Wo beginnt und wo endet die Hilfe? Um die Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen gibt es in Europa immer wieder Streit. Montage: FNP
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Wo beginnt und wo endet die Hilfe? Um die Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen gibt es in Europa immer wieder Streit. Montage: FNP

Was wirklich zählt

Werte-Serie: Wie weit soll unsere Moral tragen?

Gerechtigkeit, Solidarität und Humanität sind eherne Werte - sie auch zu leben ist die HerausforderungGe sundheit, Solidarität oder Nachhaltigkeit, ist es das, "Was wirklich zählt"? Sind es Mut, Bildung oder der Glaube? In unserer Serie blicken wir auf die Werte unserer Gesellschaft und ihren Wandel. Im zweiten Teil fragt Dieter Sattler , wie weit unsere moralischen Werte ausgedehnt werden können.

"Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raum stoßen sich die Sachen." An diesem Ausspruch Friedrich Schillers müssen sich auch moralische Überflieger messen lassen. Es ist leicht, in Sonntagsreden eherne Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, Humanität und Nachhaltigkeit zu beschwören. Es ist aber schwer, diese im Alltag auch anzuwenden. Oft genug kollidieren sie im realen Leben mit Interessen oder einfach der Bequemlichkeit.

Die Umwelt spielt plötzlich keine Rolle mehr, wenn wir in der Corona-Krise trotz anhaltender Vermüllung der Meere verstärkt zu Plastikverpackungen greifen. Oder wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft trotz aller Bekenntnisse zur "Nachhaltigkeit" zum Länderspiel ins nahe gelegene Basel fliegt, statt einfach den Bus zu nehmen.

Die Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Wirklichkeit findet sich auch in vielen Unternehmen, die sich Leitlinien wie Transparenz geben, kritische Mitarbeiter aber mobben. Und natürlich in der Kirche, wenn Geistliche Wasser predigen, aber heimlich Wein trinken - oder noch weit Schlimmeres tun.

So fatal diese Diskrepanz sein kann, ist sie aber sachlich relativ einfach zu durchschauen. Viel schwieriger wird es, wenn die Moral gleichsam mit sich selbst in Widerspruch gerät, wenn es zum Beispiel darum geht, ob das Handeln im Sinne des einen Wertes mit einem zweiten Wert in Konflikt gerät, wie z.B. die Gerechtigkeit und Freiheit. Strittig kann auch sein, wie weit moralisches Handeln ausgedehnt werden soll und kann, ohne berechtigte Ansprüche anderer zu gefährden. Als aktuelle Konfliktfelder sind hier die Themen Flüchtlinge, Klima und Corona zu nennen.

Der vor drei Jahren verstorbene Frankfurter Philosoph Karl-Otto Apel nannte die Debatte, wie weit die Moral ausgedehnt werden sollte, den Konflikt von Binnenmoral und universeller Moral. Er orientierte sich dabei an den drei Stufen der Moralentwicklung von Lawrence Kohlberg: Kindlichem Gehorsam und kindlicher Tauschmoral ("gib du mir, dann geb ich dir") folgt die konventionelle Moral, in der Gruppen durch Regeln funktionieren, die die Teilnehmer aus Einsicht befolgen. Das gilt etwa für Familien, Arbeits- oder Sportteams bis hin zu Staaten. Idealerweise würde als dritte Stufe noch die Stufe der nach-konventionellen Moral folgen, die auf die ganze Menschheit ausgedehnt wird und sich - anders als die konventionelle Moral - vom Vorteilsdenken verabschiedet hat. Apel sah die westliche Welt im Übergang von konventioneller zu universeller Moral. Die Richtigkeit dieser These lässt sich sehr gut an den drei genannten Themen demonstrieren:

Wenn es um die Frage geht, wie viele Flüchtlinge aus Moria aufgenommen werden können, geht es zum einen darum, wie sehr uns das Leid dieser Menschen rührt. Die schrankenlose Aufnahme von Flüchtlingen kann aber auch dazu führen, dass der binnenmoralische Zusammenhalt gefährdet wird, wie die Polarisierung unseres Landes seit 2015 zeigt. Moralisten werfen der anderen Seite Hartherzigkeit vor. Es kann aber auch "Doppelmoral" geben, indem zum Beispiel Gutsituierte die Aufnahme vieler Notleidender fordern, aber wissen, dass sie mit den sozialen Folgen wie Konkurrenz um einfache Arbeitsplätze, billigen Wohnungen oder überfüllten Schulen nicht konfrontiert werden.

Ähnliches lässt sich in der Klimadebatte beobachten. Greta Thunberg und Luisa Neubauer fordern konsequente Klimapolitik, weil sie sonst das Überleben der Menschheit gefährdet sehen. Umgekehrt kann man die Klimaschützer fragen, ob sie das Schicksal von Menschen rührt, die in der Kohle- oder Autoindustrie bei der Umstellung in eine grüne Wirtschaft ihren Job verlieren. Ruckartiges Umsteuern kann auch zu Wohlstandsverlusten führen, was Hilfe auf anderen Gebieten erschwert.

Bei der Corona-Krise wiederum ist zu beobachten, dass die Binnenmoral in Deutschland besser funktioniert als in anderen Staaten. Aber gerade zu Beginn der Pandemie dachte jedes Land zuvörderst an sich, bunkerte medizinische Hilfsmittel. Das könnte auch passieren, wenn es einen Impfstoff gibt.

Menschheitsgeschichtlich ist die Spannung von Binnen- und Universalmoral fast natürlich. Denn historisch ist so etwas wie Solidarität in kleineren Gruppen entstanden und hat sich weiter ausgedehnt. Gerade die Religionen haben moralische Prinzipien dann zu Geboten zusammengefasst. Der Philosoph Arthur Schopenhauer sagte, dass der allen Religionen innewohnende Grundsatz "Was du nicht willst, was man dir tu', das füg' auch keinem andern zu" als Moralgrundlage reicht. Doch wenn Religionen in Wettstreit um die Wahrheit geraten, braucht es wieder einen übergeordnete Wert wie Toleranz, um das friedlich zu regeln. Bis heute entstehen Religionskriege, weil die eine Seite die andere für ungläubig hält. Aufklärer wie Lessing ("Nathan der Weise") oder Kant ("Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft") schufen hier übergeordnete Maßstäbe. Überhaupt zeigte die Aufklärung, auf deren Schultern wir auch heute z.B. mit unserem Grundgesetz noch stehen, dass universelle Werte weitgehend mit der Vernunft begründet werden können. Deshalb ist es auch nur teilweise zutreffend, wenn mancher den - sich etwa im Angriff auf Rettungskräfte zeigenden - Werteverfall im Alltag auf den schwindenden Einfluss von Religion zurückgeführt. Das trifft nur teilweise zu, denn zumindest die Binnenmoral, um die es ja im Zusammenleben weitgehend geht, lässt sich ohne Religion begründen.

Zum einen gibt es gewisse soziale Intelligenz schon bei vielen Tieren. Experimente zeigen auch, dass es so etwas wie ein angeborenes Fairnessgefühl bei den meisten Menschen gibt. Auch scheint das Mitleid, wie Schopenhauer meinte, ein natürliches Gefühl zu sein.

Auf diesen Grundlagen kann Erziehung aufbauen, wenn sie zudem die Wirkung von Gewohnheiten, Vorbildern und vernünftiger Einsicht nutzt, um die Alltagsmoral zu stärken. Diese ist wichtig, hilft aber nur bedingt beim Übergang von konventioneller zu universeller Moral, der die Zukunftsfrage der Menschheit ist. Angela Merkel und Emmanuel Macron liefern hier gute Ansätze. Sie orientieren sich an universellen Maßstäben, richten ihr Handeln aber nicht starr daran aus, sondern versuchen jene gleichsam absolut gültigen Werte mit den Interessen und Ansprüchen ihrer Landsleute zu vermitteln.

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