Bis der Wein (hier im Rheingau) in der Flasche ist und Geld bringt, ist ein hoher Aufwand notwendig.
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Bis der Wein (hier im Rheingau) in der Flasche ist und Geld bringt, ist ein hoher Aufwand notwendig.

Winzer suchen Nachfolger

Weingut zu verkaufen

Das Leben zwischen den Reben ist hart. Vor allem jüngere Menschen scheuen die arbeitsreiche und risikobehaftete Tätigkeit.

Von Arne Bensiek

Für viele Weinliebhaber ist es der große Traum: ein eigenes Weingut. So unrealistisch wie der Wunsch manchem erscheint, ist er gar nicht. Seit Jahren schon findet in Deutschlands Weinanbaugebieten ein Paradigmenwechsel statt. Tausende Winzer stehen aus Altersgründen vor der – im Einzelfall sehr dringenden – Frage, wer ihr Weingut übernehmen und weiterführen kann. Immer seltener will das der eigene Nachwuchs tun, daher werden motivierte Quereinsteiger gesucht. Neben dem Kauf gibt es diverse Beteiligungsmodelle.

„Viele Winzer hoffen, dass ihr Lebenswerk fortgeführt wird“, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz. Oft misslinge die Nachfolge jedoch. Die Winzer verkauften dann ihre Reben zumeist an das benachbarte Weingut; ihre Marke ginge verloren. Die Fläche, auf der in Deutschland Wein angebaut wird, ist zwar seit Jahren konstant. Zwischen 2003 und 2013 sank die Zahl der Weingüter aber von 29 300 auf 18 700.

Mit seinem Unternehmen „Wein und Rat“ will Erhard Georg Heitlinger das Weingutsterben eindämmen. Er will Winzern dabei helfen, ihr Weingut in vernünftige Hände zu übergeben, und zugleich anderen Menschen den Traum vom eigenen Wein erfüllen. „Wir bringen Verkäufer mit geeigneten Käufern zusammen und begleiten den gesamten Übergabeprozess“, erklärt Heitlinger. Er weiß, dass das schwierig ist. 31 Jahre lang hat Heitlinger sein gleichnamiges Weingut in Baden betrieben, zuletzt mit 45 Hektar Reben. Wein sei ein sehr emotionales Thema. „Vielen Winzern fällt es schwer, ihren Boden und ihre Pflanzen loszulassen.“ Der Prozess könne ein halbes Jahr dauern, aber auch drei Jahre. Deswegen rät Heitlinger Winzern, sich frühzeitig mit ihrer Nachfolge zu beschäftigen.

Dass Vermittlungsbedarf besteht, bewies unlängst der Andrang bei einer Veranstaltung von „Wein und Rat“ in der Hochschule Geisenheim. 300 Interessierte nahmen daran teil. Neben Weinbaustudenten kamen Winzer und Weingutinteressenten zum Teil sogar aus dem Ausland, um sich von Heitlinger und seiner Geschäftspartnerin Natascha Popp zu möglichen Übernahmeszenarien beraten zu lassen. Das Unternehmen zeigte einige aktuelle Beispiele aus seinem Portfolio: Ein Weingut an der Nahe mit sieben Hektar Reben, Wohnhaus, Kelterhaus und Kellerei für 950 000 Euro oder zweieinhalb Hektar in Rheinhessen mit Kellerei für 590 000 Euro – ein Teil als Ratenzahlung in einem Rentenmodell möglich. „Also etwas für Jungwinzer zum Reinwachsen“, sagt Natascha Popp.

Dass es in Zukunft genügend Käufer für deutsche Weingüter geben wird, davon ist Erhard Georg Heitlinger indes überzeugt. Der Markt in Bordeaux, dem Burgund oder der Toskana sei abgegrast, der Preis für ein Weingut entsprechend hoch. Deshalb weckten deutsche Weingüter auch bei ausländischen Investoren immer mehr Begehrlichkeiten. „Sie werden da noch manches Wunder erleben“, glaubt Heitlinger, der jüngst das zum Verkauf stehende Traditionsweingut Hans Lang aus Eltville im Rheingau an einen Schweizer Unternehmer vermittelt hat.

Ein individuelles Produkt

Anbahnungen solcher Art müssen in der Regel diskret ablaufen, denn Verkaufsgerüchte können einem Weingut schaden. Erfährt in einem großen Betrieb der angestellte Kellermeister, dass sein Chef verkaufen will, nimmt er das womöglich zum Anlass, sich nach einem neuen Arbeitgeber umzusehen. Wertvolles Wissen geht so verloren. „Wein ist schließlich kein maschinelles Produkt wie eine Schraube oder ein Dübel, die auch nach einem Verkauf der Fabrik garantiert gleich hergestellt würden“, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut.

„Zwei, drei Kollegen habe ich auch schon entdeckt“, sagt ein 66 Jahre alter Winzer, der von der Nahe kommt. Er habe den Ausflug in die Hochschule Geisenheim gewagt, weil es dringend Zeit werde, einen Nachfolger zu finden. Auf drei Hektar Steilhang baue seine Familie seit 16 Generationen Riesling an. Der Sohn wolle das Traditionsweingut aber nicht fortführen, da er eine eigene Firma hat. Weil der Senior sich nicht vorstellen kann, die Reben an den benachbarten Winzer abzugeben, sucht er nach einem Quereinsteiger, den er sogar noch zwei Jahre anlernen und begleiten würde.

Der Nachfolger müsste nicht einmal sofort den Kaufpreis auf den Tisch legen. „Ich wäre bereit, ein Rentenmodell zu akzeptieren, bei dem ich eine monatliche Summe überwiesen bekomme“, sagt der Winzer.

Wer sich den Traum vom eigenen Weingut dennoch nicht leisten kann, dem bieten sich immerhin einige gängige Beteiligungsformen: Die Rebstockpacht mit Flaschendividende, die Winzerloge mit 100 Flaschen pro Jahr, die aktive oder stille Beteiligung sowie die operative Partnerschaft.

Jung-Winzer sind selten

Auf dem Markt der Interessenten tummeln sich laut Natascha Popp derweil vier Grundtypen: Der Anleger, der Aussteiger, der expansionsorientierte Winzer und der Jungwinzer. Letzterer ist jedoch eine Seltenheit. „Ich werde nach dem Weinbaustudium erst mal Erfahrung in Südamerika sammeln“, sagt der Geisenheimer Bachelorstudent David van den Höövel. Der Traum vom eigenen Weingut habe noch ein bisschen Zeit.

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