Zwei Wölfe im Wildpark Knüll (Symbolbild).
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Der Wolf siedelt sich auch in Hessen wieder an. Stellt sich die Frage, wie damit umgegangen werden soll. Wissenschaftler sehen kein Problem darin, die Tiere zum Abschuss freizugeben. (Symbolbild)

Kritik am „günstigen Erhaltungszustand“

Wölfe in Deutschland nicht mehr gefährdet? Wissenschaftler fordern vereinfachten Abschuss

  • vonChristopher Ziermann
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Der Wolf kehrt zurück – auch nach Hessen. Ist das Raubtier in Deutschland bedroht? Dieser Einschätzung widersprechen nun mehrere deutsche Wissenschaftler.

Geisenheim/Freiburg – Nachdem im Revier der Stölzinger Wölfin erstmals auch ein Rüde genetisch nachgewiesen wurde und die Bildung eines Rudels bevorstehen könnte, wird die Frage nach dem Umgang mit den Raubtieren drängender.

Der Wolf* ist in Deutschland und in der EU streng geschützt. Auch dann, wenn Wölfe wiederholt Schafe reißen so wie die Stölzinger Wölfin*, dürfen sie nur in Ausnahmefällen abgeschossen werden. Der Grund dafür ist, dass das Raubtier als bedrohte Art gilt. Dem widersprechen mehrere deutsche Wissenschaftler nun.

Wölfe in Deutschland: Bis 1500 Tiere gelten aus fachlicher Sicht als nicht gefährdet

„Es gibt schätzungsweise 1200 bis 1500 Wölfe in Deutschland. Das klingt erst mal nicht viel. Aber Wölfe sind sehr mobil und wandern extrem weite Strecken. Die Population in Deutschland ist keine eigenständige, sondern gut vernetzt mit Polen“, erklärt Prof. Eckhard Jedicke von der Hochschule Geisenheim im Rheingau. Die Zahl der Raubtiere, ihr exponentielles Wachstum und das mit der hohen Wanderfreudigkeit zusammenhängende geringe Inzuchtrisiko führe zu dem Schluss, dass Wölfe in Deutschland aus fachlicher Sicht nicht gefährdet sind. Selbst dann, wenn man nun anfangen würde „regulativ“ in den Bestand einzugreifen, also zu jagen. Zu dieser Einschätzung kommt Jedicke in einem aktuellen Artikel in der Fachzeitschrift „Naturschutz und Landschaftsplanung“.

Allerdings ist fast zeitgleich in einer Zeitschrift mit fast dem gleichen Namen, der „Natur und Landschaft“, ein Artikel über den Erhaltungszustand des Wolfes in Deutschland erschienen, der dort als „ungünstig-schlecht“ beschrieben wird. Das Magazin wird vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegeben. Erklärtes Ziel ist die Erreichung des „günstigen Erhaltungszustands“ – ein Begriff aus dem EU-Recht, genauer gesagt der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH), der seit 1992 für zahlreiche seltenen oder bedrohten Pflanzen- und Tierarten angewandt wird. Auch in der BfN-Zeitschrift wird das starke Wachstum des Wolfsvorkommens in Deutschland beschrieben. Dort kommt man aber trotzdem zu dem Schluss, dass die Raubtiere „weit entfernt“ von einer sich selbstständig und langfristig erhaltenden Population in Deutschland – der Erreichung des „günstigen Erhaltungszustands“ seien.

Wölfe in Deutschland: Die Raubtiere können in Deutschland fast überall leben

Auf Nachfrage unserer Zeitung wird auf die Internetseite des Bundesumweltministeriums verwiesen. Dort heißt es, dass von einem „günstigen Erhaltungszustand“ unter anderem erst dann ausgegangen werden könne, wenn es Wölfe „auch in bisher nicht vom Wolf besiedelten aber besiedelungsfähigen Gebieten“ gibt. Das würde mit Ausnahme von Ballungsgebieten fast die ganze Republik betreffen, denn die Raubtiere können in Deutschland fast überall leben – so das Ergebnis einer im Mai veröffentlichten BfN-Studie. Ist Isegrim wirklich erst dann nicht mehr bedroht, wenn es ihn überall in Deutschland gibt?

Jedicke, der in Waldeck-Frankenberg lebt und an der Hochschule Geisenheim das Kompetenzzentrum Kulturlandschaft leitet, hat sich gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern, unter anderem der Uni Freiburg, zu einem Artikel über das Thema entschlossen, „weil wir die öffentliche Diskussion als sehr festgefahren erleben“. In der Regel stehen sich Behörden und Naturschutzverbände auf der einen und Weidetierhalter und Jäger auf der anderen Seite unversöhnlich gegenüber. Unter anderem regen die Wissenschaftler an, bei der Bewertung des Erhaltungszustandes von bedrohten Arten stärker auf deren jeweilige Biologie einzugehen – also zum Beispiel darauf, wie weit sich Wölfe auf der Suche nach einem Partner fortbewegen. Die Kriterien passten nicht bei allen Arten zur Realität. Bislang sei in keinem anderen ähnlich dicht besiedelten Land der Welt eine so rasche Ausbreitung des Wolfes zugelassen worden wie in Deutschland.

Es ist sinnvoll, Wölfe, die einen standardisierten Grundschutz mehrfach überwunden und Weidetiere getötet haben, möglichst zügig abzuschießen. Das ist bereits heute rechtlich möglich.

Prof. Eckhard Jedicke

Jedicke und seine Mitstreiter weisen aber auch auf die FFH-Richtlinie hin. So seien etwa „wolfsfreie Zonen“ nach derzeitigem Recht nicht möglich. Auch sei ein Abschuss ein Eingriff in die Rudelstruktur und könne dadurch noch mehr Probleme verursachen. Möglich sei aber schon heute, einzelne Wölfe und auch Rudel, die mehrfach ordnungsgemäß geschützte Weidetiere getötet hätten, abzuschießen – wenn „ernste“ Schäden drohen.

Die Wissenschaftler halten es für sinnvoll, das auch „möglichst zügig“ zu tun. Den Bestand der Tiere gefährde das nicht. Meist werden in solchen Fällen bislang erst einmal höhere Zäune* gefordert. Gegen diese „Aufrüstung“ spricht sich unter anderem der landwirtschaftspolitische Sprecher der Grünen in Hessen* aus. Man müsse rechtssichere Abläufe für Abschüsse erarbeiten. Seit 1990 wurden in Deutschland nur vier Wölfe legal geschossen, 53 illegal, so das Bundesumweltministerium.

Wölfe in Deutschland: Konflikt mit anderen geschützten Arten

Eine zentrale Botschaft der Wissenschaftler ist laut Prof. Eckhard Jedicke, dass Weidetierhalter von Politik und Bevölkerung weitaus mehr Unterstützung verdient hätten. „Sie stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Der Wolf ist für sie jetzt der Faktor, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt Jedicke.

Für den Naturschutz sei Beweidung nicht zu ersetzen. Das gelte deutschlandweit zum Beispiel für besonders steile, trockene oder nasse Flächen, die sehr artenreich und deshalb im Fokus des Naturschutzes seien. Dazu gehören auch die in dem Zusammenhang häufig genannten Kalkmagerrasen, die Lebensraum für Orchideen und seltene Schmetterlinge bieten – aber sehr schwierig einzuzäunen sind. Solche Flächen gibt es auch häufig in Nordhessen*.

Wölfe in Deutschland: Schutz von Weidetieren

Ein wichtiger Begriff ist der „Grundschutz“, der in vielen Bundesländern Voraussetzung für Schadenersatz ist, wenn Schafe vom Wolf gerissen wurden. Meist müssen die Zäune dafür stromführend und 90 Zentimeter hoch sein. Damit der Wolf bei Berührung tatsächlich auch einen Stromschlag bekommt, muss die Erdung funktionieren, die bei felsigen, trockenen oder gefrorenen Böden stark beeinträchtigt sein kann, ebenso wenn der Strom über hohes Gras oder Sträucher abgeleitet wird. Die Ausbreitung des Wolfes in Gebiete Deutschlands, wo der Grundschutz aufgrund der Topografie schwierig oder teilweise nahezu unmöglich umzusetzen sei, beginne gerade erst.

Dass Schäfer aufgeben, weil sie sich mit dem Wolf alleingelassen fühlten, müsse verhindert werden. Das könnte dann auch Flächen betreffen, die Pflanzen und Tiere beherbergen, die ebenso wie der Wolf von der FFH-Richtlinie geschützt sind und zu deren Erhaltung Deutschland EU-rechtlich sogar verpflichtet ist. Wenn die Gesellschaft Wölfe in Deutschland befürworte, erscheine es gerecht, grundsätzlich Weidetierhalter wesentlich stärker mit Fördermitteln zu unterstützen und alle Kosten für den Schutz der Weidetiere vollumfänglich zu fördern. Das gelte auch für Hobbytierhalter.

Um Wölfe ranken sich viele Märchen und Mythen. Woher kommt die Geschichte des Rotkäppchens*? (Christopher Ziermann) *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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