Miss-Wettbewerb

Wir waren mit Miss Hessen auf Fuerteventura

  • schließen

Sie soll sie selbst sein, aber auch den Sponsoren gefallen. Sie muss innere Schönheit im Bikini zeigen. Sie sollte einen Instagram-Star ebenso ansprechen wie CDU-Politiker Wolfgang Bosbach: Die Anforderungen an die künftige Miss Germany sind hoch. Und im Trainingscamp lernen die Bewerberinnen auch, welche Kleinigkeiten alles zunichte machen können.

Derya Sipahi lächelt in Richtung Horizont. Vielleicht in das, was der Dichter Georg Kreisler in einem Lied die „blauwattierte Ferne“ nannte. Denn vor ihr am Ende des Laufstegs steht niemand, aber eigentlich ganz Deutschland. Die Frankfurterin will „Miss Germany“ werden, und dafür trainiert sie mit ihren 21 Mitbewerberinnen bis morgen im TUI Magic Life auf Fuerteventura.

Der Ort ist dabei ebenso wenig Zufall wie das Lächeln. TUI Magic Life gehört zu den Sponsoren der Miss Germany Corporation, die den Wettbewerb ausrichtet. Und andere mit ihrem Lächeln anzustecken, wird eine der Hauptaufgaben von „Miss Germany“. Früher hieß das „Charme“, heute „positive Ausstrahlung“ oder „innere Schönheit“. Denn um die, so versichern alle, geht es eigentlich. Modelmaße sind hier nicht erforderlich.

„Wir haben kein Magersucht-Problem“, betont Maik Irmisch, der als Doktor die Anwärterinnen begleitet. Und tatsächlich schaufeln sich die meisten beim Buffet mehrmals täglich die Teller voll. Beim Knigge-Training lernen sie von Ines Klemmer, wie es damenhafter wäre: „Lieber mehrmals gehen und dafür keine Reste lassen.“ Die Schwiegertochter des Firmengründers Horst Klemmer war 1992 selbst „Queen of the World“ und kümmert sich nun drei Wochen lang um die Kandidatinnen im Camp. Eine Heidi Klum, die ihr Lächeln nur für die Kameras anknipst, ist sie nicht. Sie geht liebevoll mit den 16- bis 28-Jährigen um.

Vom „Gesamtpaket“, das stimmen muss, spricht sie aber genauso wie Klum. „Soraya Kohlmann hat von innen gestrahlt“, lobt Ines Klemmer die Vorjahressiegerin. Models gäbe es wie Sand am Meer, aber nur eine Miss Germany. Und die müsse repräsentieren, sich überall gut bewegen können. Was wäre, wenn sie politische Meinungen äußert, sich gar als AfD-Mitglied entpuppt? „Kein Kommentar“, lächelt Klemmer diplomatisch.

Schon bei einem Foto mit Wodka-Flasche kann es kritisch werden, warnt Peter Newels. Er ist Polizeioberrat, über die Fitness-Fotografie kam er zum Miss-Germany-Ablichten. Nun erklärt er den Anwärterinnen, dass sie beim Umgang mit Bildern in den sozialen Netzwerken vorsichtig sein, Fotografen und Sponsoren nennen sollen. „Die Missen sind Werbeträger, die Sponsoren wollen etwas davon haben“, erklärt er. Aber natürlich seien sie zu allererst Werbeträger für sich selbst, für ihren Charakter.

Derya Sipahi, mit 25 die zweitälteste Bewerberin, hat Charakter. Das lässt sich schon daran sehen, dass sie jeder im Miss-Germany-Trupp kennt. Bei ihr flüstert niemand, wie bei manchen anderen: „Wer ist das eigentlich?“ Aber die Frankfurterin ist als einzige Kandidatin nicht im sozialen Netzwerk Instagram, hat als Unternehmensberaterin dafür nach eigenen Angaben keine Zeit.

Riccardo Simonetti, der das Social-Media-Training übernommen hat, lässt dieses Argument nicht gelten. Natürlich nicht. Schließlich postet der so genannte Influencer täglich 400 Kurz-Videos aus seinem Leben. Nur Toilettengänge und Sex lässt er aus, aber auch da sickerte wohl schon mal etwas an die junge Fangemeinde durch. „Ich lebe ein Leben, das es wert ist, dokumentiert zu werden“, meint er. „Mein Job besteht darin, ich selbst zu sein.“ Und ebenfalls darin, die Miss Germany auszusuchen. Er gehört zu der achtköpfigen Jury, die am 24. Februar die Gewinnerin kürt – ebenso wie CDU-Politiker Wolfgang Bosbach.

Derya Sipahi muss aber nicht nur einer solchen Bandbreite an Juroren gefallen, sondern wie alle vorher im Camp punkten. „Wir schauen, wer pünktlich ist und gut mit den anderen auskommt“, erklärt Max Klemmer aus der jüngsten Generation des Familienunternehmens. Dabei lächelt er auch.

Die Teilnehmerinnen unterdessen müssen aufpassen, dass ihnen das Lächeln beim Fotoshooting im kalten Wind auf Fuerteventura nicht gefriert – dort, wo die innere Schönheit sich im Bikini zeigen soll. Das Motto „Bitte einmal von innen strahlen“ gilt hier ebenfalls. Oder auf der Bühne, wo sie als „Supertalente“ besondere Fähigkeiten präsentieren. Derya Sipahi versucht es mit Zaubern. Dass ihr Trick nicht klappt, moderiert und lächelt sie selbstbewusst weg.

Mit den anderen vergleichen will sie sich so wenig wie möglich. „Wenn ich darauf achten müsste, wie mich andere wahrnehmen, würde ich meinen eigenen Weg nicht finden“, ist ihre Überzeugung. Den geht sie auch im Privatleben, hört gern klassische Musik, tanzt selten in Diskotheken, liest Sachbücher zur Digitalisierung.

Eine Träumerin sei sie nicht, so ihre Selbstanalyse. „Wenn ich Wünsche habe, versuche ich, die auch umzusetzen.“ Glücklich mache sie, wenn sie andere Menschen ehrlich lächeln sehe. Ob sie aber dann in einer Welt glücklich wird, in der stets gelächelt werden muss? „Das gilt doch in jedem Beruf“, sagt Sipahi. Der Rest ist Lächeln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare