Die Idylle trügt: Das Landarzt-Leben ist so wenig verlockend, dass in einigen Regionen Hessens gar ein Mangel in der wohnortnahen gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung droht. Foto: Panther Media, Montage: FNP
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Die Idylle trügt: Das Landarzt-Leben ist so wenig verlockend, dass in einigen Regionen Hessens gar ein Mangel in der wohnortnahen gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung droht. Foto: Panther Media, Montage: FNP

Was wirklich zählt

Werte-Serie: Wie Hessen Landärzte anlockt

Gesundheit, Solidarität oder Nachhaltigkeit, ist es das, "was wirklich zählt"? Sind es Mut, Bildung oder der Glaube? In unserer neuen Serie blicken wir auf die Werte unserer Gesellschaft und ihren Wandel. Christiane Warnecke beleuchtet die Strategien zur Aufrechterhaltung der ärztlichen Versorgung auf dem Land.

Plötzlich zieht es wieder mehr Menschen aufs Land. In Zeiten von Corona genießen viele die landschaftliche Idylle und die Weite, die Abstandhalten fast schon selbstverständlich wirken lässt. Doch die neu erwachte Landlust hat bislang eher Tagestouristen aus den Ballungsräumen erfasst. Auf dem Land leben oder gar arbeiten, bleibt für junge Menschen oft unattraktiv. Sollte sich der Trend zum Homeoffice auch nach der Pandemie halten, dann könnte sich das mittelfristig ändern und zu einer Wiederbelebung der ländlichen Regionen führen, weil Häuser und Wohnungen dort viel günstiger sind und langes Pendeln nicht mehr so häufig nötig wäre.

Doch das ist Zukunftsmusik. Die Momentaufnahme fällt eher ernüchternd aus: Die Jugend zieht es in die Städte, auf den Dörfern bleiben eher die Alten zurück. Die Folge: Bäcker und Metzger schließen, weil sie zu wenig Kundschaft haben. Die Infrastruktur wird immer schlechter. Ein Umstand, der gerade für ältere Menschen fatal ist. Sind sie neben Lebensmitteln besonders auf eine gute gesundheitliche Versorgung angewiesen. Und hier liegt eines der größten Probleme: Auf dem Land mangelt es an Ärzten. In manchen Regionen ist der Weg zur nächsten Praxis so weit, dass sich viele Menschen von einer wohnortnahen Versorgung abgehängt fühlen. Ein Zustand, der an den Grundwerten des gesellschaftlichen Zusammenlebens kratzt.

Das idyllische Landleben trügt

Das hat die Politik längst erkannt und versucht gezielt Ärzte aufs Land zu locken. Bislang jedoch mit geringem Erfolg: Das idyllische Bild vom Landarzt, der fröhlich von einem Patienten zum nächsten fährt, trügt. Ärzte, die zu viele Hausbesuche absolvieren, müssen gar mit Strafzahlungen rechnen. Vor allem aber ist es die mangelhafte Infrastruktur, die viele Mediziner abschreckt, eine Praxis auf dem Land zu übernehmen: Eine schlechte Verkehrsanbindung, kein schnelles Internet, Schulen und Kitas in weiter Ferne und dann auch noch viele Kassenpatienten, aber kaum lukrative Privatpatienten. Dieses Zusammenspiel schreckt viele Ärzte ab, sich auf dem Land niederzulassen. Und das obwohl gerade in ländlichen Regionen viele Ärzte händeringend nach einem Nachfolger suchen.

Die Landesärztekammer Hessen beschreibt die ärztliche Versorgung auf dem Land als "immer schwieriger" und fordert bessere berufliche Rahmenbedingungen für Mediziner. "Dafür ist die Politik zuständig", betont Katja Möhrle, Sprecherin der Landesärztekammer. Damit zielt sie neben Kitas, Schulen und einer guten Verkehrsanbindung auch auf die Ausbildungssituation ab. Künftig "müssen mehr Ärzte ausgebildet werden, um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung sicherstellen zu können.", betont Möhrle. Derzeit gebe es in Deutschland 11 000 Studienplätze für Humanmedizin. Da könne "von einer Bedarfsdeckung keine Rede sein", erklärt die Sprecherin der hessischen Ärztekammer. "Die steigende Zahl betagter Menschen und der zunehmende Mangel an Hausärzten und Fachärzten vor allem in ländlichen Gebieten machen ein Bündel von Maßnahmen nötig", resümiert der Präsident der Landesärztekammer, Dr. Edgar Pinkowski. Neben einer Erhöhung der Zahl der Studienplätze fordert Pinkowski auch bessere Weiterbildungsangebote für Ärzte.

Es drohen Versorgungsengpässe

Großen Handlungsbedarf sieht auch die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH). Nach ihrer Einschätzung ist festzustellen, "dass es insbesondere in einigen ländlichen Regionen entweder bereits Versorgungsengpässe gibt oder diese in den kommenden Jahren drohen". Das gelte sowohl für den haus- wie auch für den fachärztlichen Bereich, berichtet Pressesprecher Alexander Kowalski. So denke die KVH schon seit Jahren darüber nach, wie der ländliche Bereich für Ärzte attraktiver gestaltet werden könne. Auch die Kassenärztliche Vereinigung zeigt mit dem Finger auf die Politik mit ihrer Forderung nach einer besseren Infrastruktur. Die KVH habe aber auch selbst Förderangebote ins Leben gerufen, berichtet Kowalski. Dazu zählt ein Förderprogramm für die ambulante Medizin in Hessen. Unter dem Motto "In die Praxis, fördern, los!" schaffe das Programm finanzielle Anreize für angehende und niedergelassene Ärzte. Dazu zählen Niederlassungszuschüsse und eine Honorargarantie für Mediziner, die bereit sind, sich in Gebieten mit besonderem Versorgungsbedarf anzusiedeln. Die KVH unterstütze zudem bei der Kinderbetreuung und gewähre Umzugszuschüsse für angehende Landärzte.

Im Auftrag des Landes Hessen fördert die KVH zudem Medizin-Studierende, die sich im Rahmen ihrer Famulatur für eine hausärztliche Vertragspraxis in einer ländlichen Region entscheiden. "Damit "zielt die Landesregierung darauf ab, Vorurteile über die Arbeit als Arzt im ländlichen Raum abzubauen und die Bereitschaft, sich nach Abschluss des Studiums in einem ländlichen Gebiet niederzulassen, zu erhöhen", erklärt Yvonne Wagner, Sprecherin des Hessischen Sozialministeriums. Mit den "Landtagen" biete das Ministerium zudem eine Veranstaltungsreihe an, die Ärzten in Weiterbildung die Arbeit im ländlichen Raum näherbringe. "Darüber hinaus haben Medizin-Studierende ab dem ersten klinischen Semester im Rahmen des Projekts Landpartie die Möglichkeit, Kurzzeitpraktika in Hausarztpraxen auf dem Land zu absolvieren", ergänzt Wagner.

Außerdem fördert das Land Gemeindeschwestern, die dabei helfen sollen, Versorgungslücken zu überbrücken. Ebenfalls vom Land gefördert werden Gesundheitszentren auf dem Land, in denen verschiedene medizinische Versorgungsangebote gebündelt werden und wo auch Möglichkeiten bestehen, in Teilzeit zu arbeiten. Diese Zentralisierung von medizinischen Angeboten solle dazu beitragen, effiziente und zugleich leistungsfähige Strukturen auf dem Land aufrechtzuerhalten.

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