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Uni, Fluss und neue Bürger

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Die mittelhessische Kommune Gießen ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Das liegt auch an ihrer Lage, ihrem Bildungsangebot – und an Hessens größter Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.

Die mittelhessische Universitätsstadt, diese laut Dichter Georg Büchner „hohle Mittelmäßigkeit in allem“, ist entgegen dieser Äußerung beliebt. „Wir wachsen schnell. Wir haben eine sehr positive Bevölkerungsentwicklung in den letzten zehn Jahren“, sagt der Leiter des Stadtplanungsamtes, Holger Hölscher. Ende 2005 waren hier fast 72 000 Menschen mit ihrem Hauptwohnsitz gemeldet, derzeit sind es etwa 83 000. Im Jahr 2030 könnte Gießen 90 000 Einwohner haben und wäre dann nicht mehr weit vom Rang einer Großstadt entfernt. Angetrieben wird das von Entwicklungen, die auch andere Städte spüren, manche aber Gießen-typisch sind.

Lebendig und kuschelig

Mit Blick auf die Zahlen für die letzten Jahre sagt Tobias Koch, Projektleiter beim Prognos-Institut: „Für die meisten Städte in Hessen gilt, dass sie eine positive Bevölkerungsentwicklung haben.“ Aber längst nicht alle, denn es kommt auf bestimmte Faktoren an, die Städte dafür brauchen. „Kommunen, auch kleinere, mit urbanen Strukturen und einer guten Anbindung vor allem an den Bahnverkehr, verzeichnen ein Wachstum.“

Gießen bietet das: Die Stadt ist eine Mischung aus lebendigem Oberzentrum und gemütlichem Provinznest. Drumherum wird es rasch ländlich. Die Lahn sorgt hier im Stadtgebiet für idyllische Plätze, Betonklötze dort für einen urbanen Charakter. Die City bietet kurze Wege zu allen wichtigen Einrichtungen. Ein Autobahnring und die Schiene verbinden die Stadt schnell mit der Region und dem Rhein-Main-Gebiet. Gießen besitzt zudem eine Universität und eine Technische Hochschule. Sie gilt als Stadt mit der höchsten Studierendendichte bezogen auf die Einwohnerzahl.

Die Uni war es auch, weswegen im 19. Jahrhundert Büchner als Student nach Gießen kam und über die Stadt meckerte. Ihr Imageproblem ist sie seither nie wirklich los geworden – bis jetzt, wie es scheint. Es hat sich auch viel getan in den vergangenen Jahren, dank diverser Sanierungs- und Stadtentwicklungsprojekte wie die Landesgartenschau 2014. Neue Grünflächen sind entstanden, Wohngebiete, schicke Appartements, Geschäfte und Cafés.

Aus Sicht von Amtsleiter Hölscher gehört zu Gießens Pluspunkten: „Wir haben eine hohe Lebensqualität in der Innenstadt und das zu moderaten Preisen im Vergleich zu den Ballungsräumen.“ Die Gründe für das Bevölkerungswachstum lägen aber natürlich nicht nur im Lokalen. Hölscher zufolge spielen auch allgemeine und globale Entwicklungen eine Rolle: Die niedrigen Zinsen, die Landflucht, der Zuzug von Flüchtlingen und die stark wachsende Studentenschar. Die beiden letzten Punkte merkt Gießen als Uni-Stadt sowie Standort von Hessens größter Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge besonders.

Tendenz weiter steigend

So hatte die Kommune Ende des vergangenen Jahres laut Melderegister kurzzeitig mehr als 93 000 Einwohner – der Großstadt-Status war nicht mehr fern. Doch dieses enorme Wachstum hatte vor allem mit den vielen Asylsuchenden in der Erstaufnahmeeinrichtung zu tun. In der Regel bleiben sie dort nur für einige Wochen und werden dann auf andere Kommunen oder Bundesländer verteilt.

Aktuell geht Gießen also von etwa 83 000 Einwohnern aus, Tendenz weiter steigend. Bereits heute wird in der Stadt kräftig in Wohnraum investiert. Mehrere neue Wohnhäuser und -gebiete sind entstanden oder werden gerade gebaut. Vieles darunter ist allerdings hochpreisig. Stadtplaner Hölscher betont: „Wir haben keine Immobilienblase. Die neuen Wohnungen werden gekauft und bezogen.“

„Gießen hat in den letzten Jahren eine dynamische Entwicklung, wenn auch nicht so dynamisch wie die Städte im Rhein-Main-Gebiet“, sagt Experte Koch. Was die Städte generell wachsen lasse: „Der Zuzug von Menschen, getrieben von verschiedenen Faktoren.“ Dazu gehöre die Zuwanderung, nicht allein von Flüchtlingen, sondern auch von EU-Ausländern, die hier arbeiten wollen. Außerdem die Nutzung von Bildungs- und Jobangeboten. Ein weiterer Wachstumsfaktor, wenn auch nicht so stark ausgeprägt: Die Generation 60 plus, die zuvor auf dem Land gelebt hat, verkauft ihr Haus und zieht in die Stadt.

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