Die Fackel der Freiheit soll die Welt erleuchten: Mit dieser Botschaft empfängt Amerika Ankömmlinge in New York. Montage: FNP
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Die Fackel der Freiheit soll die Welt erleuchten: Mit dieser Botschaft empfängt Amerika Ankömmlinge in New York. Montage: FNP

"Was wirklich zählt"

Wozu brauchen wir eigentlich Werte?

Neue Serie befasst sich mit Werten und der Gesellschaft im WandelGesundheit, Solidarität oder Nachhaltigkeit, ist es das, "Was wirklich zählt"? Sind es Mut, Bildung oder der Glaube? In unserer neuen Serie blicken wir auf die Werte unserer Gesellschaft und ihren Wandel. Zum Start geht Michael Kluger der Frage nach, ob Werte überhaupt wichtig sind.

Am Anfang war die Klage. Seit der Mensch über Werte nachdenkt, sind sie im Verfall begriffen. Meist ist die Jugend schuld. Einer der Ersten, die sich über den Niedergang der Moral empörten, war der griechische Philosoph Sokrates vor mehr als 2000 Jahren: Die Jugend habe keine Manieren mehr, schalt er, sie sei faul, habe keinen Respekt vor den Alten, widerspreche den Eltern und schwadroniere in der Gesellschaft. Heute würde er sagen: Sie geht freitags demonstrieren statt in die Schule.

Bergab ging es tatsächlich beinah immer, selbst in Zeiten des Fortschritts. Die wirklich Goldenen Zeiten lagen in der Vergangenheit oder in einer fernen Zukunft: nach dem Ende der Geschichte, nach der Wiederkehr des Messias oder nach der proletarischen Revolution. Am allerschlimmsten aber ist es stets heute. Dieses Gefühl ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts neuerlich weit verbreitet: So schlimm war es noch nie!

Friedrich Nietzsche hat dieses Gefühl des Unheimlichen und Bedrohlichen eindrucksvoll beschrieben - vor rund 150 Jahren schon: "Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?"

Mehr Ungewissheit

Ja, es scheint kälter geworden, frostig geradezu, dunkel. Uns ist in dieser Nacht offenbar die Orientierung abhanden gekommen. Auf das Alte sei kein Verlass mehr, heißt es: Die Werte von gestern taugten nicht für das Leben von morgen. Traditionen hätten ihren Sinn verloren. Kirchen leeren sich. Das Digitale verändert Schule, Arbeit, Beziehungen. Klimawandel und Naturzerstörung gefährdeten unsere Existenzgrundlagen und stellten die Menschheit vor schwere Entscheidungen. Grenzen seien bedroht von der globalen Wanderung der Armen und Elenden. Nicht einmal das Elementarste sei noch gewiss: Zu Mann und Frau hat sich ein drittes Geschlecht gesellt - uneindeutig, divers.

Insgesamt wird der Ton im Zustand ängstlicher Verunsicherung rauer, so beobachten viele, in der Weltpolitik wie in den nationalen Gesellschaften. Mit dem Egoismus des "Ich zuerst" reißen Gräben auf. Gekämpft wird mit noch härteren Bandagen als in der "Ellbogen-Gesellschaft" der 90er Jahre. Die Symbolfigur, die für den gefühlten Wandel der Werte, für ihren Niedergang und eine weltweite Epochenwende zu stehen scheint, heißt Donald Trump. Nie zuvor habe ein Präsident die etablierten Regeln eines Landes, das kraft seiner Verfassung den Anspruch erhebt, die Verwirklichung der höchsten menschlichen Ideale anzustreben, so radikal unterlaufen. Tabubruch, Krawall, vulgäre Diffamierung, Spaltung, Hetze, Lüge - Trump habe "den politischen Diskurs in den USA auf ein für unmöglich gehaltenes Tief" herabgezogen, schreibt Stephan Spierling, Professor für internationale Beziehungen in Regensburg, in seinem neuen Buch "America First".

Angesichts des neuerlichen Befundes, dass es noch nie so schlimm war wie heute, stellt sich die Frage, auf welche positiven Werte die sich berufen können, die ihren Mangel vehement beklagen? Was haben wir überhaupt noch im Bestand? Was gilt noch?

Im unverwüstlichen Genre der Sonntagsrede ist oft von den "europäischen Werten" die Rede, die grob in dem Dreiklang "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" umrissen sind und in einem Finale voll "Freude, schöner Götterfunken" ausschwingen sollen. Andere suchen ihre Werte in der griechisch-römischen Antike oder im "christlichen Abendland", das freilich unter der Fahne der Kreuzzüge und kolonialer Eroberungen in mörderische Schlachten zog. Dass Deutsche sich einmal viel auf eine humanistische Kultur aus dem klassischen Geiste Goethes und Schillers zugute hielten, verhinderte nicht, dass sie sich einem Mann ergaben, der sie in die Barbarei führte. Später hat die antiautoritäre Revolte zwar den Muff unter den Talaren ausgelüftet, aber zugleich bewährte Regeln aus den Angeln gehoben. Die abstrakte Definition von Werten ist also so wenig hilfreich wie ihre pathetische, oft hohl klingende Beschwörung. Im schlimmsten Fall führt sie gar zu einer Orthodoxie, die sie in ihr Gegenteil verkehrt: Der Stalinismus trachtete, Menschen so lange zu erschießen, bis alle ihr Glück in den Beschlüssen der kommunistischen Partei fänden.

Für Werte eintreten

Selbst die erhabensten Werte sind aber nur dort wirksam, wo sie mit Bedacht und Leidenschaft gelebt werden. Der scheinbar naive, durch häufigen Missbrauch zum Gassenhauer verrutschte Satz Erich Kästners ist im Kern eine brennende Wahrheit, der gerecht zu werden, höchste Ansprüche stellt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Er ist so wenig trivial wie Anstand, Respekt, Wahrhaftigkeit, Solidarität, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Stärke, Mut, Entschlossenheit, die als rhetorische Phrasen gar nichts, als konkrete Lebenswirklichkeit aber alles bedeuten. Ohne sie finden Gemeinschaften keinen Frieden. Ohne sie bleibt ein Zusammenleben, das möglichst vielen die Aussicht ermöglichen soll, einen Zipfel vom Glück erhaschen zu können, eine Illusion.

Eine Illusion wie die Annahme, positive Werte stünden ein für allemal fest und stellten sich von selbst ein, eine unsichtbare Hand balanciere die Interessen der Einzelnen zur Harmonie der Vielen aus. Positive Werte entstehen jedoch im Widerstreit. Sie werden erkämpft, verteidigt, neu belebt und manchmal, wenn sie ihre Zeit hatten, durch andere ersetzt. Sie können auf Dauer nicht verordnet, befohlen oder per Gesetz beschlossen werden. Wirklich zählt am Ende nur, was Menschen überzeugt - aus Einsicht, dass etwas gut und gerecht sei, nicht nur für einige. In dieser Serie wollen wir zeigen, wie Werte gelebt werden, wie um sie gerungen und gestritten wird. Was wirklich zählt, sind wir alle. Darum lohnt es sich, für Werte einzutreten, nicht nur zu klagen.

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