Zwischen Tradition und verheißungsvoller Moderne

Bad Vilbel: Zapfsäule im Kurpark

Zurück zu den Mineralwasserpionieren des 19. Jahrhunderts und mit einem Ausblick auf eine geplante riesige Therme führt diesmal unsere Rundreise durch Hessens Heilbäder. Bad Vilbel ist zwar seit 1998 kein Heilbad mehr, sondern nur noch Heilquellenkurbetrieb, aber die Stadt hat neben den Brunnen auch Naherholung, die Burgfestspiele und Museen zu bieten.

Die 32 500-Einwohner-Stadt im Norden Frankfurts wurde 1948 Hessens jüngstes „Bad“, darf sich aber seit 1998 nur noch Heilquellenkurbetrieb nennen. An die Kur erinnert nur noch eine Wanne, das Kohlensäurebad in einem gesundheitsorientierten Fitnessstudio. Gedämpftes Licht, Kerzenschein, leise Musik und eine Wanne, deren Wasser in Violett, Blau oder Grün schimmert. So sieht die Wellness-Badekur heute aus. Dicke Bläschen lagern sich am Boden und auf der Haut ab, lassen die Haare abstehen.

Die klassische Badekur habe der Bad Nauheimer Arzt Friedrich Wilhelm Beneke 1850 begründet, erläutert Badearzt Ansgar Schultheis. Beneke verordnete Kohlensäurebäder bei Herzerkrankungen. Früher seien diese gefäßerweiternden Anwendungen oft die einzige Therapie gegen Beschwerden wie Herzschwäche oder Bluthochdruck gewesen. Noch zwei Stunden nach dem Bad sei die Haut rot, der Kreislauf bleibe sechs Stunden lang angeregt. Doch Schultheis sagt auch: „Das klassische Heilbad hat sich dank der modernen Medizin überholt“. Zugleich könne man heute mit Sport und Bewegung fast alle Krankheiten nebenwirkungsfrei behandeln. Früher habe man bei Herzinsuffizienz gesagt: „Schonen“, heute heiße es „Belasten!“ Inzwischen, so Schultheis, „richtet der Bewegungsmangel größeren Schaden an als das Rauchen“. Deswegen gehe es in Bad Vilbel zwar nicht um die Kur, aber um einen Gesundheitsbegriff, der in den Alltag integriert und auch von Tagesbesuchern genutzt werden könne. Schultheis ist Teilhaber eines gesundheitsmedizinisch orientierten Fitnessstudios, der Altersdurchschnitt liegt bei 40 Jahren. Im Kurpark gibt es einen Bewegungsparcours, den auch Kinder und Senioren gerne nutzen. Der vielbefahrene Niddaradweg quert im Kurpark die Stadtmitte mit der über der Nidda thronenden Bibliothek und dem Brückencafé.

Doch auch die Vergangenheit der Brunnenstadt ist präsent. Im Kurpark steht ein Glaspavillon, das „lebendige Römermosaik“. Mit unzähligen Mosaiksteinchen sind Meeresbewohner, groteske Mischwesen und wirkliche Tiere dargestellt, die sich um den Meeresgott Oceanus scharen. 2007 wurde so eine römische Badeanlage nachgebaut, die 1949 in Bad Vilbel freigelegt wurde.

Zu bewundern sind auch antike römische Badeutensilien. Im Brunnen- und Bädermuseum steht ein Nachbau der ersten Badezelle um 1900. Wenige Meter entfernt stieß Carl Brod damals auf seinem Grundstück auf eine zwölf Meter hoch sprudelnde Quelle. Er richtete in seinem Haus am Marktplatz 11 ein Kurhotel ein, stellte Badewannen in hölzernen Verschlägen auf. Von 200 stieg die Zahl der verabreichten Bäder auf 8000 im Jahr 1914. In Spitzenzeiten gab es 40 000 Übernachtungen. In den 1950er und 1960er Jahren kamen vor allem Bergleute, die von ihrer Knappschaft geschickt wurden. Dann ging es bergab, auch weil es keinen stationären Kurbetrieb gab. Das Kurhotel Margarete direkt am Kurpark wurde später zum Rathaus und ist jetzt Flüchtlingsunterkunft.

1910 wird der Sprudel als Heilquelle anerkannt. Die 1920er-Jahre stehen ganz im Bohrfieber, ein Vilbeler hatte seine „Elfen-Quelle“ sogar durch den Fußboden im Wohnzimmer sprudeln lassen. Dennoch begann die Erfolgsgeschichte des Mineralwasserhandels erst in den 1930er Jahren. Ganz ohne Bohraufwand können Besucher heute selbst Quellwasser schöpfen. Gleich drei Zapfstationen gibt es entlang des Kurparks. Und am Niddaradweg steht die Aussichtsplattform des Römerbrunnens, der aus 287 Meter Tiefe hervorschießt. Ein Teil wird als Heilwasser abgefüllt, der große Rest fließt am gegenüberliegenden Ufer ungenutzt in die Nidda. Das soll sich spätestens 2018 ändern. Dann wird das Wasser in das 120-Millionen-Projekt „Therme Bad Vilbel“ geleitet – ein Bad mit Wellnessbereich, acht Saunen und 28 Rutschen sowie einem Sportbad mit 50-Meter-Bahnen. Mit 2000 bis 5000 Besuchern täglich rechnen die Betreiber, Bäderkönig Josef Wund und die Bad Vilbeler Stadtwerke. Doch noch gibt es keine Baugenehmigung wegen Problemen mit der Barrierefreiheit. So präsentiert sich die Brunnenstadt zwischen alter Tradition und der verheißungsvollen Moderne.

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