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Laura Balta (Julia Riedler) hilft Tom Langen (Andreas Helgi Schmid) in seiner zunehmend verzweifelten Situation noch bis zum Ende.

TV-Kritik

"Aus der Kurve": Trotz Schwächen ein Volltreffer

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Der Psychothriller fesselt bis zum Ende: Ein junger Mann gerät unter Mordverdacht und muss sich seiner Vergangenheit zu stellen.

Eigentlich ist im Leben von Tom Langen (Andreas Helgi Schmid) alles soweit ok: er wohnt mit seiner Freundin Eva Hegerding (Luise Wolfram) zusammen und betreibt mit seinem Kumpel Chris Schmitz (Nico Ehrenteit) ein Fahrradgeschäft. Die Eltern seiner Freundin unterstützen ihn. Doch da ist dieser Alptraum, der ihn eines Nachts schweißgebadet hochfahren lässt – und der hat offenbar etwas mit einem dunklen Wald zu tun.

Es dauert nicht lange, und der Alptraum legt sich wie ein Schatten auf sein Leben: Er bekommt Besuch von Dominik Borgdorf (Maximilian Scheidt), einem weiteren Bekannten aus der Schulzeit, der mittlerweile zum Kriminalkommissar aufgestiegen ist. Jahre zuvor stand Tom in seinem Heimatort Haimersheim unter Verdacht, den elfjährigen Adrian missbraucht und ermordet zu haben. Er wurde aus Mangeln an Beweisen freigesprochen, hat an die Tatzeit aber keine Erinnerung.

Mittlerweile haben sich die DNA-Untersuchungsmethoden so verbessert, dass der Fall neu aufgerollt wird. Tom gibt widerwillig eine Speichelprobe ab. Seine Freundin ist entsetzt, als sie erstmals von den Vorfällen acht Jahre zuvor erfährt. Sie reagiert regelrecht hysterisch, als Tom einmal mit einem Jungen über sein Fahrrad diskutiert. Sehr bald wird Tom zur Zielscheibe: Die Scheiben des Fahrradgeschäfts werden beschmiert, eine Reporterin lauert ihm auf.

 

Um Klarheit über den schrecklichen Vorfall zu bekommen, fährt Tom nach Jahren erstmals wieder nach Haimershaim. Er wird schnell erkannt. Viele Menschen begegnen ihm mit offenem Hass, besonders Dominiks Vater Wilhelm (Waldemar Kobus). Doch Tom sucht die Nähe von Laura (Julia Riedler), einer alten Freundin, die mittlerweile als Künstlerin in Offenbach lebt. Sie hält zu ihm – und ein altes Foto von ihr führt auf die richtige Spur.

In Sachen Logik sollte man an die Geschichte tunlichst keine allzu hohen Maßstäbe anlegen. Warum hat Tom keine Erinnerungen an die Mordnacht? Warum erinnern sich sofort alle an ihn, während er zuvor noch unbehelligt das Fahrradgeschäft eröffnen konnte? Und wenn er es tatsächlich für möglich hält, der Täter zu sein – sein Verhalten legt in einigen Szenen diesen Schluss nahe, etwa bei seinem Sträuben, die Speichelprobe abzugeben – dann müsste er doch auch wissen, ob er Jungen erotisch findet oder zumindest massive Zweifel haben über seine sexuelle Orientierung. Der Film geht auf diese Fragen aber nicht ein.

 

Erstaunlicherweise funktioniert der Streifen trotz der unfertigen Geschichte sehr gut. Das ist teilweise der technischen Umsetzung zu verdanken: Regisseur Stanislaw Mucha und Kamerafrau Jennifer Günther spielen gekonnt mit Perspektiven und Schnitten sowie Geräuschen und Musik. Einige Szenen sind von seltsamer Schönheit: Etwa wenn Chris nachts auf einem Heimweg sich in das Licht der Straßenreinigung legt. Wobei solche Manierismen manchmal fast schon des Guten zu viel sind: Es erinnert den Zuschauer nämlich auch immer wieder daran, dass es ja nur ein Film ist, den er sieht.

 

Es sind aber besonders die Schauspieler, die den Betrachter in diese Geschichte hineinziehen. Andreas Helgi Schmid, Nico Ehrenteit und besonders Julia Riedler überraschen mit einer Frische und Natürlichkeit, dass man gerne mal ein Auge zudrückt. Das alles passt auch zu der Experimentierfreude, von der die Macher dieser faszinierenden Mischung aus Krimi und Psycho-Drama allesamt im hohen Maße profitierten. Schon toll, was dabei herauskommt, wenn mal das gewohnte Schema "Kommissar überführt Täter" vergessen werden darf.

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