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ARCHIV - Blick in den Innenraum eines Pkw der Marke BMW am 29.06.2016 nach einem Einbruch und Diebstahl der Elektronik wie Navigation, Lenkrad, und Airbag in Niederhausen (Hessen). (zu dpa "Lenkrad-Diebstahl" vom 15.11.2017) Foto: Andrea Löbbecke/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Autoknacker-Banden

Wenn Lenkrad und Navi fehlen

Professionelle Autoknacker haben es in Hessen längst nicht mehr nur auf Navigationsgeräte abgesehen. Die Täter kommen oft aus Osteuropa und haben sich spezialisiert.

Böser Schreck am Morgen: Die hintere Seitenscheibe ist eingeschlagen. Das Lenkrad, der Airbag und auch das Navigationsgerät sind ausgebaut. Viel zerstört haben die Täter nicht, es waren offenbar Profis. „Es hat schon wieder den BMW erwischt“, ruft der genervte Niedernhausener seiner Frau zu. Später wird er von der Polizei erfahren, dass die Täter eine Decke um ein Stemmeisen gewickelt haben, um die hinter Seitenscheibe leise einschlagen zu können. Zwei Minuten dürften die Diebe gebraucht haben, um die wertvollen Teile auszubauen. Die Autobahn 3 ist nahe - das ist sehr praktisch für die Täter, die schnell weg wollen.

Die Polizei nimmt die Anzeige auf. Ihre Berichte nach nächtlichen Klaus sind mittlerweile Routine. In Wiesbaden lauten sie etwa: „Aus zwei in der Mainzer Straße sowie in der Kirchstraße geparkten BMW bauten die Kriminellen jeweils die Lenkräder samt Airbags und Navigationsgeräten aus. “

Nach Einschätzung von Polizeihauptkommissar Andreas Hemmes vom Polizeipräsidium Westhessen hat sich das Verhalten der Autoknacker geändert. „Früher wurden fast immer nur fest installierte Navigationsgeräte ausgebaut, das ist heute anders“, sagt er. „Wenn heute einer im Auto drinnen ist, baut er auch Lenkräder und Airbags aus.“ Das hänge immer auch davon ab, welcher „Spezialist“ gerade im Einsatz sei. „Wenn einer schnell Lenkräder ausbauen kann, dann sind es in dieser Nacht eben Lenkräder. “

Diese spezialisierten Täter sind wichtig für die Hintermänner. Mal knacken sie Wagen direkt vor dem Haus des Besitzers, mal fahren sie Autos an eine Stelle in Deutschland, wo sie ausgeschlachtet werden. Die Spezialisten fahren die Wagen nur selten selbst über die Grenze. Wegen ihrer besonderen Fähigkeiten seien sie schlicht zu wertvoll. Bei den Tätern handele es sich überwiegend um Banden aus Osteuropa, weiß Hemmes.

Die Wiesbadener R+V Versicherung hat nach Auskunft von Sprecherin Brigitte Römstedt keine statistischen Daten dazu, wie sich der Diebstahl von Autoteilen entwickelt hat. Aber, so Römstadt weiter, die Mitarbeiter in der Schadenabteilung würden einen leichten Anstieg verzeichnen, der vor allem Airbags betreffe. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) spricht von einem Rückgang bei den Taten, aber einer gleichbleibenden Schadenssumme. Dies erklärt der GDV damit, dass die zu zahlende Entschädigung pro Auto gestiegen sei.

Piera Scazzi vom ADAC Hessen-Thüringen in Frankfurt sagt, begehrt seien zwar alle Premiumhersteller. Aber die „überwiegende Mehrheit“ der geknackten und ausgeräumten Fahrzeuge seien BMW. Laut Scazzi passen die sogenannten M-Lenkräder von BMW modellübergreifend auf die Fahrzeuge. „Die können Sie vom 2er bis zum X6 benutzen, das ist für die Diebe attraktiv“, erklärt der Experte.

Laut Scazzi gehen die Diebe „kundenorientiert“ vor. „Heute sucht man sich kein Auto mehr aus und schlachtet das dann“, sagt er. „Die Täter arbeiten auf Bestellung. Die bauen dann auch nur das aus, was bestellt wurde.“ Und das Geschäft ist äußerst lukrativ. Für ein M-Lenkrad etwa werden zwischen 400 und 500 Euro bezahlt. Ein Airbag kostet rund 500 Euro.

„Oft wird der gestohlene Wagen in eine leerstehende Halle oder Scheune gefahren, wo die Teile ausgebaut werden“, schildert Cornelius Blanke, Sprecher des ADAC. Das sei nicht so riskant, wie den kompletten Wagen über die Grenze zu fahren. Der von dem Diebstahl betroffene Mann aus Niedernhausen hat die Nase voll. Er fährt mittlerweile einen anderen Wagen.

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