1. Startseite
  2. Hessen

Plagiatsvorwürfe gegen Abgeordneten aus Hessen: „Unverschämt und monströs“

Erstellt:

Kommentare

Sven Simon bei einer Plenartagung im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg. Seine Doktorarbeit an der JLU Gießen steht im Fokus.
Sven Simon bei einer Plenartagung im Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg. Seine Doktorarbeit an der JLU Gießen steht im Fokus. © Dwi Anoraganingrum/Imago

Europaparlaments-Mitglied Sven Simon soll bei seiner Doktorarbeit an der JLU Gießen abgeschrieben haben. Schwere Vorwürfe gibt es auch bei der Aufklärung des Falles.

Gießen/Marburg - Sven Simon wird im kommenden Monat 44 Jahre alt. Er hat viel erreicht: Für die CDU sitzt er als Abgeordneter im Europaparlament. Er war Gastprofessor in Wisconsin und Berlin. Und seit 2016 ist er an der Philipps-Universität Marburg Inhaber der Professur für Völkerrecht und Europarecht mit öffentlichem Recht. Nun steht seine 2007 an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen eingereichte Doktorarbeit »Dienstleistungen der Daseinsvorsorge im WTO- und EU-Recht« im Fokus der Aufmerksamkeit. Denn Martin Heidingsfelder von Vroniplag - ein Unternehmen, das Verstöße gegen Standards des wissenschaftlichen Arbeitens aufdeckt - ist bei Simon fündig geworden.

Europa-Abgeordneter Sven Simon: Offener Brief an Unis Gießen und Marburg

Wie Heidingsfelder auf Anfrage dieser Zeitung sagt, sei er auf Simons Arbeit aufmerksam geworden, als er eine andere wissenschaftliche Arbeit überprüft habe. Der JLU hatte er bereits am 14. April 2021 eine Plagiatsanzeige zukommen lassen, schreibt er am 3. Juli dieses Jahres in einem offenen Brief an die Unis Gießen und Marburg, den er auf seiner Internetseite »politplag« veröffentlicht hat. Dort nennt er das von ihm gefundene Plagiat »unverschämt und monströs«.

In seiner Anzeige bei der JLU habe er, schreibt er in dem Brief, nur ein Beispiel genannt. Dieses findet sich auf Seite 8 von Simons Doktorarbeit. Hier ist zu sehen, dass sich die genannte Passage bis auf Nuancen wortwörtlich in einer wissenschaftlichen Arbeit aus dem Jahr 1997 findet. Auf Nachfrage vonseiten der Uni Gießen, schreibt Heidingsfelder in dem offenen Brief, habe er ein weiteres Beispiel aufgezeigt, das sich an die erste Passage anschließt. Auch hier hat Heidingsfelder die betreffende Passage auf »politplag« öffentlich gemacht.

JLU Gießen: »Plagiatsverfahren in Hinterzimmern ohne Öffentlichkeit behandelt“

Bis Juli 2022 habe er, schreibt Heidingsfelder weiter, keine »Wasserstandsmeldung« der JLU zu dem Fall erhalten. Deshalb habe er den Arbeitgeber von Simon, die Uni Marburg, von den Plagiaten unterrichtet. Weiter heißt es dort: »Offensichtlich sollen Plagiatsverfahren in Hinterzimmern ohne Öffentlichkeit behandelt werden. Dafür habe ich begrenzt Verständnis. Allerdings habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, Plagiate klar zu benennen und Plagiateure zum Schutz der Wissenschaft und auch zur Abschreckung öffentlich zu machen.«

_113743_4c_1
Sven Simon ist ehemaliges Kreistagsmitglied, CDU-Abgeordneter im Europaparlament und Professor an der Uni Marburg. © Red

Bei einem Plagiatvorwurf greift an der Uni Gießen die Satzung zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Die JLU bestätigt auf Anfrage, dass die Vorwürfe gegen Simon im April 2021 zunächst bei der zuständigen Ombudsperson der Uni Gießen eingegangen sind. Nach der Vorprüfung habe diese Ombudsperson das Verfahren an die Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis weitergegeben. Im Dezember 2021 habe diese Kommission Feststellungen und Empfehlungen zum weiteren Verfahren gegeben. Hierüber seien satzungsgemäß der Betroffene und die Person informiert worden, die die JLU über die Vorwürfe in Kenntnis gesetzt hatte - also Heidingsfelder selbst.

JLU Gießen: „Vorsätzliche Verletzung geistigen Eigentums“ bei Doktorarbeit von Sven Simon

Gemäß der Satzung werde der Fall im Promotionsausschuss des Fachbereichs 01 - Rechtswissenschaft weiterbearbeitet, da es sich um ein Promotionsverfahren dieses Fachbereichs handelt, heißt es weiter. Wie die Uni-Pressestelle ausführt, werden vor Abschluss des gesamten Verfahrens der Öffentlichkeit keine Zwischenstände in der Sache bekannt geben.

Nach Informationen dieser Zeitung ist die Kommission zu dem Schluss gekommen, dass es sich um eine »vorsätzliche[n] Verletzung geistigen Eigentums anderer durch die unbefugte Verwertung unter Anmaßung der Autorenschaft« handelt - kurz gesagt: es ist demnach ein Plagiat. Es liege nahe, Simon den Doktorgrad zu entziehen. Wie der Promotionsausschuss des Fachbereichs 01 dies sieht, der die Ermessensentscheidung treffen wird, ist nicht bekannt. Heidingsfelder schreibt am 27. Juli auf »politplag.de«: »Bei acht Monaten an der juristischen Fakultät in Gießen sollte man die Jurist*innen der Justus-Liebig Universität daran erinnern, dass es auch einen Anspruch auf ein Verfahren innerhalb angemessener Zeit gibt! Das verlangt der Plagiatsentdecker sicherlich genauso wie der Plagiator.«

Plagiatsvorwürfe an der JLU Gießen: Simon sieht Vorwurf als unbegründet an

Prof. Evelyn Korn ist Vizepräsident für Universitätskultur und Qualitätsentwicklung an der Uni Marburg. Sie sagt auf Anfrage: »Wir haben volles Vertrauen darin, dass die zuständigen Stellen der Universität Gießen den Vorwurf sorgfältig prüfen. Wir kennen Prof. Dr. Sven Simon als sehr fähigen Professor des Völker- und Europarechts und behalten uns daher vor, das Ergebnis dieser Prüfung abzuwarten, bevor wir seitens der Marburger Universität ggf. weitere Schritte einleiten.« Das Präsidium nehme Verdachtsfälle zu wissenschaftlichem Fehlverhalten »immer ernst« - gute wissenschaftliche Praxis sei essenziell für die Integrität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. »Gleichzeitig distanzieren wir uns ganz klar von jedweder Art von Vorverurteilungen«, sagt Korn.

Und Simon selbst? Er sagt auf Anfrage dieser Zeitung, »mir ist bekannt, dass Martin Heidingsfelder eine Plagiatsanzeige an die Justus-Liebig-Universität Gießen gerichtet hat und die Uni Gießen meine Dissertation überprüft«. Er habe »selbst um eine umfassende Überprüfung gebeten, nachdem ich Kenntnis von Vorwürfen erhalten hatte«. Er sei aber davon überzeugt, dass sich die Vorwürfe ausräumen ließen. Für ihn geht es »um Kritik an Zitiertechniken«. Die Vorwürfe halte er für unbegründet, »aber eine sorgfältige Prüfung braucht Zeit«. (Kays Al-Khanak)

Ein Finanzloch an der JLU Gießen sorgte Anfang 2022 für Schlagzeilen und Unsicherheit bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion