Martin Stürmer
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Martin Stürmer, Virologe am Universitätsklinikum Frankfurt, war zu Gast bei Anne Will in der ARD. (Screenshot)

Anne Will (ARD)

Frankfurter Virologe warnt trotz eindringlich vor Corona-Mutante – trotz Impfungen

  • Tobias Utz
    vonTobias Utz
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Deutschland droht ein neuer Flickenteppich an Corona-Regeln. Nach der Notbremse geht es nun um Rechte für Geimpfte. Im ARD-Talk bei „Anne Will“ wurde darüber debattiert.

Berlin/Frankfurt – Nahezu täglich überschlagen sich Meldungen über neue Corona-Lockerungen, die für vollständig Geimpfte in Kraft treten sollen. Dabei existieren bereits jetzt große Unterschiede. Beispielsweise entschieden zuletzt mehrere Bundesländer, darunter Hessen und Bayern, für Geimpfte die Testvorlage-Pflicht beim Friseur abzuschaffen. Andere Bundesländer zögern noch. Derweil nimmt die Impfkampagne an Tempo auf. Diese Schere der Entwicklung war Thema des TV-Talks bei Anne Will in der ARD am Sonntagabend (02.05.2021). Mit „Änderung der Impfreihenfolge, Rückkehr zu Grundrechten – wer darf wann wieder was?“ wurde die Sendung überschrieben.

Ende Mai will die Politik über einheitliche Regelungen in Deutschland entscheiden. Derzeit liegt ein Entwurf des Bundesjustizministeriums vor, der bereits Details verrät. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht warb bei Anne Will für die geplante Verordnung – und sagte: „Kontakteinschränkungen und die Ausgangsbeschränkungen wieder zurückzunehmen für Geimpfte und für Genesene, genau das ist Gegenstand dieser Verordnung.“ Sie stellte zudem klar, dass es weder um Priviligien für Geimpfte gehe, noch darum, Bonbons in der Pandemie zu verteilen.

Anne Will (ARD): Restaurants öffnen? „Es wäre falsch“, sagt Söder

Moderatorin Will bohrte bei diesem Thema tiefer – und stellte die Frage, warum nicht mehr Freiheiten zur Debatte stehen, wie beispielsweise Restaurantbesuche zu ermöglichen. Lambrecht betonte, dass dies lediglich möglich sei, falls ausschließlich geimpfte Personen vor Ort seien. Dabei eine Unterscheidung einzuführen, nahm sie mit nüchterner Skepsis auf. „Ich glaube, da würden wir jetzt wirklich so viel Sprengstoff auch in die ganze Gesellschaft bringen.“

Auch Markus Söder bezog Stellung und stellte sich an die Seite Lambrechts. „Es wäre falsch, jetzt einfach blind bei hohen Inzidenzen die Gastronomie wieder zu öffnen, da wir noch eine viel zu geringe Zahl an vollständig Geimpften haben“, betonte der bayerische Ministerpräsident im ARD-Talk. Zudem stelle sich die Frage, ob sich das überhaupt für die Gastronomen lohne, so Söder. Dem entgegnete Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, dass an dieser Stelle die Verhältnismäßigkeit wichtig sei: „Also wenn die Argumentation wirklich ist, das Individuum darf nicht mehr eingeschränkt werden in der Ausübung seiner Grundrechte, dann frage ich mich schon ernsthaft, warum es wichtiger ist, abends nach zehn rausgehen zu können, statt mein Restaurant wieder betreiben zu können.“ Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft sah das ähnlich. Allerdings seien Modellprojekte wie in Tübingen gescheitert – daraus müsse man lernen.

Gäste bei Anne Will (ARD) am Sonntag (02.05.2021)Funktion, Beruf
Christine LambrechtBundesjustizministerin, SPD
Markus SöderMinisterpräsident Bayern, CSU
Martin StürmerVirologe, IMD Labor Frankfurt
Michael HütherWirtschaftswissenschaftler, Institut der deutschen Wirtschaft
Christiane WoopenMedienethikerin, Deutscher Ethikrat

Anne Will (ARD): Corona-Impfreihenfolge aufheben? – Medienethikerin befürchtet „Wettrennen“ in Deutschland

Zweites großes Thema neben einheitlichen Corona-Lockerungen in Deutschland war bei Anne Will eine mögliche Aufhebung der Impfpriorisierung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte kürzlich angekündigt, dass die Impfreihenfolge spätestens im Juli 2021 wegfallen werde. Moderatorin Anne Will stellte die Frage in den Raum, ob die Impfreihenfolge bereits jetzt geändert beziehungsweise komplett aufgehoben werden sollte.

Medienethikerin Woopen drückte dabei auf die Bremse und forderte, „die Gruppen in den Blick zu nehmen, die ohnehin schon in besonderer Weise unter der Pandemie und den Maßnahmen leiden“. Dazu würden vor allem Menschen aus sozial schwachen Verhältnissen zählen. Diese Personen würden meist auf engem Raum unter prekären Bedingungen leben. Ohne Steuerung und einer Priorisierung für sozial Schwache, befürchtete Woopen, dass es bereits im Juni zu einem „Wettrennen“ um Impftermine im Juli kommen werde. Das Rennen würden im Endeffekt die sozial Starken gewinnen, indem sie Kontakte spielen lassen.

Sendung verpasst?

Hier können Sie den TV-Talk bei Anne Will in der ARD-Mediathek anschauen.

Dem entgegnete Bundesjustizministerin Lambrecht, dass es vorrangig um „vulnerable“ Gruppen gehe – beispielsweise Menschen mit Vorerkrankungen. „Es geht um keine Neiddebatte, es geht um keine Vorzugsbehandlung, es geht darum, dass Menschen geschützt werden“, betonte sie zudem.

Corona: Frankfurter Virologe warnt bei Anne Will vor Mutanten – trotz Impfungen

Abseits der Debatte um eine Aufhebung der Impfpriorisierung warf Martin Stürmer, Virologe am IMD Labor Frankfurt, einen weiteren Aspekt ein. Selbst, wenn zahlreiche Menschen eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten, bleibe ein Restrisiko, dass insbesondere durch Mutationen hervorgerufen werde, betonte er. „Da sind die Virusmengen vielleicht nicht mehr so hoch und der Zeitraum, wo das Virus abgegeben wird, nicht mehr so lang. Das heißt aber nicht, dass diese Personen nicht ansteckend sind“, erklärte er.

Hinzu komme, dass die Infektionszahlen in Deutschland noch zu hoch seien. „Wir erlauben uns bis zu 20.000 Neuinfizierte pro Tag, das heißt, wir erlauben Mutation des Virus, die zufällig ist. Aber in der Kombination von Virusvermehrung auf einem hohen Level plus Selektionsdruck durch die Impfung riskieren wir Selektion von impfresistenten Varianten. Das sollten wir nicht unterschätzen“, warnte Stürmer eindringlich bei Anne Will. Wolle man die Mutationen tatsächlich eindämmen, gelte es, zum einen die Impfkampagne weiter voranzutreiben und zum anderen die Infektionszahlen niedrig zu halten.

Kürzlich hatte der Frankfurter Virologe vor der „vierten Welle“ gewarnt – und sich zur Corona-Notbremse geäußert. (tu)

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