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Professor Hans-Werner Korf, Leiter des Dr. Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts in Frankfurt.

Chronomediziner Horst-Werner Korf

Zeitumstellung: Willkommen im Mini-Jetlag

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Der Wechsel auf die Sommerzeit ist für viele Menschen – vor allem für Langschläfer – nicht nur unangenehm. Es kann auch gesundheitliche Auswirkungen geben – bis hin zum Anstieg der Herzinfarktzahlen.

Es ist zwar nur eine Stunde, die die Deutschen in der kommenden Nacht durch die Umstellung von Winterzeit auf Sommerzeit verlieren werden, trotzdem spricht der Chronomediziner Horst-Werner Korf von einem „Mini-Jetlag“, den diese verlorene Stunde bei den Menschen verursacht. Bis zu drei Wochen kann es dauern bis Menschen sich auf die neue Zeit eingestellt haben. Langschläfer – sogenannte Eulentypen – tun sich mit der Zeitumstellung wesentlich schwerer als Frühaufsteher – die Lerchentyen.

„Jedes Individuum hat seinen eigenen Chronotyp“, erklärt der Experte. Es gibt die morgenmuffelnde Nachteule, die am liebsten erst dann aufstünde, wenn die morgendliche Lerche schon mehrere Stunden aktiv war. Und es gibt auch die goldene Mitte, die Goldammer, den Mittagsvogel, der sein Lied singt, wenn die Lerche schon verstummt ist und die Eule noch kein „Uhu“ gesagt hat.

Die innere Uhr misst den Menschen eine individuelle Zeit zu, die äußeren Uhren zwingen den Menschen die kollektive Zeit auf.

Medizinisch relevant

wird die Sache spätestens dann, wenn wir gezwungen sind, dauernd unter dem Diktat der äußeren Zeit gegen unseren Chronotyp, gegen die innere Uhr zu leben. Das macht krank, nicht nur psychisch, sondern auch körperlich“, erklärt Korf.

„Die jetzige Umstellung, in der wir eine Stunde verlieren, ist besonders problematisch“, stellt Korf heraus. Er untersucht die Aktivität des Organismus unter dem Regime der inneren Uhr und seine Empfänglichkeit für medikamentöse oder physikalische Therapien. „Dieses Wissen um den rechten Zeitpunkt in die Medizin zu tragen, vorbeugend und heilend: Das ist das Ziel des Dr. Senckenbergischen Chronomedizinischen Instituts“, so Korf.

Allen Menschen gemein ist, dass die Zeitumstellung ihre innere Uhr durcheinanderbringt. „Das ist die Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Uhr. Diese Diskrepanz ist sicherlich kein gesunder Zustand. Die innere Uhr hat eine gewisse Trägheit und kann die Zeitumstellung nicht von heute auf morgen kompensieren“, so Korf.

Genau genommen dürfte auch nicht nur von der einen inneren Uhr die Rede sein: Es sind ganz viele innere Uhren. Jede Zelle des menschlichen Körpers verfügt über eine innere Uhr. Von den 30 000 Genen des Menschen stehen rund 3000 unter der Kontrolle des inneren Uhrwerks. Der „Nucleus suprachiasmaticus“ im Gehirn ist gewissermaßen der Dirigent des inneren Uhrwerks in allen Zellen und koordiniert die vielen, kleinen Körperuhren. Hätte dieser Dirigent alleine das Sagen, dann wäre der Tagesrhythmus eines Menschen 25 Stunden lang. Er verkürzt sich aber um eine Stunde auf 24 Stunden, und zwar durch äußere Reize – in der Hauptsache durch den Wechsel von Licht und Dunkelheit – und pegelt sich so auf 24 Stunden ein.

Das zeigt, wie hoch die Bedeutung des Lichtes für die korrekte Funktion der inneren Uhr ist: Lebte ein Mensch permanent in Dunkelheit, dann würde sich sein Tag auf 25 Stunden verlängern. Und: Wenn die Zeit eine Stunde vorgestellt wird und es morgens beim Aufstehen noch nicht hell ist, dann reagiert die innere Uhr zusätzlich irritiert – braucht sie doch den Lichtreiz, um korrekt zu ticken.

Die innere Uhr bestimmt die Abläufe im Körper, wie etwa die Aktivität der Stoffwechselprozesse, die Zellteilung, die Zellaktivität in Leber und Niere. Kommt die innere Uhr durcheinander, gibt es eine Verschiebung, beispielsweise eine Zeitumstellung, dann hat das laut Korf und der „knallharten zellbiologischen und biochemischen Grundlagen“ messbare Auswirkungen: „Durch die Desynchronisation kann es zu ausgeprägten Krankheitssymptomen kommen.“

Der soziale Jetlag – so nennt man die Verschiebung unseres natürlichen Schlafverhaltens durch gesellschaftliche Notwendigkeiten – kann die Entstehung von Krebszellen fördern. Es gibt Lern-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Die Menschen klagen über Schlafstörungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Verdauungsprobleme und mehr.

Diese Erkenntnisse decken sich mit einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse aus dem Jahr 2014: Danach erhöht sich in den ersten Tagen nach der Zeitumstellung die Zahl der Patienten mit Herzbeschwerden um 25 Prozent, und auch das Herzinfarktrisiko steigt.

Was rät der Chronomediziner, wie man am besten mit der Zeitumstellung umgehen soll? „Versuchen Sie so früh wie möglich Tageslicht zu bekommen, damit die innere Uhr sich der äußeren anpasst“, so Korf. Auf keinen Fall solle man zu Wachmachern oder Schlaftabletten greifen. In der Medizin habe inzwischen ein Umdenken begonnen. Mehr und mehr schenke man bei der Behandlung von Patienten dem Ticken der inneren Uhr Bedeutung. Je nachdem, wann Medikamente oder Therapien eingesetzt werden, kann der Behandlungserfolg ganz anders aussehen. So stellte Korf im vergangenen Jahr beim Bad Nauheimer Gespräch vor einem Fachpublikum dar, dass ich die Überlebenszeit von Patienten mit Lungenkrebsmetastasen im Gehirn deutlich verlängere, wenn die Behandlung mit dem Gamma-Knife um 12.30 Uhr erfolge. Eine einhundertprozentige Anpassung der Medizin auf die innere Uhr der Patienten würde die komplette Änderungen der alltäglichen Handlungsabläufe in medizinischen Einrichtungen zur Folge haben – nicht realisierbar. „Aber man ist sich der Chronomedizin heute schon deutlich bewusster als noch vor zehn Jahren“, so Korf.

Hingegen hat sich hinsichtlich der Zeitumstellung trotz zwei Mal jährlich wiederkehrender Diskussionen zu dem Thema bislang überhaupt nichts bewegt. Energie spare man damit schon lange nicht mehr, rechnet Korf immer wieder in seinen Plädoyers gegen die Sommerzeit vor. „Meine Familie witzelt schon: Immer wenn Papa im Fernsehen ist, wird wieder die Zeit umgestellt“, verrät der Wissenschaftler. Aber er sei zuversichtlich: „Steter Tropfen höhlt den Stein. Vielleicht erleben wir ja noch, dass das abgeschafft wird.“

Doch für welche Zeit entscheidet man sich dann? Für Korf eine klare Sache: „Ich weiß, dass die meisten Deutschen sich die Sommerzeit als Normalzeit wünschen würden, weil man dann einfach abends länger bei Helligkeit draußen sein kann.“ Allerdings rät Korf dringend davon ab, die Sommerzeit als Normalzeit einzuführen, da es dann im Winter eine Stunde später hell wird und „wir brauchen den Lichtreiz gerade am Morgen für die Synchronisation unserer inneren Uhr mit der äußeren“.

Im Alleingang könnte Deutschland sich aber ohnehin nicht von der Sommerzeit verabschieden. Das sei eine Europaangelegenheit, heißt es. Und da hat dann die EU-Kommission das letzte Wort.

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