Luftfahrt

Wenn Flugzeugteile vom Himmel fallen

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Dass Flugzeuge Teile verlieren, kommt öfter vor, als man denkt. Doch nur wenige Vorfälle werden von Behörden untersucht.

Die Zahl ist schier unglaublich: Mehr als 400 Flugzeugteile fielen in den vergangenen zehn Jahren über Deutschland vom Himmel, allein 2017 waren es 32 Teile, in diesem Jahr bisher neun. Und dabei handelte es sich um keine Kleinigkeiten: Fahrwerksabdeckungen oder Triebwerksverkleidungen, sogar ganze Landeklappen und ein Zusatztank fielen schon vom Himmel. Schwere Unfälle habe es keine gegeben, lautet jedoch die Auskunft des Bundesverkehrsministeriums von Ende Juli, nicht alle Fälle würden zudem untersucht.

Die Mainzer Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Grüne) kann darüber nur den Kopf schütteln. „Bei der Antwort habe ich mich auch gefragt, wann etwas eigentlich eine schwere Störung oder ein Unfall ist“, sagt die Mainzerin im Gespräch mit dieser Zeitung: „Selbst ein Teil mit nur 20 Gramm kann jemanden erschlagen, wenn es aus großer Höhe fällt. Muss denn wirklich erst etwas Schlimmes passieren?“

Genau das fragen sich die Bürger in Mainz derzeit auch. Anfang Juni fand im Stadtteil Hechtsheim ein Mainzer eines Nachmittags ein langes Stück Gummi in seinem Garten: Etwa 1,5 Meter lang, zwei Kilogramm schwer und stark nach Treibstoff riechend. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) bestätigte schließlich: Ja, es handele sich um ein Flugzeugteil, wahrscheinlich eine Dichtung, berichtet Joachim Alt von der Mainzer Initiative gegen Fluglärm. Um eine sogenannte „schwere Störung“ oder einen Unfall handele es sich dabei aber nicht, deshalb werde die BFU keine weitere Untersuchung einleiten.

„Ich finde das ungeheuerlich, das darf nicht sein, dass dem nicht nachgegangen wird“, sagt Rößner. Auch bei Flugzeugteilen müsse eine Rückverfolgung möglich sein und vor allem auch erfolgen. Doch das geschieht offenbar bei den zuständigen Bundesbehörden meist nicht: Ereignisse im Bereich der zivilen Luftfahrt, die als Unfälle oder schwere Störungen klassifiziert würden, würden von der BFU untersucht, die sei dazu auch verpflichtet, teilte das Bundesverteidigungsministerium auf Anfrage Rößners mit. Was aber als schwere Störung einzustufen sei, das sei der BFU überlassen.

Und die stuft offenbar nur die wenigsten Vorfälle überhaupt so ein: Seit dem Jahr 2008 wurden aus der zivilen Luftfahrt 57 Ereignisse herabstürzender Flugzeugteile gemeldet. Davon wurden lediglich zehn Vorfälle durch die BFU untersucht. Nur ein Ereignis wurde als Unfall gewertet, sechs Ereignisse als „Störung“, drei als „schwere Störung“. Vom Himmel gefallen waren bei diesen Vorfällen etwa Teile der Triebwerksverkleidung, eine kleine Frachtraumklappe, ein Zusatztank und zuletzt 2017 eine Klappenantriebsverkleidung.

Nicht untersucht wurden demnach Vorfälle, bei denen kleinere Elemente wie Reifenteile oder Schrauben herabfielen.

Rößner hält schon die Zahl der gemeldeten Vorfälle für viel zu gering: Im gleichen Zeitraum wurden von der militärischen Luftfahrt 351 Zwischenfälle gemeldet. „Die Vermutung liegt nahe, dass in der zivilen Luftfahrt nicht alle Vorfälle gemeldet werden“, sagt Rößner. Dabei besteht laut Bundesregierung eigentlich „eine Meldepflicht derartiger Ereignisse“, das Nicht-Melden sei eine Ordnungswidrigkeit, die mit Bußgeldern belegt werden könne. Auch die Meldepflicht gilt aber wieder nur für „Unfälle und schwere Störungen“.

„Alle Vorfälle in der Luftfahrt müssen registriert werden“, fordert Rößner deshalb, es müsse eine Meldepflicht geben „für alle Teile, die während des Flugs abhanden kommen“. Die Antworten des Ministeriums ließen zudem viele Fragen offen. So konnte man weder beantworten, ob bestimmte Flugzeugteile besonders häufig verloren werden, ob Starts oder Landungen besonders gefährliche Momente sind, und ob es regionale Häufungen gibt.

Der Bundesregierung seien „keine Fälle bekannt, bei denen seit dem Jahr 2008 durch herabgestürzte Flugzeugteile Siedlungsgebiete betroffen waren“, heißt es in der Antwort vom 29. Juli gar – da war das Hechtsheimer Flugzeugteil längst bekannt. Luftfahrt-Bundesamt und BFU schöben die Verantwortung hin und her und müssten sich „die Frage gefallen lassen, ob nicht auch im

Kompetenzwirrwarr

das ein oder andere gemeldete Ereignis in der Vergangenheit unterging“, sagt Rößner deshalb.

Zum abgestürzten Flugzeugteil in Mainz-Hechtsheim ermittelten die Behörden inzwischen doch, sogar die Fluglinie ist bekannt. Die sei ja offenbar ihrer Meldepflicht nicht nachgekommen, sagt Rößner: „Ich erwarte hier Bußgeldverfahren und eine lückenlose Aufklärung.“

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