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Der Bauer und Gastwirt Pankraz (Josef Bierbichler) berät sich mit seiner Frau Theres (Martina Gedeck) über die Geldschwierigkeiten, in denen ihr Hof steckt.

"Zwei Herren im Anzug"

Beckett ertränkt sich im Chiemsee

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Der bayerische Volksschauspieler hat einen eigenen Roman verfilmt, mit sich selbst und seinem Sohn Simon Donatz in den Hauptrollen.

Bayerischer geht es nicht, das fängt schon mit der Sprache an: Man muss sich erst an die gerollten Wörter und Sätze gewöhnen, die aus den Mündern der Schauspieler kullern wie Knödel auf den Teller mit dem Schweinsbraten. Der Gastraum im Dorfgasthaus am Chiemsee, in dem Josef Bierbichler und Simon Donatz sitzen, als das, was sie im Film wie im Leben sind, Vater und Sohn, könnte auch vor 100 Jahren bereits so ausgesehen haben: lange Tische mit weißen Tischdecken und bäuerlich schlichten Holzstühlen davor, dunkel wie die halbhohe Täfelung an der Wand. Dieser Saal hat schon viel gesehen. Viele Menschen, viele Trauerfeiern, viel bayerische und deutsche Geschichte.

Die Frau des Gastwirts und Bauern Pankraz (Bierbichler) ist gestorben, jene Theres (Martina Gedeck), um die er entschlossen geworben hatte, mit der er sich durch die Jahrzehnte und durch die Ehe kämpfte, durch all die harten Zeiten, in denen es mehr ums Überleben ging als ums Glücklichsein. Gerade dem Sohn des Gastwirts (Donatz) ist da im Heranwachsen der Sinn des Ganzen abhanden gekommen. Religiös? Nein, das ist er nicht. Woher denn? Sein Glaube an

Gott und das Leben

reicht gerade noch dazu hin, morgens überhaupt aufstehen zu wollen. Während die beiden Männer zu einem letzten Trauerfeierbier beisammensitzen, kehren ihre Gedanken und Gespräche zurück zu früheren Familienereignissen zwischen dem Ersten Weltkrieg und den 80er Jahren: Kriegsbegeisterung, Kriegsenttäuschung, Wirtschaftswunder, Wohlstand, und dazwischen der Alltag.

Damit ist die Dramaturgie für Josef Bierbichlers Film vorgegeben: Rückblende auf eine Vergangenheit, die noch gegenwärtig ist. Es sind viele schöne kleine Momente und Szenen dabei entstanden, frei nach Bierbichlers Roman „Mittelreich“, aber so richtig finden die Einzelteile nicht zu einem Ganzen zusammen. „Zwei Herren im Anzug“ bleibt ein Film, der sich selbst versäumt. Das liegt nicht nur daran, dass er sich zwischen den Erzählungen aus dem bäuerlichen Leben mit schweißtreibender Arbeit, entbehrungsreichem Dasein, verzweifelter Triebabfuhr und katholischer Selbstkasteiung manche Absurdität erlaubt. Als hätte Samuel Beckett sich in die Handlung eingemischt und die beiden Herren aus dem Filmtitel mit Anzug und Hut durchs Geschehen geschickt, bis sie am Ende in den Chiemsee gehen wie weiland der Bayernkönig Ludwig II. in den Starnberger See.

Die Ungereimtheiten in Bierbichlers Film liegen auch in dem, was oft herauskommt, wenn einer alles selbst machen will. Das Drehbuch von Bierbichler: zu überanstrengt und verzettelt. Die Regie von Bierbichler: desgleichen. Nur die Darstellungskunst von Bierbichler stimmt. Das Urviech des bayerischen Volkstheaters ist hier ganz bei sich selbst, spielt den Vater und auch den Großvater und ist, was das Talent betrifft, überdies im eigenen Sohn zugegen. Simon Donatz, sonst Kneipenbetreiber in München, betritt nach einer ersten kleinen Nebenrolle an der Seite des Vaters in Tom Tykwers „Winterschläfer“ hier erneut das Berufsfeld des Schauspielers. Des weiteren sind neben der wie immer fabelhaften Martina Gedeck noch Margarita Broich und Irm Hermann zu sehen, die sogar aus dem kleinsten Auftritt ein mimisches Zauberkunststück machen.

Ein „zarter Bub“ war Gastwirt Pankraz in seiner Kindheit. Als junger Mann wollte er Opernsänger werden. Sah er doch schon aus wie der Schwanenritter Lohengrin. Aber dann musste er den Hof im Chiemgau übernehmen. Ein bayerisches Schicksal, wie es angesichts des Bauernsterbens immer seltener vorkommen dürfte. Stoff für einen richtig urigen Heimatfilm. Wenn Bierbichler nicht zu viel Bierbichler inszeniert hätte. Annehmbar

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