Das Arbeiten von zu Hause aus ermöglicht neue Organisationsstrukturen von Unternehmen und führt zu mehr Selbstverantwortung. FOTO: DPA
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Das Arbeiten von zu Hause aus ermöglicht neue Organisationsstrukturen von Unternehmen und führt zu mehr Selbstverantwortung. FOTO: DPA

Was wirklich zählt

Werte-Serie: Ein fast geräuschloser Wandel der Arbeitswelt

Homeoffice ist dank Corona für viele normal gewordenGesundheit, Solidarität oder Nachhaltigkeit, ist es das, "Was wirklich zählt"? Sind es Mut, Bildung oder der Glaube? In unserer neuen Serie blicken wir auf die Werte unserer Gesellschaft und ihren Wandel. Sylvia A. Menzdorf schreibt heute aus dem Homeoffice über die sich verändernde Arbeitswelt.

Früher war Ingo Hartmann (Name von der Redaktion geändert) morgens der Erste im Büro und abends derjenige, der als Letzter ging. Das hatte viele Gründe.

Das kompakte Arbeitspensum war nur ein Faktor. Ein wesentlicher Grund dafür, dass er oft erst etliche Stunden nach Feierabend seinen Arbeitsplatz verließ, war sein Chef, der den vollen Einsatz seiner Mitarbeiter erwartete. "Wer vor ihm nach Hause ging, brauchte sich keine Hoffnungen mehr zu machen. Nicht auf Gehaltserhöhungen, nicht auf Beförderung", so Hartmann. Der drahtige Mittfünfziger arbeitet als Controller bei einer Bank in Frankfurt. Momentan sieht er seinen Chef nur noch auf dem Bildschirm, bei Videokonferenzen. Hartmann arbeitet im Homeoffice, seit Monaten. Corona-bedingt. Wann er Feierabend macht, interessiert heute niemanden mehr. Entscheidend ist, dass er sein Pensum pünktlich erledigt. Hartmann sagt, seine Arbeitsumstände hätten sich fundamental verändert, und die allermeisten Veränderungen seien positiv.

Es gibt wenig, was er vermisst. Die Wege zur Arbeit in der proppenvollen S-Bahn sind es nicht und der andauernde Geräuschpegel im Großraumbüro ist es auch nicht. "Dann schon eher der Plausch mit Kollegen oder das gemeinsame Mittagessen in der Kantine", sagt Hartmann. Die Kollegen, nun auch alle im Homeoffice, nur noch bei Videokonferenzen zu sehen oder per Telefon zu sprechen, sei anfangs ziemlich sonderbar gewesen. Inzwischen sei es Routine.

Hartmann hat kein Problem, sich am heimischen Arbeitsplatz zu organisieren und zu motivieren. Dass sein Chef nicht mehr auf Kontrolle setzt, stattdessen auf Vertrauen, empfinde er als Zuwachs von Verantwortung und als Ansporn. "Heute hänge ich oft noch mal eine Stunde dran, obwohl mir der Chef nicht mehr im Nacken sitzt."

Mit dem Durchbruch der mobilen Arbeit müssen sich nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Führungskräfte umstellen. Kontrolle abzugeben und Vertrauen aufzubauen, falle vor allem jenen schwer, die selbst in der Präsenzkultur aufgestiegen sind, weiß Axel Korge, der am Fraunhofer Institut in Stuttgart über die Zukunft der Arbeit forscht. Unternehmen, die nach der Krise wieder zu dem alten Trott "Alles hört auf mein Kommando" zurückkehrten, würden rasch an den Punkt kommen, an dem es nicht mehr weitergehe, warnt Korge in einem Beitrag im Handelsblatt. Weil sie sich damit als zu unflexibel, zu wenig innovativ zeigten.

Unternehmen müssten Organisationsformen wählen, die Mitarbeiter mehr Verantwortung übertrügen und sie an Entscheidungs- und Innovationsprozessen beteiligen.

Wir sind also mittendrin im größten Feldversuch aller Zeiten, der völlig unbeabsichtigt vor gut einem halben Jahr begann, als Unternehmen wegen der Corona-Pandemie in aller Eile die Büros räumen ließen und ihre Mitarbeiter zum Arbeiten nach Hause schickten.

Dass dieser Einschnitt die Arbeitswelt dauerhaft verändern wird, hofft auch der Innovationsforscher Dietmar Harhoff, der in München das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb leitet. Unternehmen sollten nach der Krise nicht zu den alten Organisationsmustern zurückkehren, fordert er im Kontext einer Studie, die er mit weiteren Autoren zum Thema "Digitalisierung durch Corona?" vorgelegt hat (https://www.bidt.digital/studie-homeoffice/). Die Studie zeigt auf: "Die CoronaKrise hat schlagartig zu einem verstärkten Einsatz virtueller Arbeitsprozesse geführt.

Die Ergebnisse zeigen, dass dies im Großen und Ganzen gut bei den Beschäftigten ankommt. Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber waren nach Meinung der Beschäftigten gut auf eine Ausweitung von Homeoffice vorbereitet. Tragen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dem starken Wunsch nach mehr Homeoffice nach der Corona-Krise Rechnung, ist davon auszugehen, dass die Corona-Krise einen nachhaltigen Effekt auf die Arbeitswelt in Deutschland haben wird. Die digitale Transformation der Arbeitswelt in Deutschland dürfte sich durch die Corona-Krise beschleunigen. Die vor der Krise in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern intensiv gepflegte Präsenzkultur dürfte vor einem Wandel stehen. Flexiblere Formen der Arbeit wie Homeoffice werden nach der Krise wohl mehr Bedeutung haben, als dies vor der Krise der Fall war."

Heimarbeit stärkt Innovationsfähigkeit

Die Wirtschaft müsse die Bereitschaft der Belegschaft aufgreifen, sich am heimischen Arbeitsplatz selbst zu organisieren, empfiehlt Dietmar Harhoff. Deutschland hinke beim Homeoffice im EU-Vergleich ohnehin hinterher. Dabei sei Heimarbeit nicht nur eine Frage der Organisationskultur. Sie führe auch zu neuen Führungskonzepten und stärke Digitalisierung und Innovationsfähigkeit. Organisationen in Deutschland seien noch zu sehr auf die physische Präsenz der Beschäftigten fixiert, mahnt Harhoff.

Für Ingo Hartmann ist die Aussicht auf Rückkehr ins Großraumbüro inzwischen völlig unattraktiv. Das zwischenzeitliche Gefühl, zu vereinsamen bei der Erwerbsarbeit im heimischen Arbeitszimmer ohne die Kollegen, habe sich vollständig verflüchtigt, sagt er. Er hofft, auch nach der Corona-Krise weiter im Homeoffice arbeiten zu können.

Hoffnungen an die Zukunft des Homeoffice knüpft auch die Umweltorganisation Greenpeace. Wenn 40 Prozent der Arbeitnehmer dauerhaft an zwei Tagen pro Woche von zu Hause arbeiten würden, könne das den CO2-Ausstoß im Verkehr pro Jahr um 54 Millionen Tonnen senken. Das entspreche 18 Prozent aller durch Pendeln entstehenden Emissionen. Die Studie ist online: https://act.gp/31c7XZP

Ein Hinweis, dass Homeoffice kein krisenbedingtes, vorübergehendes Phänomen ist, sondern eine Arbeitsform, die sich geradezu geräuschlos etabliert hat, ist die Reaktion gesetzlicher Krankenkassen. So präsentiert die AOK ihren Ratgeber "So gestalten Sie einen gesunden Arbeitsplatz im Homeoffice", die Techniker Krankenkasse "So klappt's mit der Zusammenarbeit auf Distanz", und die DAK gibt Tipps für "Gesunder Rücken im Homeoffice".

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