Toningenieur Andreas Bayer und Mischtonmeister Peter Senkel haben für den HR schon Dutzende Spielfilme abgemischt.
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Toningenieur Andreas Bayer und Mischtonmeister Peter Senkel haben für den HR schon Dutzende Spielfilme abgemischt.

Tonqualität bei öffentlich-rechtlichen Produktionen

Warum ist der Ton so grottig?

  • vonMirco Overländer
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Wenn Tatort-Kommissar Nick Tschiller ermittelt, ist der Text vor lauter Explosionen und dem Genuschel des Hauptdarstellers Til Schweiger meist nur schwer zu verstehen. Doch auch andere Eigenproduktionen von ARD und ZDF fordern dem Publikum auditive Höchstleistungen ab. Wir haben nachgefragt, weshalb der Ton bei vielen Spielfilmen und Serien so grottig ist.

Mischtonmeister Peter Senkel (61) und Toningenieur Andreas Bayer (58) sitzen im Tonstudio des Hessischen Rundfunks (HR) und mischen gerade die letzten Feinheiten des Tatorts „Wendehammer“ ab, der im Herbst in der ARD ausgestrahlt werden soll. In ihrem High-Tech-Studio klingt der Krimi bombastisch, jedes Rascheln kommt aus einer anderen Box, die Dialoge sind klar und verständlich.

Wochenlang haben Bayer und Senkel am neuesten HR-Tatort gearbeitet, über 70 verschiedene Tonspuren nebeneinandergelegt, Geräusche wie knarzende Türen oder den Gang von Stöckelschuhen nachsynchronisiert und obendrein eine sprachbereinigte Fassung für die Auslandsvermarktung produziert. Richtig fertig werde man nie, sagt Senkel. Irgendwann müsse man den eigenen Drang nach Perfektionismus bezwingen.

Doch anders als viele andere von Rundfunkgebühren verhätschelte Sendeanstalten leistet sich der HR ein eigenes fest angestelltes Team aus Toningenieuren, die wochenlang an Sprach- und Tonqualität von Spielfilmen tüfteln, auch wenn das Budget des Films schon aufgebraucht ist. In der Branche sei es indes meist üblich, auf freie Mitarbeiter zu setzen. Diese müssten in geringer Zeit und mit kleinem Budget oft retten, was nicht zu retten ist. Dabei sei der Ton eines Fernsehfilms vergleichbar mit der Leistung eines Fußballtorwarts. Wenn kein Fehler passiert, spricht niemand darüber. Ein kapitaler Bock hingegen sorge am Folgetag für reichlich Gesprächsstoff und hämische Kommentare, bekennt das Duo unisono.

Das Problem ist bekannt

Auch Professor Ingo Kock, Studiendekan des Studiengangs Sound an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg kennt das Problem mit der schlechten Tonqualität. „Ich gehe davon aus, dass die Ton-Leute ihre Arbeit so gut machen, wie sie es können. Aber das Budget spielt eine große Rolle, und es gibt Drehorte, an denen man besser nicht drehen sollte. Da müsste dann nachsynchronisiert werden. Das kostet zusätzliches Geld und wird nicht gemacht“, erklärt der Fachmann.

Wichtig sei auch, dass ein Schauspieler ordentlich sprechen kann und sich professionell verhalte. Peter Senkel, Andreas Bayer und Ingo Kock melden diesbezüglich bei manchem berühmten Darsteller ihre Zweifel an. „Der Standard war früher ein anderer. Heute wird wesentlich lässiger gesprochen, es kommen häufiger Akzente und Alltagssprache vor“, erläutert Bayer. Das führe dazu, dass manche Zuschauer Verständnisprobleme entwickeln und es ihnen schwer falle, den Dialogen zu folgen.

Gleichwohl gebe es seit einigen Jahren Ton-Editoren, die sich ausschließlich darum kümmern, dass die Dialoge verständlich sind. Mitunter würden einzelne Worte und gar Silben aus nicht verwendetem Material in den fertigen Film geschnitten. „Das kann man alles machen, der Ton-Meister hat aber meist nur drei Tage und bräuchte womöglich eine Woche“, sagt Kock. Diese Problematik ist auch Peter Senkel bekannt. Die meisten öffentlich-rechtlichen Spielfilme hätten ein Budget von 1,1 bis 1,3 Millionen Euro. Doch das Budget werde oft schon während des Drehs aufgebraucht. Hinterher sei dann kein Geld mehr für eine angemessene Nachbearbeitung übrig.

Das Hörvermögen sinkt

Doch nicht nur bei der Produktion von Filmen kann mitunter eine Menge schiefgehen. Ein wesentlicher Faktor sei zudem die Zielgruppe, die vor dem Fernseher sitzt. Ab einem Alter von 30 Jahren lasse die Hörfähigkeit bereits spürbar nach. „Ein 60-Jähriger hat bei 8000 Hertz schon 40 Dezibel Verlust. Er versteht im normalen Sprachbereich zwar noch alles, aber die Höhen sind weg“, erläutert Kock. Die Lautstärke allein sei hierbei nicht entscheidend.

Doch viele Regisseure wollen möglichst opulente Produktionen, die sich am Blockbuster-Kino aus den USA orientieren. Sie setzen dabei absichtlich auf atmosphärische Vertonungen, zu denen auch Geflüster oder experimentelle Tonmischungen gehören. Dabei müsste für die eher ältere Zielgruppe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens womöglich eine Tonmischung für Schwerhörige produziert werden. „Wir hatten an unserer Schule mal eine Simulation, bei der dem Mischtonmeister Schwerhörigkeit simuliert wurde. Dadurch sind Filme entstanden, die für mich besser verständlich waren. Für normal Hörende war das nicht unangenehm“, sagt der 62-jährige Kock.

Ein weiteres mögliches Problem, das mit der modernen Technik zusammenhänge, bestehe darin, dass der gute alte Röhrenfernseher fast in keinem Wohnzimmer mehr steht. „Die Fernseher, die es heute gibt, müssen so dünn wie möglich sein. Das führt zu kleinen, flachen Lautsprechern, die nach hinten schallen“, sagt der Babelsberger Studiendekan. An seinem zehn Jahre alten Fernseher klinge jeder Film „richtig gut“. An die meisten modernen TV-Geräten müsse man eine externe Stereo-Anlage anschließen, um ein gutes Hörerlebnis zu erzielen. Auch Peter Senkel hadert mit den flachen Boxen der neuen Flatscreen-Generation und vertraut ebenfalls auf sein älteres TV-Gerät.

Ein ganz profaner Grund dafür, dass vor allem die Vertonung von öffentlich-rechtlichen Eigenproduktionen immer wieder in den Fokus der Kritik gerät, liegt darin, dass die deutschen Privatsender verhältnismäßig wenige Eigenproduktionen ausstrahlen, sondern Blockbuster aus dem Ausland einkaufen. „Die haben es leicht, weil die komplett nachsynchronisierte Filme haben“, sagt Kock.

Auch an dieser Stelle räche es sich, dass viele Produktionsschritte inzwischen ausgelagert wurden. Die Miete für ein Tonstudio samt Tonmeister kostet zwischen 1500 und 2500 Euro am Tag. Hinzu kommt die Gage für den Schauspieler. „Bei vielen Produktionen ist am Ende der Kette kein Geld mehr übrig“, moniert der Studiendekan.

Peter Senkel bestätigt, dass der Trend um sich greife, vieles aus einer Hand machen zu lassen. „Ich kann so keinen Spielfilm machen“, klagt er. Zugleich lobt Senkel die Strukturen des HR mit vergleichsweise paradiesischen Arbeitsbedingungen. Doch auch bei diesem Sender sei die Arbeitsbelastung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

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