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Nach der vierten Klasse stellt sich für Schüler und deren Eltern die Frage, welche weiterführende Schule sie wählen sollen.

Nachgefragt

Was wirklich zählt bei der Schulwahl

Wenn die Grundschule endet, stehen viele Eltern vor der Frage, welche weiterführende Schule die richtige für Tochter oder Sohn ist. Ein erfahrener Schulleiter gibt Tipps für die Schulwahl.

Eltern schießen viele Gedanken durch den Kopf: Wird mein Kind einen guten Abschluss machen? Was, wenn es nicht mithalten kann? Wird es an der weiterführenden Schule glücklich? Fragen über Fragen, die meist nicht eindeutig zu beantworten sind, sondern von vielen Faktoren abhängen. Geht man nach der Selbstdarstellung der Schule am Informationsabend, wartet auf Kinder überall das Paradies. Peter Schulte-Holtey hat zur richtigen Schulwahl jemanden befragt, der sich auskennt: Stefan Wesselmann, Rektor der Trinkbornschule in Rödermark und Landesvorsitzender des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE).

Kommt jetzt für Grundschüler das Ende der Unbeschwertheit?

Das kommt ganz auf den Blickwinkel und die bisherige Arbeitseinstellung an (lacht). Wer bis einschließlich der vierten Klasse noch nicht begriffen hat, dass Schule auch etwas mit Selbstständigkeit und Anstrengungsbereitschaft zu tun hat, wird sich sicher ab Klasse 5 besonders schwer tun: An der weiterführenden Schule haben die Schülerinnen und Schüler deutlich mehr Unterricht bei deutlich mehr verschiedenen Lehrkräften. Da ist viel Selbstorganisation und Eigenverantwortung vonnöten, es fragt niemand: „Hast du dir die Hausaufgaben abgeschrieben und alles eingepackt, was du dafür benötigst?“ Und auch die Menge an Hausaufgaben wird meist größer.

Was für Fähigkeiten schlummern im eigenen Kind, fragen sich die Eltern beim Wechsel in die fünfte Klasse. Welchen Rat geben Sie: Wie kann man das herausbekommen?

In den meisten Fällen können Eltern ihre Kinder sehr gut einschätzen, wissen, was sie besonders gut können und wo sie noch Schwierigkeiten haben; bezogen sowohl auf die Unterrichtsfächer als auch das Sozial- und Arbeitsverhalten sowie besondere Neigungen. Sie sind die Experten für ihre Kinder, sie kennen sie am besten und längsten. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht für die Eltern, dass sie die zu treffenden Entscheidungen nicht von ihren eigenen Wünschen und Träumen abhängig machen. Ich kenne die Zeugnisse meiner Kinder über Jahre und als Vater weiß ich, mit wie viel – oder auch wie wenig – Aufwand die Noten erreicht wurden. Ich kenne das Arbeitsverhalten meiner Kinder, weiß wie selbstständig und gerne sie sich neue Lerninhalte aneignen. Dazu sehe ich ihre Interessensgebiete. Auf dieser Grundlage versuche ich, mit meinem Kind eine gemeinsame Entscheidung zu treffen, auf welcher Schulform und Schule es am besten weitergehen kann, ohne dass Überforderung und Frust programmiert sind.

Was können Eltern tun, um Probleme beim Schulwechsel zu minimieren?

Lernprozesse leben vom ständigen Abgleich der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Bereits in der Kita ist die Selbsteinschätzung ein wichtiges Thema, was in der Grundschule stetig ausgebaut wird. In vielen Eltern-Lehrer-Kind-Gesprächen passiert genau das: Das Kind schätzt seine schulischen Erfolge selbst ein und erfährt dann, worin es mit der Einschätzung der Lehrkraft übereinstimmt und wo es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Das lässt sich hervorragend auf den Übergang zur weiterführenden Schule übertragen. Wenn alle Beteiligten ihre Sichtweisen auf die bisherige Schullaufbahn abgleichen und dann gemeinsam überlegen, welcher Bildungsgang und welche Schule beziehungsweise Schulform dem Kind einen guten Lernerfolg verspricht.

Viele wollen ihr Kind am Gymnasium anmelden. Was sollten sie beachten?

Stefan Wesselmann

Zunächst einmal die fundierte Beratung durch die Grundschule. Die Lehrkräfte dort kennen die Kinder in der Regel über mehrere Jahre, sehen die individuelle Entwicklung im Fachlichen sowie im Arbeits- und Sozialverhalten. Sie können Leistungsvermögen und -bereitschaft sehr gut einschätzen und in der Regel recht sicher prognostizieren, in welchem Bildungsgang das Kind erfolgreich wird mitarbeiten können. Dabei sind natürlich Einflüsse wie die größere Schule mit größeren Klassen, neuen Klassenzusammensetzungen, vielen neuen Lehrkräften und der irgendwann einsetzenden – oder sich verstärkenden – Pubertät nicht völlig vorhersehbar.

Wichtig ist doch, dass das Schulsystem in Hessen anschlussfähig ist – dass man immer noch den nächsthöheren Abschluss anstreben kann ...

Genau! Bei jedem erfolgreichen Schulabschluss – egal an welcher Schulform – bekomme ich die Chance, den nächsthöheren Abschluss in Angriff zu nehmen. Oft haben mir Eltern im Beratungsgespräch gesagt: „Die Treppe fällt man ja schneller runter als rauf.“ Sie meinten, es ist auf jeden Fall besser, zuerst das Abitur anzustreben. Meine Erfahrung lehrt mich jedoch, dass schon vor diesem „Sturz“ Versagenserfahrungen und Frust so groß sind, dass viele sich von dem Sturz nie wirklich erholen. Wer nach intensiven Misserfolgen das Gymnasium verlassen muss, schafft dann nicht unbedingt einen guten Realschulabschluss, oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Eltern sollten sich unbedingt am Leistungsniveau ihres Kindes orientieren, so dass es eine gute Aussicht auf Erfolg hat. Nur der eigene Erfolg sichert die Lernmotivation über die Jahre.

Müssen viele Eltern noch dazulernen, wenn es um Schulprobleme geht?

Eltern haben in der Regel ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Probleme ihrer Kinder. Manche haben allerdings Schwierigkeiten, diese offen zuzugeben. Und das ist schwierig für alle Beteiligten, denn diese Sichtweise und Haltung werden ja auch auf das Kind übertragen. Aber der konstruktive Umgang mit den eigenen Fehlern und Problemen gehört ganz selbstverständlich zum Lernprozess dazu. Mein größter Wunsch für alle an Schule und Lernen Beteiligten ist: Lassen Sie uns Fehler nicht als Stigma, sondern konstruktiv als Chance auf positive Veränderung begreifen! Wir befinden uns schließlich alle auf dem Weg eines lebenslangen Lernens.

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