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Herrliche Szene: Roger (Charlie Hübner) versucht vergeblich, der gestressten Ellen (Christina Große) mit schicken Klamotten und Blumenstrauß zu imponieren.

TV-Kritik

"Anderst schön": Der Film ist ein Volltreffer!

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Spannendes Sozialdrama und geglückte Typenkomödie in einem - und das alles auch noch bestens gespielt.

Roger ("Erstens heiß ich nicht Rodscher, sondern Roger..."), gespielt von Charly Hübner, ist Hausmeister in einem Plattenbau in Schwerin. Er lebt in einem wunderlichen Mikrokosmos gescheiterter Existenzen, zu denen auch seine Mutter (Renate Krößner) gehört: Sie ist Alkoholikerin. Auf dem Dach hat er sich ein kleines Reich eingerichtet mit Schafen, die er vor deren türkischem Besitzer vor dem Schächten gerettet hat - denkt er zumindest. Dabei kennt der Türke, ein Schlitzohr und Vegetarier, Rogers Schwäche und schleppt die Tiere extra an, damit Roger sie ihm abkauft.

 

In Rogers Welt bricht schließlich genau das ein, was ihm bislang am meisten fehlte: eine Frau. Die heißt Ellen (Christina Große) und zieht mit ihrer Tochter Jill (Emilie Neumeister) ins Viertel, um die Siedlungskneipe zu übernehmen. Roger ist Feuer und Flamme für die attraktive Blondine. Der bullige Mann, der sonst ewig im Blaumann herumläuft und zu allem auch noch geschmierte Hakenkreuze überstreichen muss, putzt sich heraus und will Ellen im weißen Hemd mit Blumenstrauß begrüßen.

Aber ach, die lässt ihn aus Zeitmangel einfach stehen, weil sie ihn in diesem Aufzug gar nicht erkennt. Kurz danach bringt Rogers Mutter ihren Sohn in gewaltige Verlegenheit, nachdem dieser ein Stück Wäsche von Ellen aus ihrer Wohnung hat mitgehen lassen. In seinem Frust sucht Roger Trost unter einer SMS-Hotline. Eine Frau namens Svenia redet per SMS mit ihm. Svenia ist in Wirklichkeit niemand anders als Ellen, die sich als SMS-Partnerin was dazuverdienen möchte. Noch ahnt Roger nichts davon - und auch nichts von den horrenden Kosten.

 

Eine selten gut geglückte Kombination aus Sozialdrama und Komödie ist Regisseur Bartosz Werner nach einem Drehbuch von Wolfgang Stauch da geglückt. Die Hauptfigur Roger mutet dabei ein wenig wie eine geschickte Variation des von Erich Bar verkörperten Georg Bleistein aus dem Zweiteiler "Ein Unding der Liebe" an: Beide sind groß und korpulent, ziemlich unbeholfen, versuchen vergebens, eine Frau mit schicken Klamotten zu beeindrucken und haben eine alkoholabhängige Mutter.

Charly Hübner verleiht dem schüchternen Koloss Stimme und Statur und wie er das tut, allein das schon macht diesen Film sehenswert. Das gepresste Atmen, der angespannte Blick und das alles, ohne dass es irgendwie gestellt wirkt - man glaubt gar nicht, dass man hier nicht diesen Roger, sondern einen Schauspieler vor sich hat. Und zwar einen Schauspieler, der sowohl die tragischen als auch die komischen Seiten dieses Roger fein herausgearbeitet hat und aufs Beste miteinander verbindet.

Und Hübner passt auch so wunderbar mit Christina Große zusammen. Deren fragile Attraktivität steht zu seiner wuchtigen Körperlichkeit schon äußerlich in spannendem Gegensatz. Und auch Große beweist eine außergewöhnliche Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten, die gerade durch ihr zurückhaltendes Spiel wunderbar zur Geltung kommen. Gleiches gilt für Emilie Neumeister in der Tochterrolle.

Mit "Es war einmal ein Hausmeister..." beginnt der Streifen, der als Märchen getarnt mit sehr viel Witz, anrührenden Szenen und pointiert realistisch gezeichneten Figuren sehr gute Unterhaltung bietet. Fernab von jeder verlogenen Armutsidylle wie in dem am Vortag gesendeten "Neue Adresse Paradies" beschönigt der Film nichts, belässt den Charakteren aber trotz aller Peinlichkeiten immer noch einen Rest an Würde. Es gibt somit jede Menge guter Gründe, sich diesen Film anzusehen - auch in der ARD-Mediathek für Leute, die ihn verpasst haben.

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