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Was wird von den Querdenkern bleiben? Und welche Rolle spielt Telegram?

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Protest: Viele Menschen ziehen am 12. März im baden-württembergischen Crailsheim bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung durch die Innenstadt. FOTO: dpa
Protest: Viele Menschen ziehen am 12. März im baden-württembergischen Crailsheim bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung durch die Innenstadt. © dpa

Junge-Zeitung-Autorin Hanna Feige sprach mit der Mainzer Kommunikationswissenschaftlerin Marlene Schaaf über Corona-Leugner, Demonstranten und die umstrittene App Telegram.

Mainz -Seit zwei Jahren bestimmt die Corona-Pandemie den Alltag - fast genauso lange wird gegen die staatlichen Infektionsschutz-Maßnahmen demonstriert. Die selbst ernannten Querdenker gehen regelmäßig dagegen auf die Straße. Doch wer sind diese Menschen und wie hat sich die Bewegung seit Beginn der Pandemie entwickelt? Und welche Rolle spielt der Messengerdienst Telegram dabei?

Die Corona-Demonstrationen erfuhren in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit. Was anfangs friedliche Straßenproteste waren, entwickelte sich mehr zu radikalen Demonstrationen.

Dabei kommt die Frage auf: Wer geht auf Anti-Corona-Demos und was macht diese Personen aus? Dies ist schwer zu beantworten. "Die Bewegung war von Beginn an heterogen. Wir sehen verschiedene Motivationen. Das sind nicht nur politische Extremisten, sondern auch Bürger, die mit den Maßnahmen nicht zufrieden sind oder nicht klarkommen", erklärt Marlene Schaaf (28), Kommunikationswissenschaftlerin an der JGU Mainz.

Marlene Schaaf lehrt und forscht am Institut für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Marlene Schaaf lehrt und forscht am Institut für Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. © Marlene Schaaf

Die Menschen haben verschiedene Gründe, auf die Straße zu gehen. Vereint seien sie durch die Wahl des Protests, um mit der Pandemie umzugehen, verdeutlicht Schaaf. Erschreckend sei je-doch, dass sich zunehmend auch extremistische Personen unter den Demonstranten befinden, die den demokratischen Staat und wissenschaftliche Erkenntnisse generell anzweifeln. "2020 gingen noch viele Menschen auf die Straße. Jetzt scheint davon nur noch der harte Kern übrig", berichtet Schaaf.

Eine Prognose über die Zukunft der Bewegung zu stellen sei schwierig. "Mittlerweile ist klar, dass uns die Auswüchse der Pandemie länger begleiten werden. Es wird auch die Querdenken-Bewegung weiterhin geben: Sie bedient sich vieler politischer Themen, was mit der Heterogenität zusammenhängt. Aktuell geht es in den Gruppen nicht mehr nur um die Corona-Maßnahmen, son-dern um den Ukraine-Krieg. Lange war auch Impfskepsis ein wichtiges Thema." Wie lange die Bewegung existiert, habe auch damit zu tun, welche Themen sie verfolge. Ob es nicht einen langsamen Verfall der Bewegung geben könne, kann Schaaf nur vermuten.

Eine wichtige Plattform für die Kommunikation der Bewegung ist der Messengerdienst Telegram. Hier lässt sich unkompliziert untereinander in Einzelchats, privaten Gruppen oder öffentlichen Kanälen mit bis zu 200 000 Mitgliedern miteinander chatten. In den öffentlichen Kanälen werden für die Bewegung wichtige Informationen gepostet - dabei gestalten sich diese hyperaktiven Kanäle als ein unüberschaubares Netz aus Fakten und Meinungen. Viele Links, die dort geteilt werden, stammen nicht aus etablierten Nachrichtenmedien, sondern aus alternativen Quellen wie extremen Zeitschriften oder Beiträgen von sozialen Medien. Durch die Struktur wirkt Telegram wie ein Nährboden für die Gegenöffentlichkeit der Querdenker, die oft auf alternativen Fakten beruht. Schaaf empfindet dies als eine besondere Problematik: "Fake-Nachrichten erreichen auf Telegram schnell viele Menschen. Das ist sehr problematisch, wenn die Empfänger sich mit den Themen nicht auskennen und journalistischen Medien nicht vertrauen. Wenn dann den Informationen aus den Telegram-Kanälen ein hohes Vertrauen zugesprochen wird, erhalten diese Nachrichten eine hohe Bedeutung. Dieses Narrativ ist nur noch schwer zu korrigieren." Auch in der Politik zeigt man sich besorgt. Im Februar forderte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die deutschlandweite Abschaltung Telegrams, um die Radikalisierung der Querdenker zu unterbinden.

Das aktuelle Projekt Junge Zeitung läuft noch bis Anfang Juli.
Das aktuelle Projekt Junge Zeitung läuft noch bis Anfang Juli. © FNP

Davon hält Schaaf nicht viel: "Die Abschaltung einer Plattform ist ein radikaler Schritt, der vermutlich nur kurzfristig funktioniert. Die Forschung zeigt, dass sich die Gruppen schnell auf anderen Plattformen organisieren, die teils schwerer zu regulieren sind - das könnte dann die Radikalisierung der Bewegung fördern. Da muss man sich fragen, ob es nicht besser ist, die Gruppen in einem transparenten digitalen Raum zu lassen, der auch für Sicherheitskräfte zugänglich ist." Auch nutze ja nicht nur die Querdenken-Bewegung Telegram intensiv, sondern viele Privatpersonen und andere Gruppen, die beispielsweise zu Gegendemonstrationen aufrufen. Eine Abschaltung würde also auch nicht radikale Unbeteiligte treffen.

Im Laufe der Pandemie entwickelte sich der Tenor in der Bewegung immer mehr in Richtung Kritik an der Wissenschaft und dem demokratischen System. Dabei kommt immer häufiger die Frage auf: Verlieren wir durch die Pandemie einen Teil der Gesellschaft an den Extremismus?

Schaaf ist hoffnungsvoll: "Viele der Menschen informieren sich nicht nur über Alternativmedien, sondern beziehen Nachrichten aus diversen Kanälen. Nicht zu unterschätzen ist dabei der Aus-tausch im sozialen Umfeld - unter Kollegen, in der Familie oder im Freundeskreis. Das macht mich optimistisch. Problematisch wird es, wenn sich diese Medienwahl auf einzelne Quellen kon-zentriert oder der Austausch nicht mehr stattfindet."

Hanna Feige ist Teilnehmerin beim Projekt Junge Zeitung und studiert in Mainz.

Diese acht Sponsoren ermöglichen das Schüler- und Studentenprojekt.
Diese acht Sponsoren ermöglichen das Schüler- und Studentenprojekt. © FNP

Die Misstrauensgemeinschaft der "Querdenker" - Die Corona-Proteste aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

Sven Reichardt (Hrsg.), Campus, 323 Seiten, 29,95 Euro Einige Informationen in diesem Artikel sind dieser Essay-Sammlung entnommen, die verschiedene Aspekte der Bewegung beleuchtet.

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