Gauck kündigte sogar an, die Verleihung eines posthumen Verdienstordens prüfen zu lassen. Doch ist Tugce wirklich die Heldin, die so viele in ihr sehen wollen?

Der Prozess gegen Sanel M. soll bald vor einer Kammer des Darmstädter Landgerichts beginnen. „Körperverletzung mit Todesfolge“ lautet die Anklage, nicht „Totschlag“ oder gar „Mord“ – schon das zeigt, dass Ermittler und Juristen den Fall sehr viel differenzierter einstufen, als es die öffentliche Erregung vermuten ließ. Mögliche Gründe dafür wurden nun bekannt.

Das Magazin „Spiegel“ berichtet in seiner aktuellen Ausgabe (07. Februar 2015) aus den Ermittlungsakten zu dem Fall Tugce. Demnach wurden die beiden jungen Mädchen, denen Tugce beistand, zwar von den Jungen um Sanel M. bedrängt, jedoch nicht so dramatisch, dass die Mädchen in große Angst geraten wären. Bei dem anschließenden Streit zwischen der Jungen-Gruppe und der Mädchen-Gruppe um Tugce sollen beide Seiten nicht mit Beleidigungen gegeizt haben. Auch Tugce soll Beschimpfungen ausgesprochen haben. Unmittelbar vor dem tödlichen Schlag soll sie Sanel M. laut einer Zeugin die Worte

„Halt die Klappe, du kleiner Hurensohn“

hinterhergerufen haben, berichtet der „Spiegel“.

Ein weiterer Aspekt wird jetzt bekannt. War der Tod der 22-jährigen Studentin in Offenbach nur ein tragischer Unfall? Wie der „Spiegel“ berichtet, wird Sanel M. durch eine Analyse des Bundeskriminalamts entlastet. Sein Schlag war demnach nicht die Ursache für den Schädelbruch, der zum Tod der Studentin führte. Tödlich war demnach der Aufprall von Tugces Schädel auf dem Asphalt – jedoch wahrscheinlich nur deswegen, weil die Studentin an diesem Abend am linken Ohr einen Metall-Ohrring trug, der beim Sturz wiederum so gegen eine Stelle an Tugces Schädel gedrückt wurde, dass diese Stell brach. Laut „Spiegel“ ergab die Obduktion von Tugce, dass ihr Schädel an der Bruch-Stelle eine auffallend dünne Schädeldicke aufwies. Nur ein bis zwei Millimeter war der Schädel der Studentin demnach an dieser Stelle dick.

Die Spiegel-Autoren Matthias Bartsch und Jürgen Dahlkamp ziehen aus dieser unglücklichen Verkettung von Umständen folgenden Schluss: Hätte Tugce nicht den Metall-Ohrring getragen, „der Streit auf dem Offenbacher Parkplatz wäre vermutlich einer von vielen geblieben, die sich jedes Wochenende vor unzähligen Klubs, Discos, Imbisslokalen und Kinos dieser Republik ereignen. Mit Pöbeleien zwischen Jugendlichen, Motzen, Protzen und manchmal auch Schlägereien.“

Daraus lässt sich aber auch noch eine andere Frage ableiten: Ist Tugce wirklich die Heldin, die viele in ihr sehen? Diese Frage wird frühestens der Prozess in Darmstadt beantworten können.

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