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"Dünnes Eis": Leider mit dickem Logikfehler

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Von: Ulrich Feld

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Kim (Lucie Hollmann) wird nach ihrer Befreiung von Sanitätern betreut. Noch wissen die Ermittler nichts von den Hintergründen ihrer Entführung.
Kim (Lucie Hollmann) wird nach ihrer Befreiung von Sanitätern betreut. Noch wissen die Ermittler nichts von den Hintergründen ihrer Entführung. © MDR/Frédéric Batier

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In diesem Film spielt die Krankheit Pseudologia Phantastica eine tragende Rolle. Betroffene neigen zu zwanghaftem Lügen – sie wollen ständig größer, reicher, erfolgreicher dastehen, als sie wirklich sind. Der TV-Zuschauer erinnert sich möglicherweise noch an den Film "Die Sache mit der Wahrheit" mit Christiane Paul und Jule Ronstedt. In diesem "Polizeiruf 110" ist Anja Peelitz (Christina Große) die Betroffene. Schon zu Beginn erzählt sie ihrer Tochter Kim (Lucie Hollmann) von einem Mann, die sie heiraten und nach New York einladen wollte. Worauf Kim irritierend cool reagiert.

Aber die Mutter hat noch weit mehr gelogen, noch weit mehr Geschichten erfunden: Von einem Ehemann, der bei einem dramatischen Unfall ums Leben kam. Von diesem und jenem. Und von einem Erbe in Höhe von 100.000 Euro, und das ist es, was die Handlung ins Rollen bringt: Kim, die als Verkäuferin jobbt, wird nämlich entführt und der oder die Kidnapper fordern 100.000 Euro Lösegeld. Und die Hauptkommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke) brauchen eine Weile, um zu der wahren Anja Peelitz durchzudringen. 

Im eigenen Lügengespinst gefangen

Die Altenpflegerin hat sich längst in ihrem eigenen Lügengestrüpp verfangen und will das geheim halten, weswegen die Ermittler lange Zeit im Dunkeln tappen. Die Lösung für ihr irritierendes Verhalten zieht das Drehbuch leider ein wenig behelfsmäßig aus dem Hut, nachdem die Fahnder Kontakt zu dem angeblich verstorbenen Vater Kims bekommen. Eigentlich hätten die Ermittler auch ohne diese Handlungskrücke zu der Erkenntnis gelangen können, dass mit Kims Mutter so einiges nicht stimmt.

Dafür entschädigt aber Christina Große, die ihre Geschichten zwar mit großer Überzeugungskraft vorträgt, dabei aber zugleich oft nur mit kleinen Gesten oder einer nicht ganz zur Situation passenden Mimik oder Stimmlage andeutet, dass ihre Figur möglicherweise ein nicht ganz sauberes Spiel spielt. Der Film baut zu Recht auf ihre schauspielerische Präsenz, wenn sie zu Anfang panisch über eine Wiese rennt und schreiend zu ihrer Tochter will. Dann erfolgt eine Rückblende um dreißig Stunden, in welcher der Film die Vorgeschichte erzählt.

Geschickter dramaturgischer Kniff

Die Rückblende ist ein geschickter Kniff, um die Spannung  hoch zu halten. Ebenso die Einblendungen, wie bald eine Lösegeldübergabe erfolgen soll: Die Anspannung der Polizisten wird fühlbar. Angenehmerweise verzichtet der Film auf Privatgeschichten der Ermittler ebenso wie auf pseudokünstlerische Experimente der Regie und konzentriert sich stattdessen auf die Hauptgeschichte, auch in einem lautstarken Wutausbruch Köhlers. Da kann man schon darüber hinwegsehen, dass einige Wendungen im Grunde nicht sonderlich glaubwürdig verlaufen.

Bei einer Lösegeldübergabe nimmt die Polizei das Geld vorher nicht in Augenschein? Dennoch, im Prinzip nicht schlecht gelingt auch die Auflösung am Schluss. Allerdings hapert es in einem kleinen Detail doch erheblich mit der Logik: Warum hat die Tochter die Geschichte mit der Erbschaft so problemlos geschluckt, wenn ihr längst klar war, dass es sich bei ihrer Mutter um eine pathologische Lügnerin handelt? Durch diese Unsauberkeit, die nun wahrlich nicht nötig gewesen wäre, fällt die Geschichte leider erheblich ab – wenn auch nur erst ganz am Schluss.

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