Coronavirus - Regeln in Wiesbaden und Mainz
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Zwei Mütter mit Mund-Nasen-Schutz gehen an der Rheinpromenade spazieren. Im Hintergrund führt eine Brücke in den Wiesbadener Ortsteil Mainz-Kastell. In den Nachbarstädten Wiesbaden und Mainz gelten sehr unterschiedliche Vorgaben.

Corona-Regeln an der Landesgrenze

„Wahnsinn“: Große Unterschiede bei Corona-Regeln in Hessen und Rheinland-Pfalz – Das hat Folgen

Variierende Corona-Beschränkungen können in Grenzgebieten zu unterschiedlichen Regelungen auf engem Raum führen – etwa in Mainz und Wiesbaden.

Wiesbaden/Mainz – Michael Spannaus ist zufrieden. Dreimal die Woche kann der 73-Jährige bei David Fitness in Wiesbaden wieder trainieren. Mit der Maske zum Schutz gegen das Coronavirus auf der Nase sitzt er am Sportgerät, anschließend wird alles gründlich desinfiziert. „Ich bin sehr vorsichtig, aber ich vertraue dem Studio“, sagt Spannaus. Seit dem 8. März haben die zwei Studios von David Zimmermann in Hessen, David Fitness und Halle 46, wieder geöffnet. „Wir sind auf den Rücken gefallen“, berichtet Zimmermann von dem Moment, als er erfahren hat, dass er endlich wieder öffnen darf. Das ganze Wochenende hätten er und seine Mitarbeiter daran gearbeitet, um die Studios zu putzen und ein Online-Anmeldesystem zu installieren. „Am Montag standen um zwanzig vor sieben die ersten Gäste vor der Tür.“

70 Personen dürfen bei David Fitness trainieren, 50 in der Halle 46. Zu „normalen“ Zeiten wären es um die 300. Für den hessischen Fitnessstudiobetreiber David Zimmermann bedeutet das ein monatliches Umsatzminus von über 20.000 Euro. 50 bis 100 Mitglieder kündigen nach Angaben des 56-Jährigen im Schnitt pro Monat, mehr als 1000 lassen ihren Vertrag ruhen.

Wegen Corona-Regeln: Mainzer wollen in Wiesbaden trainieren

Weil wenige Kilometer weiter in Mainz nicht trainiert werden kann, erreichen Zimmermann immer wieder auch Anfragen von Rheinland-Pfälzern. Dies sei schwierig, erläutert Zimmermann. Er wolle lieber seine treuen Kunden belohnen, als mit Gästen von außerhalb Geld zu machen.

Vom Öffnen wie in Wiesbaden kann Torben Stündl vom Gym7 in Rheinland-Pfalz nur träumen. Seine Studios in Mainz-Hechtsheim und Mommenheim (Kreis Mainz-Bingen) sind geschlossen. „Ich gönne jedem sein Glück, aber es ist schon eine schwierige Situation“, sagt er frustriert. Und stellt klar: „Es kann nicht sein, dass man auf der anderen Rheinseite trainieren darf und wir sitzen hier und dürfen nicht.“

Trainieren ist in Mainz wegen Corona nur draußen erlaubt

An beiden Standorten kann Stündl momentan nur mit einer Person draußen trainieren - ohne Geräte. In den vergangenen Wochen habe er sogar bei Minusgraden draußen Kurse angeboten. Die Mitglieder seien trotzdem gekommen. „Das ändert sich aber gefühlt täglich“, sagt Stündl. Denn erst hätten bis zu zehn Personen teilnehmen dürfen, dann seien es nur fünf Personen aus zwei Haushalten gewesen, und jetzt dürften keine Kurse angeboten werden, da Mainz bei einem Inzidenzwert von über 100 liege.

Michael Spannaus trainiert im Fitnessstudio David Fitness an einem Rudergerät und trägt einen Mund-Nasen-Schutz. Das Studio darf aufgrund der Coronaverordnung für eine begrenzte Zahl an Kunden öffnen. In den Nachbarstädten Wiesbaden und Mainz gelten sehr unterschiedliche Vorgaben.

„Ältere Menschen stehen weinend vor mir und sagen, sie haben Schmerzen“, erzählt Stündl von seinen Erfahrungen. Denn gerade für die Gesundheit und gegen körperliche Beschwerden sei Sport unverzichtbar, sagt der Fitnessstudiobesitzer. Trotzdem kündigten einige Mitglieder aus Angst und weil sie nicht wüssten, was die Zukunft bringe.

Corona am Rheinufer: Mainz hat Maskenpflicht, Wiesbaden nicht

Welche Auswirkungen nach Bundesland variierende Corona-Beschränkungen haben können, lässt sich auch am Mainzer Rheinufer beobachten. Dort schieben zwei Frauen ihre Kinderwagen durch die Mittagssonne, für sie gilt ebenso wie für Jogger oder Radfahrer die Maskenpflicht. Im gegenüberliegenden Mainz-Kastel, das zu Wiesbaden gehört, nicht.

„Die verschiedenen Regeln sind ein Wahnsinn“, sagt Bernd Gese, der sich mit Stefanie Behrens zu einem spontanen Mittagessen am Wiesbadener Ufer eingefunden hat. Niemand blicke mehr durch, man müsse sich eine Landkarte malen, um zu wissen, welche Regel wo gelte. „Wir waren überrascht, dass man hier etwas kaufen kann“, meint Behrens, die aus Wiesbaden kommt. Ein örtliches Restaurant hat einen kleinen Stand aufgebaut, verkauft dort unter anderem Wein zum Mitnehmen.

Corona-Einschränkungen werden in Mainz und Wiesbaden unterschiedlich bestimmt

Auf der Mainzer Seite lockt der Einzelhandel hingegen mit dem Konzept „Click and Meet“, also Terminshopping. Wenige Kunden nutzen das als „Personal Shopping“ auf Schildern beworbene Einkaufen. Ganz im Gegensatz wie vor einem Monat, als hunderte Hessen die niedrigen Inzidenzzahlen in Mainz für einen Einkaufsbummel nutzten. „Mir ist das Shoppen total vergangen“, sagt eine Frau im Vorbeigehen zu einer anderen. Nur vor einer Apotheke hat sich eine Schlange gebildet.

Der Ursprung der unterschiedlichen Regeln ist einfach: In Hessen sei die Landesinzidenz die ausschlaggebende Größe, erläutert Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Hessen-Nord. Weil diese Inzidenz über 100 liege, seien die zunächst beschlossenen Lockerungen zurückgenommen worden. Es ist jedoch möglich, Ware über das Internet zu bestellen und einen Termin zur Abholung zu vereinbaren. Auf der anderen Rheinseite in Rheinland-Pfalz hingegen entscheiden Städte und Kreise unabhängig von der Landesinzidenz, ob sie die Notbremse ziehen wollen. Hier ist also Terminshopping teilweise noch möglich.

Einzelhandel in Hessen frustriert

Genau das will der Handelsverband auch für Hessen. Das Konzept „Click and Meet“ habe sich in der Vergangenheit bewährt, meint Schüller. Deshalb sei jetzt vor allem der innerstädtische Einzelhandel frustriert. „Wir fühlen uns als Bauernopfer“, sagt Schüller. Die Ansteckungsgefahr im Einzelhandel sei gering, Hygienekonzepte lägen vor, die Mitarbeiter ließen sich freiwillig testen. Trotzdem dürfe er nicht öffnen.

„Die Auswirkungen der Schließungen auf die Mitarbeiter und die Gäste werden außer Acht gelassen“, bemängelt auch Fitness-Studio-Besitzer Zimmermann – und meint damit sowohl die wirtschaftlichen als auch die gesundheitlichen Folgen. Viele seiner Mitarbeiter seien überschuldet. Er könne ihnen aber nicht helfen, weil er selbst seit einem Jahr nur Verluste mache. „Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder auffangen soll.“ Dennoch: Kunden wie Spannaus seien glücklich, wieder kommen zu dürfen. „Die Menschen brauchen den Sport, um gesund zu bleiben.“ (dpa)

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