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Saul Padover (Markus Brandl, links), sein Kamerad Paul Sweet ( Wolfgang Cerny, Mitte) und sein Fahrer Joe Doerferlein (Leonard Hohm, links) folgen 1944/45 den kämpfenden US-Truppen in die gerade eroberten deutschen Gebiete. Honorarfrei - nur für diese Sendung bei Nennung ZDF und Oliver Halmburger

"Auf der Suche nach Hitlers Volk": Das Böse hat viele Gesichter

Wer

Von Rebecca Röhrich

Wer glaubt, alles über die Zeit des Nationalsozialismus zu wissen den belehrt die ZDF Dokureihe eines besseren. Die historische Dokumentation legt ihren Schwerpunkt auf die Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und liefert neue Aspekte, die nachdenklich stimmen können. Ein bisschen Schade ist, dass es keine Originalaufnahmen aus den Gesprächen mit den Zeitzeugen gibt. Es tut der Qualität der Dokumentation keinen Abbruch.

Das kollektive Schweigen der Nachkriegsdeutschen ist bekannt. Trotzdem wirken entsprechende original Mitschnitte von  1945 seltsam unwirklich. Die Menschen, die dort bezeugen, dass sie von nichts gewusst haben wollen, wirken so, als wäre sie aus einem Traum erwacht. Diesen Eindruck bestätigen auch die Aufzeichnungen des US-Soziologen und Historikers Saul K. Padover.Seine Erfahrungsberichte sind der Rote Faden der zweiteiligen Dokumentation. 1945 reiste er mit den amerikanischen Alliierten durch das Nachkriegsdeutschland und fand "lauter Unschuldslämmer". Keiner will es gewesen sein. Da ist die Lehrerin, die meinte, Politik gehöre nicht in die Schule. Lediglich das Wirken Hitlers sei unterrichtet worden. Oder die Stenografin, die sich niemals in einen  Nazi  verlieben könnte aber als gute Deutsche auch niemals  einen Mann aus einer "anderen Rasse" heiraten würde. Die Widersprüchlichkeiten sind beklemmend, weil sie zeigen, wie tief die Verblendung der Menschen durch das nationalsozialistische Gedankengut gedrungen ist.

Die Dokumentation ist sehr aufwendig inszeniert, ohne Überladen zu wirken. 69 Millionen Menschen in Nazi-Deutschland waren Mitglied  in NS-Organisationen. Das sind sehr viel mehr, als Hitlers Wählerschaft ausgemacht hat. Ein Aspekt, der den Zuschauer klug hinter die gewohnten Gedankengänge führt. Der Faschismus, das wird am Ende der kurzweiligen Sendung deutlich, hätte ab einem bestimmten Zeitpunkt auch ohne Hitler funktioniert. Hitler hätte nicht alleine 6,3 Millionen Menschen töten können. Etwas, das in jedem von uns steckt hat ihm dabei geholfen.  Das Böse hat viele Gesichter  und wird dadurch nicht mehr greifbar. Solch komplexe Materie zu vermitteln, leistet "Auf der Suche nach Hitlers Volk" auf beeindruckende Art und Weise.

Schwere Kost will leicht inszeniert sein. Die szenisch nachgestellten Gespräche mit Deutschen nach 1945 haben Spielfilmniveau. Auch die Grafiken sind ästhetisch sehr ansprechend und angenehm fürs Auge. Die Dauer von 45 Minuten ist optimal. Es handelt sich somit um eine gute Dosis Geschichte, die zudem neue Denkimpulse auslöst. Kompliment an ZDFZeit. Guido Knopp mit seinen endlosen und häufig zähen Ausführungen über sämtliche Details aus Hitlers Leben kann jedenfalls einpacken.

 

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