Wohlfahrtspflege für mehr Präsenz-Sprechzeiten in Behörden

Jemand möchte Grundsicherung beantragen - aber die Behörde ist für Publikumsverkehr geschlossen, der Antrag nur digital möglich. Dies stellt viele Menschen vor Probleme. Sozialverbände warnen vor einer digitalen Ausgrenzung.

Wiesbaden - Seit der Corona-Pandemie sind viele hessische Behörden nach Erfahrungen von sozialen Beratungsstellen fast nur noch digital erreichbar - wichtige Präsenzsprechstunden fehlen. Die mangelnde persönliche Erreichbarkeit sei für viele Klienten ein großes Problem, sagte die Geschäftsführerin der Liga der Freien Wohlfahrtspflege, Petra Goertz, am Dienstag in Wiesbaden. Es gebe eine „digitale Ausgrenzung“. Die Mitarbeiter in den Beratungsstellen verlören wichtige Gesprächszeit, weil sie den Menschen zunächst bei Fragen etwa zur Grundsicherung oder beim Ausfüllen und Ausdrucken von Online-Formularen helfen müssten.

Neben den durchaus wichtigen digitalen Angeboten müsse die Möglichkeit zum persönlichen Gespräch in den Behörden bestehen bleiben, forderte Goertz. Der Mangel an Präsenzterminen könne bei den Menschen zu „existenziellen Krisen führen“. Die Klienten hätten teils Lebenslagen, die ließen sich nicht digital erfassen, betonte auch Annette Wippermann, Arbeitsmarktexpertin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen. Derzeit übernähmen die Beratungsstellen viele Aufgaben, die eigentlich von den Behörden geleistet werden müssten.

Nach den Worten von Wippermann sei es auch denkbar, dass diese Beratungsleistungen von den Behörden an die Träger delegiert werden - dies müsse jedoch mit dem entsprechenden Personal und einer Finanzierung einhergehen. Liga-Geschäftsführerin Goertz gab zu bedenken, dass viele ärmere Menschen nicht über die digitale Ausstattung mit Laptop, WLAN und Smartphone verfügten, um bestimmte Anträge überhaupt digital stellen zu können. Andere sind wegen einer Behinderung oder schlechter Sprachkenntnisse nicht in der Lage, den digitalen Weg zu gehen.

Ob beispielsweise ein Jobcenter derzeit Präsenztermine anbietet, hänge sehr stark von dessen Leitung ab, erklärte Wippermann. Einige zeigten sich kreativ und hielten an persönlichen Kontakten fest, andere wie etwa im Main-Kinzig-Kreis hätten sogar auch die telefonische Beratung eingestellt. dpa

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