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Als die Schlepper Flüchtlinge wie Jan (Fabian Busch, l.) und Sarah (Maria Simon, r.) in Booten vor der Küste Namibias aussetzen, kommt es zu einem folgenschweren Unglück. Bild: WDR/ Anika Molnár

TV-Kritik

?Aufbruch ins Ungewisse?: In einem fernen Land

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Eine umgekehrte Flüchtlingsgeschichte: Nachdem Europa im Chaos versunken ist, muss auch Familie Schneider nach Südafrika flüchten.

Mit der Vorgeschichte hält sich dieser Film nicht lange auf: Ein paar Sätze, Weiß auf Schwarz genügen der Geschichte, um die Ausgangssituation zu verdeutlichen:

"EUROPA IST IM CHAOS VERSUNKEN. RECHTSEXTREME HABEN IN VIELEN LÄNDERN DIE MACHT ÜBERNOMMEN. ES HERRSCHEN UNTERDRÜCKUNG; WILLKÜR UND GEWALT. TÄGLICH WERDEN MENSCHEN VERHAFTET, VIELE VERSCHWINDEN FÜR IMMER."

Das heißt: Muslime, Homosexuelle und Menschen wie Jan Schneider (Fabian Busch), der sich als Anwalt auf die Seite der Opfer gestellt hat, haben nichts Gutes zu erwarten. Wie sich das in einer düsteren Zukunftsversion so gehört, setzt der Film zu Beginn auf eine Atmosphäre gedrängter Angst.  Jan kommt nach Hause, keuchend und mit blutverschmiertem Gesicht, weil er einer „Bürgerbrigade“ in die Hände gefallen ist.

Es geht um eine Verhaftungsliste, auf der auch Jans Name steht. Weswegen er schnellstens flüchten muss. Ein Frachter bringt Schneider und seine Frau Sarah (Maria Simon), Tochter Nora (Athena Strates) und Sohn Nick (Ben Gertz) in südafrikanische Gewässer. In der fünften Minute schaukelt das vollbesetzte Schlauchboot mit den Schneiders und vielen anderen Flüchtlingen an Bord vor der afrikanischen Küste. Als das Boot kentert, geht Sohn Nick verloren.

Regisseur Kai Wessel, der diesen Film nach einem Drehbuch von Eva und Volker A. Zahn sowie Gabriela Zerhau inszenierte, beweist auch in diesen kurzen Szenen ein gutes Gefühl für die Dramatik der Geschichte. Wobei Nicolay Gutscher hinter der Kamera ebenfalls gute Arbeit geleistet hat. Das in der Sequenz, wo die Szenen am Strand gedreht wurden, gerade zufällig dichter Nebel herrschte, verleiht dem Film eine eindringlich passende Optik.

"Aufbruch ins Ungewisse" versucht sich an der Umkehrung einer Flüchtlingsgeschichte: Diesmal sind es Europäer, die flüchten müssen. Dabei steht vor allem die Flucht an sich im Mittelpunkt, inklusive Schleppern und drohender Abschiebung. Der holprige Beginn ist deswegen schnell vergessen, sobald sich der Film auf die Familie Schneider konzentriert, wo zwischen Jan und Sarah sehr schnell Konflikte ausbrechen. "Warum sind wir in dieses beschissene Boot gestiegen?" "Warum hast du uns hergebracht?" "Warum hast du nicht aufgehört, andauernd den Helfer zu spielen?"

Gegenseitige Vorwürfe, die bis zum Ansatz von Handgreiflichkeiten gehen. Die Spannung, die Kai Wessel in Zusammenarbeit mit Maria Simon und Fabian Busch dadurch erreicht, ist beachtlich. Dazu profitiert der Film auch davon, dass die Geschichte nur wenige Protagonisten hat wie eine regimefeindliche Bloggerin oder einen Homosexuellen. Dieser Mut zur Lücke macht sich ebenso bezahlt wie die realistisch gezeichneten Figuren, besonders die rebellische Tochter.

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