Trude Simonsohn
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Die Auschwitz-Überlebende Trude Simonsohn bei der Verleihung des Ehrenbürgerrechts.

Zeitzeugin und Ehrenbürgerin: Trude Simonsohn ist tot

Auch mit mehr als 90 Jahren engagierte sie sich unermüdlich dafür, junge Menschen über die NS-Verbrechen aufzuklären. Sie selbst war eine Überlebende des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz. Nun ist die Frankfurter Ehrenbürgerin Trude Simonsohn gestorben.

Frankfurt/Main - Die Frankfurter Ehrenbürgerin und Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn ist im Alter von 100 Jahren am Donnerstag gestorben. Das teilte die Jüdische Gemeinde Frankfurt mit. Salomon Korn, der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, bezeichnete sie als „bemerkenswerte, herausragende Frau“.

„Als Shoa-Überlebende hat sie sich für Versöhnung und ein respektvolles Miteinander in unserem Land eingesetzt“, betonte Korn. „Durch ihr unermüdliches Engagement, insbesondere jungen Menschen in Schulen vom Erlebten zu berichten, wirkte sie für eine friedlichere Gesellschaft. Trude hat ihren Lebensweg auch stets voller Hoffnung und Mut gestaltet und glaubte an eine bessere Welt, die aus ihrer Vergangenheit gelernt hat.“

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) würdigte Simonsohn als bedeutende Hessin, die sich um die Erinnerungskultur und den Wiederaufbau von jüdischem Leben in Hessen verdient gemacht habe. „Trude Simonsohn hat die dunkelsten Stunden deutscher Geschichte miterlebt“, sagte Bouffier. „Angesichts dieser Erlebnisse hätte man es ihr nicht verdenken können, dass sie Deutschland den Rücken kehrt. Doch Trude Simonsohn tat das Gegenteil.“ Für ihre Verdienste um die Erinnerungsarbeit habe Simonsohn 1996 die Wilhelm Leuschner-Medaille des Landes Hessen erhalten.

Trude Simonsohn habe mit ihrer beeindruckenden Zeitzeugenarbeit begreifbar gemacht, was es heißt, in einer menschenverachtenden, rassistischen Diktatur als Jüdin verfolgt zu werden, hieß es in einer Reaktion von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne). „Mit bewundernswert offenen und warmherzigenWorten hat sie dabei stets auch für all jene gesprochen, diees nach den Verheerungen des Holocaust nicht mehr konnten. Dadurchhat sie den nachfolgenden Generationen die Annäherung an dasUnfassbare ermöglicht, um vor allem bei jungen Menschen zuWachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein zu werben.“

„Wer aus dem persönlich erlittenen Schrecken und dem Schmerz eine solche Kraft zur Versöhnung und zum Miteinander findet, wird über Generationen hinweg ein Vorbild für Menschlichkeit, Aufrichtigkeit und Mut bleiben“, betonte der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker. Mit ihren Vorträgen an Schulen habe sie den nachfolgenden Generationen vermittelt, „welche tiefe Verantwortung für eine bessere Zukunft hinter den Worten des ‚Nie wieder‘ steckt.“

Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) ergänzte, Simonsohn habe „wie kaum eine andere dazu beigetragen, den Holocaust als das dunkelste und grausamste Kapitel unserer Geschichte in Erinnerung zu halten.“

„Dass sie unserem Land, unserer Stadt nach allem, was wir ihr und ihrer Familie angetan haben, eine zweite Chance gab, ist für mich bis heute ein unbegreifliches Geschenk“, würdigte der Frankfurer Oberbürgermeister Peter Feldmann die Verstorbene. „Verdient hatten wir es nicht. Aber wir haben es gebraucht.“

Jahre der Verfolgung und KZ-Haft hätten Trude Simonsohn darin bestärkt, sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung einzusetzen – und dabei vor allem die junge Generation anzusprechen und zu berühren, hieß es in einem Nachruf der Bildungsstätte Anne Frank. „Wir verlieren ein Vorbild im Kampf für die Erinnerung an die Shoah und gegen heutige Formen von Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit. Und wir verlieren eine enge Freundin.“

„Mit Trude Simsonsohn verlieren wir nicht nur eine unermüdliche Kämpferin für die Erinnerung an die Shoah und gegen aktuelle Formen von Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit“, sagte Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte, der mit Simonsohn auch persönlich befreundet war. „Trudes Lebensfreude, ihr Humor und ihre klare politische Haltung sind einmalig. Für Trude gibt es keinen Ersatz.“

„Trude Simonsohn war eine ihren Mitmenschen zugewandte Persönlichkeit, getragen von der Hoffnung, dass die Menschen aus der Geschichte zu lernen bereit sind, um ihre Zukunft in Frieden und Freundlichkeit zu gestalten“, sagte Christoph Heubner, Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. „Gerade in Zeiten antisemitischer Verschwörungstheorien und neuem rechtsextremem Hass wird uns Trude Simonsohn bitterlich fehlen.“ Holocaust-Überlebende seien Simonsohn dankbar „für die vielen Gespräche, die sie jungen Menschen gewidmet hat, um von ihren mörderischen Erfahrungen des Hasses, des Antisemitismus und der Gleichgültigkeit so vieler Augenzeugen zu erzählen.“

Die 1921 in Olmütz im heutigen Tschechien, damals Tschechoslowakei, geborene Simonsohn engagierte sich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten und überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz. Seit 1955 lebte sie in Frankfurt, wo sie sich beim Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde engagierte und als erste Frau den Vorsitz der Gemeinde übernahm.

Als Zeitzeugin ging Simonsohn seit Jahrzehnten an Schulen, um Jugendlichen über ihr Leben zu berichten. Erst mit weit über 90 Jahren musste sie ihr Engagement wegen ihres verschlechterten Gesundheitszustands einstellen. Im Jahr 2016 war sie als erste Frau zur Ehrenbürgerin Frankfurts ernannt worden. dpa

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