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Dagmar Lavi spricht über den Pflegenotstand an den Krankenhäusern. 

Mangel an Pflegekräften 

Kommen Kliniken mit dem Pflegenotstand zurecht? 

Knapp 40.000 Pflegekräfte fehlen nach Angaben der Bundesregierung in Deutschland. Für Besserung soll ein neues Gesetz sorgen. 

Wie kommen Krankenhäuser mit dem aktuellen Pflegenotstand zurecht? Darüber sprach Brigitte Dengelmann mit der Pflegedirektorin der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist, Dagmar Lavi. 

Frau Lavi, kürzlich gab es Berichte, dass Kliniken in Leipzig für Pflege-Fachpersonal bis zu 8000 Euro als Willkommensprämie zahlen. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Pflegende wollen, dass sie vernünftig arbeiten können, dass sie nicht zu viele Patienten zeitgleich betreuen müssen. Das stellt zufrieden. Wenn die Bedingungen nicht stimmen, nutzen solche Aktionen wie in Leipzig nichts. Wer wegen Geld kommt, der geht auch wegen Geld wieder.

Auf welche Weise versuchen Sie, Pflegekräfte zu halten beziehungsweise neue zu gewinnen?

Wir konzentrieren uns auf Mitarbeiterentwicklung durch Fortbildungen und Karrieremöglichkeiten. Außerdem haben wir eine große Krankenpflegeschule, an der wir selbst Pflegekräfte ausbilden und unter anderem einen dualen Studiengang in Kooperation mit einer privaten Hochschule anbieten. Zudem setzen wir auf gute Arbeitsbedingungen und ein gutes Betriebsklima.

Macht sich das auch zahlenmäßig bemerkbar?

Für das Jahr 2019 haben wir für das Krankenhaus Nordwest 54 Arbeitsverträge abgeschlossen, für das Hospital zum heiligen Geist 44. Es werden also 98 neue Kollegen eingestellt, und ich denke, dass es bis Jahresende 120 bis 130 sind. Das ist unser durchschnittlicher jährlicher Bedarf.

Wo finden Sie neue Mitarbeiter?

Unter anderem im Ausland, wie alle anderen Krankenhäuser auch. Zum Beispiel in Kroatien, Bosnien und Serbien. In diesem Jahr haben wir Kollegen aus den Philippinen angeworben. Vor zwei Jahren gab es ein Projekt mit dem Bundeswirtschaftsministerium, bei dem wir 40 vietnamesische Kollegen hier nachqualifiziert haben. So bunt wie Frankfurt ist, so bunt ist auch unser Team.

Pflegekräfte: Woher kommt der Notstand? 

Nach Angaben der Bundesregierung fehlen in Deutschland knapp 40.000 Pflegekräfte, die Gewerkschaft Verdi spricht sogar von 80.000. Welche Ursachen hat dieser Notstand?

Im Jahr 2003 wurden die Fallpauschalen eingeführt und in dieser Konsequenz hat man die Ausbildungszahlen verringert. Deshalb fehlen jetzt die Leute Mitte/Ende 30, die man vor 15 Jahren hätte ausbilden müssen.

Weil man dachte, dass in Zukunft weniger Pflegekräfte gebraucht würden, da man eigentlich die Zahl der Kliniken senken wollte.

Ja, das hat aber nicht geklappt, weil ein Großteil der Krankenhäuser in öffentlicher Hand ist und man sie nicht einfach schließen kann. Auf der einen Seite der Gesundheitspolitik steht die Fürsorge für die Bevölkerung, auf der anderen dieser liberal-ökonomische Blickwinkel - und das hat nicht zusammengefunden. Das ist ein Kulturen-Clash. Man muss sich entscheiden, was man will. Will man, dass sich das sozial für die Bevölkerung stemmen lässt, oder will man es in ökonomische Wege einbahnen? Im Moment ist das alles so dazwischen.

2003 wurden auch die Fallpauschalen eingeführt, also die Vergütung medizinischer Leistungen durch Fixbeträge.

Genau. Früher bekam die Klinik für jeden Tag, den der Patient im Krankenhaus lag, den tagesgleichen Pflegesatz von der Krankenkasse - unabhängig von der Dauer des Krankenhausaufenthaltes. Dann hieß es, das sei zu teuer. Deshalb hat man die Fallpauschalen eingeführt und damit erreicht, dass die Krankenhäuser Fixpreise erhalten - vereinfacht gesagt. Letztlich führte das dazu, dass die Situation für die Krankenhäuser immer schwieriger wird.

Wird in der Pflege jetzt wieder mehr ausgebildet?

Ja, wobei man da auch ein Problem hat: Dafür gibt es nämlich nicht genügend Pflegepädagogen. Sie dürfen nur Pflegekräfte ausbilden, wenn Sie dafür Pädagogen haben - die Sie aber nicht bekommen, weil die Studienplätze dafür nicht da sind.

Pflegenotstand: Was bringt das neue Pflegestärkungs-Gesetz? 

Jetzt stehen wieder Neuerungen an: durch das Pflegestärkungs-Gesetz, das Anfang 2020 in Kraft tritt. Was verbirgt sich dahinter?

Man könnte das Ganze mit einem Kuchen vergleichen. Im Moment kriegen die Krankenhäuser einen ganzen Kuchen, eben die Fallpauschalen. Die Kuchenstücke konnten bisher die Kliniken selber aufteilen: für Ärzte, Pflege, Infrastruktur, Medikamente, Wasser, Heizung und so weiter. Manche Krankenhäuser haben aber den Pflegekräften ein kleineres Kuchenstück gegeben, als eigentlich vorgesehen war.

Und das soll sich nach dem Willen von Gesundheitsminister Jens Spahn ändern?

Ja. Herr Spahn sagt jetzt, wir schneiden ein Stück vom Kuchen heraus, nämlich die Kosten für die Krankenpflege. Das heißt, der große Kuchen wird kleiner, und es gibt ein Extra-Budget, das nur für die Pflege ausgegeben werden darf.

Allerdings nicht für alle...

... sondern nur für Pflegekräfte mit dreijähriger Ausbildung und staatlichem Diplom, die unmittelbar in der stationären Pflege arbeiten.

Pflegeassistenz bleibt also auf der Strecke.

Genau. In all den Jahren haben Krankenhäuser diesen Kuchen zum Beispiel dafür benutzt, Assistenzpersonal einzusetzen. Das sind keine staatlich anerkannten Berufe, sondern die Mitarbeiter werden durch interne Schulungen qualifiziert. In anderen Ländern ist das durchaus üblich, da kümmert sich die Pflegekraft um medizinische Belange und diese Assistenzkräfte machen zum Beispiel Körperpflege, Zuarbeiten und verteilen die Mahlzeiten. Diese Hilfsberufe bleiben aber in dem großen Kuchen drin, dort sind für sie drei Prozent vorgesehen.

Und wer hier mehr einkalkuliert hat, guckt in die Röhre?

So ist es. Für die Häuser, die bis dato viele qualifizierte Kollegen eingestellt haben - wie das Nordwest Krankenhaus und das Hospital zum Heiligen Geist -, verändert sich durch das neue Gesetz eigentlich nichts Wesentliches. Die Krankenhäuser aber, die der Pflege nur ein kleines Stückchen gegeben haben, suchen jetzt händeringend nach Personal mit dreijähriger Ausbildung, damit ihr Kuchen nicht zu klein wird. Diese Fachkräfte gibt es aber nicht. Die ziehen sie zum Beispiel aus den Altenheimen raus...

...weil dort niedrigere Tarife gelten. Klingt nicht so, als ob das Ganze wirklich funktionieren kann, oder?

Eigentlich ist das Pflegestärkungsgesetz eine gute Idee. Es könnte aber dazu führen, dass hochqualifizierte Pflegekräfte wieder Hilfstätigkeiten machen müssen, weil diese Stellen sicher finanziert werden. Das heißt, diese Gehälter bekommen die Krankenhäuser auf jeden Fall zurückerstattet. In einem offenen Brief an Minister Jens Spahn setzt sich deshalb der Clinotel-Krankenhausverbund, dem auch die beiden Häuser unserer Stiftung angehören, dafür ein, dass Pflegeentlastungsmaßnahmen im vollen Umfang ins Pflegebudget kommen.

Seit Anfang Januar gelten für bestimmte Abteilungen außerdem Personal-Untergrenzen.

Das ist auch so ein Bürokratiemonster. Die Kollegen müssen jetzt jeden Tag akribisch einpflegen, wer wann und wo arbeitet, und wie viele Patienten an dem Tag auf der Station waren. Diese Daten werden dann geprüft. Wenn wir diese Untergrenzen mal nicht eingehalten haben, dann müssen wir unter Umständen Strafe zahlen. Das heißt, die Pflege ist immer mehr mit Dokumentation beschäftigt und weniger mit Patienten.

Den Patienten als Ganzes nehmen

Der Bundesgesundheitsminister spricht von einem höheren Stundenlohn für Pfleger. In dem offenen Brief an Jens Spahn ist auch die Rede davon, dass inzwischen Agenturen Pflegekräfte an die Kliniken verleihen - zu Konditionen, die teilweise um ein Vielfaches höher sind als bei eigenem Personal.

Auf diesem Markt herrscht Goldgräberstimmung. Verleih-Agenturen schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie versuchen, qualifiziertes Pflegepersonal mit hohen Gehaltsversprechen abzuwerben und sie dann an die Krankenhäuser zurückzuverleihen. Meiner Meinung nach gehört das verboten. Denn die Krankenhäuser bilden auf Kosten der Beitragszahler die Krankenpflegekräfte aus, die dann von Agenturen abgeworben werden und für horrende Beträge wieder an die Krankenhäuser verliehen werden. Ich finde das nicht richtig.

Heißt das, dass die höheren Gehälter und die Provisionen der Makler an den Kliniken hängen bleiben?

Ja, das muss alles aus dem großen Kuchen herausgeschnitten werden. Bei uns sind dauerhaft aber nur drei bis vier Leiharbeiter eingesetzt - um kurzfristige Engpässe zu überbrücken.

Wenn Sie ein Gesundheitssystem nach Ihren Vorstellungen gestalten könnten - wie würde das aussehen?

So weit ich weiß, gibt es das schon in Kalifornien. Da bekommt der Gesundheitsversorger für jeden Bewohner einer Region einen Fixbetrag. Für diese Summe muss er die Patienten behandeln. Das heißt, er wird großes Interesse daran haben, dass die Leute möglichst gesund bleiben. Ich finde, das ist ein geniales System. Ich wünsche mir, dass mehr Prävention und intensivere Beratungen gemacht werden. Dass man den Patienten als Ganzes in den Blick nimmt und nicht nur das Körperteil, das krank ist. Das wäre mein Traum. Aber ich glaub' nicht, dass ich das noch erlebe (lacht).

Trotzdem sind Sie von Ihrer Arbeit immer noch überzeugt?

Absolut. Pflege ist ein toller Beruf. Man kann unglaublich viel machen, man kann sich entwickeln. Es ist einfach eine sinnstiftende Tätigkeit.

Dagmar Lavi (59) stammt aus Weilburg und kam vor knapp 40 Jahren nach Frankfurt. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Fachkrankenschwester Anästhesie Intensiv. Zehn Jahre lang arbeitete sie in der Pflegedienstleitung am Medical Center in Tel Aviv. 1999 schloss sie ihr Studium in Health Services in Boston ab und bildete sich noch zur Qualitätsmanagerin im Gesundheitswesen und zur Gesundheitsökonomin weiter. 2002 leitete sie den Pflegedienst am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt. Seit 2003 fungiert sie als Pflegedirektorin am Hospital zum Heiligen Geist - eine Position, die sie seit fünf Jahren auch am Krankenhaus Nordwest ausfüllt. Damit ist sie in beiden Häusern für mehr als 800 Pflegekräfte verantwortlich. Mit ihrem Mann ist Lavi seit 35 Jahren verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und ein Enkelkind. 

Von Brigitte Dengelmann 


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