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Leger gekleidet und gut gelaunt steht Thorsten Schäfer-Gümbel in der Frankfurter Gallusanlage vor unserem Verlagshaus.

Exklusiv-Interview

Thorsten Schäfer-Gümbel nach seinem Rücktritt: "Ich bin emotional sehr überwältigt"

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Mit einem Paukenschlag hat Thorsten Schäfer-Gümbel seinen Rückzug aus allen politischen Ämtern angekündigt. Über emotionale Momente und seine Zukunftsvorstellungen sprachen Chefredakteur Matthias Thieme und Hessen-Chefin Christiane Warnecke mit dem 49-Jährigen.

Fühlen Sie sich erleichtert, die Mühsal der Parteiarbeit hinter sich zu lassen?

Ich schwanke zwischen Wehmut auf der einen Seite und Aufbruch auf der anderen. Es wird auch noch ganz lange so bleiben. Aber die Aufbruchsgefühle überwiegen.

Wie haben Sie die Reaktionen auf Ihren angekündigten Rückzug aus der Politik erlebt?

Ich habe Hunderte Reaktionen bekommen, die mich emotional sehr überwältigt haben: auf sozialen Netzwerken, per E-Mail und per Post. Unfassbar viel Wertschätzung, Anerkennung, viel Dankbarkeit, aber auch viel Trauer. Auch viele Fragen danach, wie es in der SPD weitergehen soll. Ich konnte noch gar nicht alles sichten. Beleidigende Nachrichten wie „Vollpfosten“ waren auch dabei, aber ganz wenige. Die bekommt man als Politiker halt auch immer.

Gespräch mit Christiane Warnecke und Thorsten Schäfer Gümbel

Lassen Sie sich von so viel Zuspruch umstimmen?

Nein, meine Entscheidung ist gefallen, allerdings entscheidet der GIZ-Aufsichtsrat erst am 9. April. Und nur da fällt die eigentliche Entscheidung.

War es nicht voreilig, den Wechsel öffentlich zu verkünden, bevor der Aufsichtsrat offiziell zugestimmt hat?

Der Ständige Ausschuss hat mich am vergangenen Freitag einmütig nominiert. Man war übereinstimmend der Auffassung, dass es nach der Information der Aufsichtsratsmitglieder sinnvoll ist, dass ich aktiv die Öffentlichkeit informiere. Es sollte verhindert werden, dass die Personalie auf anderen Kanälen durchgestochen wird. Das Risiko liegt jetzt bei mir.

In Anlehnung an das Gehalt Ihres Vorgängers bei der GIZ von mehr als 200.000 Euro hat eine Boulevardzeitung getitelt: „Spitzenjob als Belohnung für SPD-Wahlverlierer“. Wie geht es Ihnen, wenn Sie so etwas lesen?

Was solche Blätter über mich schreiben, ist mir wurscht.

Schmerzt es, wenn sie nun ständig von mangelndem Charisma lesen müssen?

Ich habe schon 2008 entschieden, Dinge, die in manchen Blättern über mich geschrieben werden, nicht zu lesen (grinst). Ich weiß aber auch, dass ich Politik sehr sachorientiert und vernunftgesteuert betreibe, das ist derzeit nicht populär.

Was war denn Ihre Veranlassung, die politische Bühne ganz zu verlassen? Sie hätten doch bestimmt auch Karrierechancen in Berlin gehabt…

Ich hatte mit dem Hessenplan Großes vor für Hessen. Ich wollte gestalten. Das ist in der Opposition nur eingeschränkt möglich. Außerdem wollte ich den Zeitpunkt meiner Entscheidung selbst bestimmen. Deshalb habe ich nicht zu lange gewartet. Zum 50. Geburtstag etwas Neues zu beginnen, ist für mich genau richtig. Die Anfrage, als Arbeitsdirektor in der GIZ zu wirken, freut nicht nur mich, sondern auch meine Familie.

Freut sich die Familie darauf, dass Sie künftig häufiger zu Hause sein werden?

Mein Hauptamtssitz bleibt hier in der Region, auch meine neue Tätigkeit wird aber mit viel Arbeit und vielen Reisen verbunden sein. Trotzdem dürfte das Leben etwas geregelter werden.

Wie sieht Ihre neue Aufgabe als Arbeitsdirektor bei der GIZ aus?

Es gibt zwei Bereiche: die klassische Entwicklungszusammenarbeit, die ich als Vorstandsmitglied mitverantworten werde, so der Aufsichtsrat zustimmt. Die bisherige Aufgabenverteilung sieht Afrika, Mittelmeer und den Nahen Osten als Zuständigkeit vor. Im Hinblick auf die Humanitätskrise und die Bekämpfung von Fluchtursachen ist das ein relevantes politisches Feld. Hinzu kommt die Rolle als Arbeitsdirektor. Damit werde ich für 20.000 Mitarbeiter verantwortlich sein.

Sie sagten kürzlich, Ihnen liege die Gestaltung von nachhaltigen Arbeitsverhältnissen am Herzen. Die GIZ ist aber eher für einen hohen Anteil befristeter Arbeitsverträge bekannt. Wie wollen Sie Ihr Ziel erreichen?

Das Thema hat in meinen Gesprächen, insbesondere mit der Arbeitnehmervertreterin der GIZ, eine große Rolle gespielt. Aus meiner Sicht muss es darum gehen, Befristung abzubauen, Menschen aber andererseits darauf vorzubereiten, sich auf neue Aufgaben einzulassen. Die GIZ begründet die Befristungen ja mit häufig wechselnden Aufgaben. Ständige Fort- und Weiterbildung sind ein Schlüssel dazu, befristete Verträge zu reduzieren. Das wird eine große Aufgabe.

Was wird die größte Veränderung für Sie sein in Ihrer neuen Aufgabe??

Als Fraktionsvorsitzender war ich in höchstem Maße frei in meinen Entscheidungen. Als Vorstandsmitglied bewege ich mich in sehr viel mehr Beziehungsebenen. Die Steuerungsaufgabe wird also nicht leichter.

Kann es denn noch schlimmer werden als in SPD-Gremien?

Nein! (lacht)

Wie sehr haben Sie denn unter den Verrenkungen gelitten, die gerade in Berlin manchmal nötig waren?

Sozialdemokrat sein, hat oft auch etwas mit Pflichterfüllung zu tun. (lacht) Aber auch mit Leidenschaft. Intern konnten sich alle immer auf meine Loyalität verlassen. Das war auf der bundespolitischen Bühne am Ende vielleicht auch meine Schwäche. Denn das gilt nicht für alle Führungsspieler.

Liegt Ihr Abschied von der Politik auch an der wenig erfolgversprechenden Lage der SPD?

Manches habe ich nur mit der Faust in der Tasche ertragen. Aber meine Entscheidung hat nichts damit zu tun. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass unsere Zeit wieder kommt. Unsere Themen sind die Richtigen.

Nancy Faeser ist ihre favorisierte Nachfolgekandidatin in Hessen. Wird nächste Woche schon eine Entscheidung fallen?

Zu Personalfragen sage ich nichts, wir haben eine klare Verabredung. Wir werden zunächst das Verfahren für meine Nachfolge verabreden. Ich rechne nicht mit einer Kampfabstimmung auf dem Parteitag im Herbst.

Sie wollen ihre Aufgaben in Wiesbaden noch bis zum Herbst zu Ende führen. Laufen Sie nicht Gefahr, zur „lame duck“ (lahmen Ente) zu werden?

Nein, alle haben verstanden, dass ich erstens im Vollbesitz meiner Kräfte bin, dass ich zweitens im Vollbesitz der Amtsvollmachten bin, und dass ich drittens sehr frei bin, Vorschläge zu machen, ohne auf alles Rücksicht nehmen zu müssen, was man als Vorsitzender eben so zu berücksichtigen hat. (grinst)

Woran lag es, dass sie Ihr Ziel, Hessischer Ministerpräsident zu werden, in drei Anläufen nicht erreichen konnten?

Der erste Anlauf kann nicht ernsthaft gezählt werden. Da ging es um das Überleben der hessischen SPD. Danach ist uns eine beachtliche Aufbauleistung gelungen, aber der Gegenwind aus Berlin, um die folgenden Landtagswahlen zu gewinnen, war zu heftig. Ganz sicher habe ich auch Fehler gemacht.

Welche?

Mein wichtigster Fehler war, dass ich wegen meines Vertrauensverhältnisses zu Tarek Al-Wazir die Grünen inhaltlich zu sehr geschont habe. Und die SPD hat nicht entschieden genug vorangetrieben, von einer Partei des Sozialen zu einer Partei des sozialökologischen Ausgleichs zu werden.

Fühlen Sie sich von den Grünen im Stich gelassen?

Nein, die Grünen sind eine eigenständige Partei. Sie haben unfassbares Glück gehabt. Die Grünen konnten sich entscheiden zwischen Reformpolitik und Machtpolitik; sie haben sich für Machtpolitik entschieden.

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