Brentanohaus in Oestrich-Winkel

Zechen wie einst Goethe

  • schließen

Es ist der Geburtsort der Rheinromantik, lange lag es im Dornröschenschlaf, nun erwacht das Brentanohaus in Oestrich-Winkel zu neuem Leben: Die Winzerfamilie Allendorf will das Anwesen, wo einst Goethe zechte, wieder zum Treffpunkt der Rhein-Main-Region machen.

Die Zeitreise beginnt, sobald man das Tor durchschritten hat. Das alte, holprige Pflaster, der verwunschene Garten, das vor sich hinträumende Haus – das Brentanohaus in Oestrich-Winkel atmet Geschichte. Das 260 Jahre alte Haus scheint seine eigene Zeitschleife zu besitzen, und wenn man über die Kieswege und den kleinen Laubengang direkt hinein in den alten Weinberg geht, meint man, Dichter Goethe könne jeden Moment um die Ecke biegen, in seinem alten Schlafrock, brummelnd, dichtend.

„Es ist ein Ort, an dem die Zeit keine Rolle spielt“, sagt Ulrich Allendorf, „Zeit verliert hier ihre Beschleunigung, das macht das Haus einzigartig.“ Allendorf ist Winzer in Oestrich-Winkel, sein Georgshof gehört inzwischen mit knapp 80 Hektar Weinbergen zu den Big Playern im Rheingau. 2015 übernahm Allendorf den Weinberg, der ums Brentanohaus herum wächst, am 23. April eröffnete er im Brentanohaus die Gastronomie neu.

„Ich glaube, das Ensemble hat ein Riesenpotenzial“, sagt Allendorf. Natürlich habe ihn als Winzer der Weinberg gereizt, schließlich wachsen die Reben hier in der Lage Winkeler Jesuitengarten, einer der besten des Rheingaus. Riesling wächst hier auf feinem Rheinauenboden, die Allendorfs machten daraus mit dem Jahrgang 2015 den ersten Goethewein, einen filigranen und dennoch fruchtig-fülligen, klaren Riesling.

Es war Anfang September 1814, als ein wahrlich berühmter Gast hier logierte: Johann Wolfgang Goethe, damals schon hochberühmter Dichterfürst, gab der Familie Brentano in ihrer Sommerresidenz im Rheingau die Ehre. Drei Wochen weilte Goethe im Brentanohaus; der 65-Jährige war eigentlich zur Kur in Wiesbaden, von dort nahm er die Einladung der Kaufmannsfamilie Brentano nach Winkel an.

„Goethe schrieb hier einen Teil des west-östlichen Diwans“, sagt Baronin Angela von Brentano. Die Baronin gibt noch heute persönlich Führungen durch das Brentanohaus, und hinter der einfachen Fassade verbirgt sich ein wahrer Schatz: Der große Salon im Obergeschoss mit Möbeln und den alten Seidentapeten – alles ist noch original erhalten wie anno 1814.

In zwei kleinen Zimmern seitlich des Salons schlief und arbeitete Goethe. Das Bett, in dem der Dichter schlief, der Schreibtisch, an dem er arbeitete – alles steht noch, als hätte der prominente Gast es eben erst verlassen.

Die Brentanos waren eine reiche Frankfurter Kaufmannsfamilie mit Wurzeln in Italien, 1806 kaufte die Familie das Haus im Rheingau – es wurde zum Treffpunkt von Dichtern, Denkern und zur Keimzelle der Rheinromantik. „Es war ja nicht nur Goethe hier“, sagt Allendorf. Die Brentano-Kinder und Romantiker Clemens und Bettina, die später den Dichter von Arnim heiratete, weilten selbst hier, dazu Beethoven und die Brüder Grimm. „Unbewusst fühlt man die Präsenz der Romantik, die hier ihren Startpunkt hatte“, sagt Allendorf.

2014 verkauften die heutigen von Brentanos das Anwesen ans Land Hessen. Die Familie, die das Erbe so sorgsam gehütet hatte, konnte die anstehenden Sanierungsarbeiten nicht mehr stemmen. 1,2 Millionen Euro investierte das Land in den Kauf und rettete das Brentanohaus damit auch vor Privatinvestoren, seither wird behutsam renoviert. „Es soll eben nicht aus dem Ei gepellt und ,schick’ oder auf ,Vintage’ gemacht werden“, sagt Allendorf. Das Haus habe seine Identität behalten, und das solle bewahrt werden.

So ist auch das Restaurant in der ehemaligen Remise unten im Haus eine behutsame Mischung aus alt und neu. Theke, Stühle, sogar die Lampen sind selbstgebaut aus edler Eiche, auf der Terrasse die neuen Stühle ahmen die verspielten Formen von einst nach. Rheingauer Sonntagsküche servieren Allendorfs hier, von der Wisperforelle übers Rinderfilet bis hin zum Winzergulasch, der Bratwurst und der Frankfurter Grünen Soße. Dazu gibt es natürlich den Goethewein – der Dichter selbst war einer, der üppig trank. Im Brentanohaus kann man nun wieder auf seinen Spuren wandeln – mit einem Gläschen Wein im Weinberg zu Füßen des Brentanohauses.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare